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MB-Kritik

The Canary‘s Lullaby 2026

Drama

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Kimiko Yo
Joe Odagiri
Liu Kuan-Ting
Tou Tsung-hua
Sun Ke-fang
Apple Chen
Patty Wu
Chen Yao-an
Leo Wang
Hsieh Yu-wei

Inhalt

In einem von Stürmen geplagten Dorf führt die 70-jährige Tae ein ruhiges Leben – bis sie Haru rettet, ein geheimnisvolles Wesen aus den Bergen. Indem sie ihn mit ihren „Wanzi“ füttert und umsorgt, findet sie einen neuen Lebenssinn. Doch als Gerüchte über ein Monster die Runde machen, schlägt die Stimmung im Dorf um: Die Bewohner wenden sich gegen die beiden.

Kritik

Vielleicht ist es ein Alien, abgestürzt von dem gleißenden Lichtstrahl, der eines Nachts den Himmel über Kinmen erhellt. Vielleicht is es ein Yōkai, ein dämonisches Wesen japanischer Sagen, die der japanische Titel Akira Ikedas, (Blue Danube) hintersinniger Fantasy-Fabel Yōkai, Bakemono o Hirō beschwört. Oder womöglich ist es nur ein Menschenkind, das wegen einer seltsamen Fehlbildung im Wald ausgesetzt wurde. Die alte Snack-Verkäuferin Tae (eine wunderbar Darstellung von Kimiko Yo, Sheep in the Box) folgt dem unheimlichen Weinen im Dickicht und beherbergt das Kleine, das bald die Aufmerksamkeit der Dorfbewohnenden weckt.


Diese ungewollte Beachtung, die der einsamen Händlerin am unteren sozialen Ende plötzlich zukommt, ist wenig überraschend kaum wohlwollende. Der kapitalistische Klan im örtlichen Waisenhaus sieht in dem bizarren Baby kostbare Verkaufsware und bietet der Finderin viel Geld. Das braucht Tae umso dringender, nachdem der neue Dorfvorsteher den harmlosen Schwarzmarkt verboten hat, auf dem sie ihre wánzi verkauft. Die Berichte der Hausangestellten Yoshi (Ke-fang Sun, Little Big Women) über das üble Schicksal der verkauften Kinder, stimmt sie zwar um, doch Wiederholen ist gestohlen in den Augen der kuriosen Gemeinde. 


Deren Strukturen und Dynamik machen die Bevölkerung jenes wie aus der Zeit gefallenen Ortes, zum kollektiven Hauptcharakter der kuriosen Parabel um Mitgefühl, Moralismus und Menschlichkeit auch gegenüber denen außerhalb des sozialen Regelwerks. Als allein lebende geschiedene Seniorin ist Tae ähnlich der Hausangestellten Yoshi und der Waisen in diesem metaphorisch angereicherten Miniatur-Kosmos eine der Außenseiter-Figuren. In stummer Solidarität unterstützen sie einander gegen ein Umfeld getrieben von Gier, Gehässigkeit und Geschäftemacherei. So märchenhaft die Welt Ikeda Naoyas und Wonte Chens detailverliebten Kamerabildern aussieht, so harsch ist ihr Alltag.


Ein korrupter Polizeichef beutetet die Ärmsten aus, sein unbestechlicher Nachfolger verbietet ihnen selbst diese Einnahme und macht es damit noch schlimmer. Eltern verkaufen überzählige Kinder zur Arbeitsausbeutung oder zum Organhandel und ein übereifriger Chirurg, in dessen Hände Tae schließlich gerät, steht schon bereit. Ein Sturm vor 12 Jahren hat weiterhin sichtbare Spuren der Zerstörung hinterlassen, architektonisch und psychisch. In Bruchstücken enthüllt sich die tragische Geschichte der eigensinnigen Heldin dieser skurrilen Parabel, die Genre-Elemente und politische Untertöne geschickt verknüpft. Absurde Komik und makabere Pointen hinterlassen leise Melancholie. 

Fazit

Lakonischer Witz, beiläufige Tragik und magisch-realistische Einsprengsel prägen Akira Ikedas kinematische Handschrift, die mit dem kuriosen Kleinod einen hintersinnigen Höhepunkt erreicht. Eine ebenso einfühlsame wie kantige Darstellung macht Kimiko Yo zum emotionalen Epizentrum des sinnbildhaften Szenarios. Dessen formale Reduktion und einheitliche Farbpalette, dominiert von Sand- und Erdfarben, passt kongenial zum Keatonesken Humor. Das vogelähnliche Baby wird dank Puppentrick und Maskenbild zu einem plastischen Gegenmodell synthetischer Special Effects mittels AI. Zusammen mit der malerischen Kulisse, die zeitpolitische Assoziationen weckt, verankern sie die universelle Erzählung in gegenwärtigen Konflikten. 

Autor: Lida Bach