6.1

MB-Kritik

The Addiction 1995

Horror, Drama – USA

6.1

Lili Taylor
Christopher Walken
Annabella Sciorra
Edie Falco
Paul Calderon
Fredro Starr
Kathryn Erbe
Michael Imperioli
Jamal Simmons
Robert W. Castle
Michael A. Fella
Louis Katz
Leroy Johnson
Fred Williams
Avron Coleman
Lisa Casillo

Inhalt

Die New Yorker Studentin Kathleen wird von einer Vampirin gebissen. Nun selbst zum Blutsaugen verdammt, schleicht sie wie ein Junkie durch die Stadt, um ihre Sucht nach dem „Stoff“ zu befriedigen.

Kritik

Kaum ein Regisseur – wahrscheinlich noch nicht mal Martin Scorsese (Taxi Driver) oder Woody Allen (Der Stadtneurotiker) – ist so untrennbar an die Stadt New York gekoppelt wie Abel Ferrara (Das Begräbnis), dessen Karriere viel Ups und Downs beinhaltete. Stets auf dem schmalen Grat zwischen purem Pulp und wahrer Kunst. Umstritten, gefeiert, belächelt, verteufelt, totgesagt und dennoch bis heute noch lebendig im Geschäft, wenn auch Zeit seines Lebens immer irgendwie unter dem Radar. Speziell die 90er Jahre waren diesbezüglich enorm spannend. Nachdem er mit King of New York (1990) und Bad Lieutenant (1992) zwei wahre Kultfilme geschaffen hatte, die ihn auch außerhalb der reinen Independent-Bubble einiges an Aufmerksamkeit bescherten, versuchte er sich bei dem Remake Body Snatchers – Die Körperfresser zum ersten und einzigen Mal in seiner Laufbahn an einem waschechten, kommerziellen Studiofilm, der von Warner Brothers jedoch so stiefmütterlich behandelt wurde, dass er praktisch keine Kinoauswertungen erhielt und in der finalen Fassung nicht so wirkt, als würde das noch irgendetwas mit einem Abel Ferrara Film zu tun haben. Sein Folgefilm The Addiction wirkt wie ein ernüchterter, trotziger Gegenentwurf und gleichzeitig das Comeback auf der ganz kleinen Bühne im Schatten des Blockbuster- und Popcornkinos, der er fortan unentwegt treu blieb.

„Why don’t you tell me to leave you alone?“

Im Mittelpunkt steht Philosophiestudentin Kathleen (Lili Taylor, Conjuring – Die Heimsuchung), die sich in ihren Kursen hauptsächlich mit der Natur des Menschen und der Frage beschäftigt, inwiefern dieser die Wurzel allen Böses innewohnt, was zu gigantischen Gräueltaten wie Genoziden oder Kriegsverbrechen führen konnte. Eine nachts wird sie von der Vampirin Cassanova (Annabella Sciorra, Tulsa King) attackiert bzw. eher verführt. Denn Cassanova bittet sie vor dem fatalen Biss quasi um ihr Einverständnis. Wie im klassischen Vampir-Mythos, in dem das Opfer den Blutsauger vorher erst den Eintritt ins eigene Heim bewilligen muss, wird es hier aufgefordert, ihn direkt abzuweisen. Geschieht dies nicht, ist es praktisch wie der Tritt über die Schwelle; das typische Hereinbitten, wie man es aus etlichen Vampir-Geschichten kennt. So wird auch Kathleen in der Folge mit ihrer Beute verfahren, denn nach dieser tragischen Nacht ist sie selbst abhängig. Ein Blut-Junkie, die sich zunächst noch um das direkte Beißen schert und ihre Opfer noch mit einer Spritze anzapft, um sich den Stoff intravenös zu Injizieren. Doch bald schon fallen die Hemmungen. Kathleen beißt nicht nur, ihr Jagdinstinkt wird immer perfider und skrupelloser. Sie ergibt und verliert sich voll in ihrer Sucht, lebt ein perverses Doppelleben, während sie gleichzeitig in ihrem Studium mit Auszeichnung promoviert, dass sich mit dem Abgründigen der menschlichen Natur beschäftigt. 

Gemeinsam mit seinem Stammautor Nicholas St. John (Dangerous Game – Snake Eyes) erschafft Abel Ferrara in minimalistischen wie unglaublich ästhetischen Schwarz/Weiß-Fotographien – unterlegt von einem pulsierenden Rap-Soundtrack, u.a. von Cypress Hill - eine zynische-blutige Horror-Allegorie auf Drogensucht, deren Auswirkungen auf das Gesellschaftsbild von New York und gleichzeitig eine gewisse Selbstgerechtigkeit und Arroganz einer akademischen Elite, die sich zwar in der Theorie mit großen Fragen beschäftigt, in der praktischen Konfrontation mit diesen aber heillos überfordert ist. Das ist gar nicht mal so subtil wie es vielleicht klingen mag – dafür posaunen Ferrara und St. John ihr Anliegen viel zu deutlich heraus -, ist diesbezüglich aber auch gar kein Problem, weil der Film seine Faszination eben nicht daraus generieren will, dass er nur von besonders klugen Menschen über dreihundert Querverweise erst entschlüsselt werden muss, damit diese sich dafür auf die Schulter klopfen dürfen. Er verwebt clever Genre-Mechanismen mit akuten Problematiken und liefert gleichzeitig einen Diskurs über den Umgang damit, der sich eben oft nur auf blanke Theorien fern jedweder Praxis stützt. Die üblich christlich-religiöse Erlöser-Metapher vom gläubigen Katholiken Abel Ferrara muss man da einfach auch mal hinnehmen, was man bei ihm auch immer etwas lieber akzeptiert, da er sie einem nicht so penetrant und allumfänglich aufs Brot schmiert wie gewisse andere Kollegen. 

Ein witziger Fakt am Rande: Christopher Walken (Das Leben nach dem Tod in Denver) interpretierte das Drehbuch falsch und wollte unbedingt die Rolle spielen, die eigentlich weiblich angelegt war. Somit kam es zum Geschlechter-Switch von ihm und der Figur von Annabella Sciorra, was dem Film im Nachhinein sogar gutgetan hat. Das gibt es wohl so auch nur in dieser Art von Kino. Gut so. 

„We’re not evil because of the evil we do, but we do evil because we are evil.“

Fazit

Ein spezieller Film, wie immer bei Abel Ferrara, und deshalb sicher nicht eine allgemeine Empfehlung. Wer mit dem Schaffen des New Yorkers Enfant Terrible aber vertraut und diesem zugewandt ist, der kommt daran unmöglich vorbei. Ästhetisch ziemlich sicher sogar sein hochwertigster Film, geprägt von einer spannenden Metapher, einem großartigen Soundtrack und einer herausragenden Leistung von Lili Taylor. 

Autor: Jacko Kunze
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