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Seit vielen Wochen ist die Tür verschlossen. Ein Jugendlicher hat sich eingesperrt. Zurück bleiben Vater, Mutter und Schwester - hilflos. In Japan haben Jugendliche wie er längst einen Namen: Hikikomori. Die Zurückgezogenen. Aber auch in westlichen Ländern verbreitet sich das Phänomen. Das weiß seine Familie mittlerweile. Mehr nicht. Sie können nur vor der verschlossenen Tür stehen, auffordern, flehen, fragen, ausrasten, verzweifeln, beschuldigen, ignorieren und hoffen. Dabei wird die Tür mehr und mehr zum Spiegel ihres eigenen Lebens.
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Die Pubertät als wichtigen Abschnitt des eigenen wie des Leben des anderen zu verstehen, ist sicherlich kein Leichtes. Während der Pubertät fällt es schwer zu reflektieren, zu verstehen, dass man in einem bestimmten Zustand befangen ist. Nach der Pubertät fällt es schwer sich zu erinnern, wie gravierend sich dieser Zustand anfühlen kann. Die Prämisse von 1000 Arten Regen zu beschreiben ist deshalb so intelligent, weil sie das Äußere betrachtet und weniger das Innere, das kaum visuell nachzuempfinden ist. Durch die Betrachtung des Äußeren wird jedoch viel deutlicher, wie es im Innern aussehen muss, da wir beobachten können, wie das Äußere nicht auf das Innere zugreifen kann. Wir bekommen also ein sehr deutliches Bild von der inneren Einsamkeit, der inneren Isoliertheit.

Besonders interessant ist der Film deshalb, weil einen bildlichen Ausdruck für die Abschottung eines Heranwachsenden gefunden hat. Viele Eltern haben während der Pubertät das Gefühl, sie erreichen ihr Kind nicht mehr, so als wäre dort eine Tür zwischen ihnen, die sich mit den Jahren geschlossen hat. Regisseurin Isabel Prahl verbildlicht in ihrem Debüt diese Metapher, indem sie wirklich eine Tür, man könnte auch sagen einen Keil, zwischen die Familie treibt. Dadurch verdeutlicht sie diesen Lebensabschnitt in der notwendigen Ernsthaftigkeit, der oftmals eher auf die leichte Schulter genommen wird. Die Pubertät wirkt in ihrem Zeitraum erdrückend, auch wenn sie in der Rekapitulation im Nachhinein vielleicht an Härte verliert. Die Problematik dieses Zeitraums besteht ja eben darin, dass man selbst Dinge fühlt, von denen man sich nicht distanzieren kann, die man nicht einordnen kann, und an deren Endlichkeit man vielleicht nicht einmal glaubt.

Wir sollten das zugesperrte Zimmer als Höhle verstehen, aus der man sich nur selbst befreien kann, dafür muss man jedoch erst verstehen, dass man sich in einer Höhle befindet. Die Nicht-Darstellbarkeit der eigenen Gefühlswelt verwehrt es sowohl dem eigenen Ich als auch Außenstehenden einen Ausweg zu finden. Das Einordnen in die Schublade „Pubertät“, das anhand des Alters sicherlich leicht fällt, genügt eben nicht, um den sich in diesem Zustand befindlichen Menschen zu verstehen. So muss auch die Familie erst lernen, dass das Gebrülle von Vater Thomas (Bjarne Mädel, Stromberg), das Bitten von Mutter Susanne (Bibiana Beglau, Luna) und auch das Motivieren von Schwester Miriam (Emma Bading, Die letzte Sau) vergebens ist.

Was im Folgenden geschieht ist äußerst faszinierend: Jedes Familienmitglied sucht ein Ventil, um die Trauer zu verarbeiten. Thomas findet es im Job, Susanne kümmert sich um einen Freund des eigenen Sohnes so, als wäre es der eigene Sohn, und Miriam driftet in der Party-Szene ab. Die Isolation eines Familienmitglieds bezweckt also die Umorientierung partizipierender Mitglieder. Auch hier arbeitet der Film wieder mit „Außen“ und „Innen“, denn hier wird ein innerlich verwehrtes Bedürfnis (die Beziehung zu einem Familienmitglied) nach außen projiziert, um dort Befriedigung zu erfahren. 1000 Arten Regen zu beschreiben präsentiert uns also ein Konzept der Isolation und des Nachaußenkehrens durch bestimmte Signale und Verlagerungen von Bedürfnissen. In diesem Sinne ist nicht nur ein Film über die Pubertät, sondern auch über Familie und damit Gesellschaft im Kleinen geglückt.

Orientiert ist der Film an einem Phänomen aus Japan, bei dem sich Jugendliche zuhause einsperren und beschließen die Wohnung nicht mehr zu verlassen, um sich dem Leistungsdruck zu entziehen. Thematisiert wird also auch das Generationsproblem, den Ansprüchen von Außen (verstärkt durch die Digitalisierung) zu genügen. Wenn der Wettbewerb im Schulischen wie im Privaten ins Unermessliche steigt, isoliert sich der Mensch aus Selbstschutz und disqualifiziert sich damit selbst vom allgegenwärtigen Wettbewerb. Es folgt eine Isolation nach innen und das Nachaußenkehren des Entsagens. Es wird also nicht nur die eigene Person geschützt, sondern auch ein Zeichen nach außen gesendet, ein Aufruf sich dem zu entsagen. Auch im Subversiven der Szenerie spielt wieder die Kommunikation von Innen nach Außen eine zentrale Rolle.

Fazit

„1000 Arten Regen zu beschreiben“ ist ein wirklich sehenswerter und Gott sei Dank auch ernsthafter Film über die Pubertät, über das äußere wie innere Ich, über Familie und vor allem auch über ein Generationsproblem. Ein ehrlicher, vielschichtiger und in seiner Stille auch unheimlich lauter Film.

Autor: Maximilian Knade

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