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"Kidding" - Staffel 1 - Kritik

Souli

Von Souli in "Kidding" - Staffel 1 - Kritik

"Kidding" - Staffel 1 - Kritik Bildnachweis: © Showtime

Kritik

Jeder Schmerz braucht einen Namen.

Wenn Eltern mal wieder etwas Raum für sich brauchen, um heimlich im Badezimmer zu masturbieren, eine Nase Koks zu ziehen oder die zermahlenen Schmerztabletten in der zuckerfreien Cola aufzulösen und mit einem Stoß die Kehle runterzukippen, dann nutzen sie zumeist die Zeit, in der Mr. Pickles' Puppet Time im Fernsehen läuft. Seit 30 Jahren übernimmt Jeff Pickles (Jim Carrey, Die Truman Show) hier nun schon mit unerschöpflicher Gutherzigkeit das, wozu die Erziehungsberechtigten nicht in der Lage sind: Den Kindern ein Ohr zu schenken, ohne sie dabei zu verurteilen. Die Wolken über Mr. Pickles, der bürgerlich Jeff Piccirillo heißt, erstrahlen aber schon lange nicht mehr in dem reingewaschenen Weiß, wie es die schlacksige, singende, immer wohlgesinnte Erscheinung auf der Mattscheibe seinen kleinen Zuschauern weismachen möchte.

Nachdem Jeffs Sohn durch eine defekte Ampel ums Leben gekommen ist, ging auch die Ehe zu seiner Frau Jill (Judy Greer, Halloween) Schritt für Schritt in die Brüche. Zu seinem anderen Sohn, Will (Cole Allen), der seinem Bruder Philip (ebenfalls Cole Allen) wie aus dem Gesicht geschnitten ist, findet Jeff keinen Zugang mehr, hat er sich doch vor dessen Tod zuvorderst um Philip gekümmert, während er mit Will Gespräche auf dem Level eines Vierjährigen führte. Wie soll man den Mr. Pickels auch aus dem Jeff bekommen, wenn dieser seit drei Jahrzehnten schon in dieser Rolle verweilt, für exquisite Einschaltquoten sorgt, unzählige Events moderiert und irgendwie auch zum Vater der Nation gekürt wurde. Nun, das Leben liefert die bitteren Antworten: Trauer, Schuld und Einsamkeit lösen Mr. Pickels langsam auf.

Seitdem Jeff mit den bohrenden Verlustgefühlen ringt, kaum noch zurechnungsfähig agiert und die heilige Erklärbärwelt immer mehr hinterfragt, funktioniert er selbstredend auch in der Show nicht mehr. Er will den Kindern düstere Themen näherbringen, um ihnen damit zu verdeutlichen, dass man auch über diese Dinge reden darf: Kinder wissen, dass der Himmel blau ist, aber sie wissen nicht, wie sie reagieren, wenn er ihnen auf den Kopf fällt. Abweichungen vom ständig fröhlichen, grellbunten, plüschbezogenen Status quo werden natürlich nicht angenommen – das Erfolgsrezept ist zu bewährt - und Sebastian (Frank Langella, Dracula), der nicht nur der Executive Producer von Mr. Pickels' Puppet Time ist, sondern auch Jeffs Vater, sieht sein Unternehmen in Gefahr.

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Die erste Staffel von Kidding ist nicht nur die gallige Einsicht hinter die engmaschigen Strukturen einer sich auf tradierte Muster berufenen Mediengesellschaft, sondern vor allem der gleichermaßen lähmende wie zynisch-amüsante Blick in das Seelenleben eines Mannes, dem sein Lachen genommen wurde, aber weitergehend dazu gezwungen wird, die freundliche Marionette von nebenan darzustellen. Die Wege der Trauer, die der kaputte Vater einer gescheiterten Familie sucht, belaufen sich auf den stetig wachsenden Kontakt zum Tod. Wie sonst soll er seine Verzweiflung bewältigen, wenn er dem Grauen nicht direkt von Angesicht zu Angesicht gegenübersteht? Die Besetzung von Jim Carrey in der Hauptrolle besitzt dabei natürlich metatextuelle Methode: Der einstige Grimassenclown, der durch den Suizid seiner Freundin inzwischen selbst mit schwerwiegenden Depressionen Erfahrungen sammelt, erscheint in der Hauptrolle fast schon zu sinnfällig.

Carrey, der sich in der Vergangenheit schon mit Bravour in ernsten Charakter-Rollen bewiesen hat, ist das in bedrückender Hochform auftretende Herz und die durch die Realität  zerrissene Seele der Serie und findet in seinem noch immer ungemein vielseitigen Gesicht nicht nur brodelnde Wut wie ennervierende Herzensgüte, sondern auch die zerbrechliche Leere eines Vaters, dessen Lebenssinn ihm ein Stück weit unter den Füßen weggerissen wurde. Kidding, produziert und in sechs Episoden von Michel Gondry (Vergiss mein nicht!) inszeniert, schafft es mit einem ungemeinen Feingespür, die existentielle Krise seiner Hauptfigur in gleichermaßen finsteren wie verspielten Farben zu erzählen; der traurige Clown ist hier nicht nur ein Phrase, sondern eine Bürde, in dessen verlaufender Schminke sich nicht nur die eigenen Verfehlungen abzeichnen, sondern die ganzer Generationen.

Fazit

Mit der ersten Staffel "Kidding" darf sich Showtime über ein herausragendes Stück Fernsehen in ihren Reihen freuen: Exzellent von Jim Carrey in der Hauptrolle gespielt, der hier mit Sicherheit ein Stück weit seine persönlichen Verletzungen therapiert, ist "Kidding" eine gleichermaßen bedrückende wie schwarzhumorige Abrechnung der Verlogenheit des Showgeschäfts und ebenso die eindringliche Charakter-Studie eines Mannes, der seine Lebensfreude verloren hat, von einer ganzen Nation aber wie selbstverständlich zum immer freundlichen Lachen gezwungen wird.

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