Manchmal braucht es nicht mehr als ein paar absurde Figuren, ordentlich auf die Zwölf und eine gesundes Selbstverständnis. Street Fighter weiß das und wirft sein Publikum in ein kunterbuntes Prügelchaos, das sich nur selten um Zurückhaltung schert. Bad Trip-Regisseur Kitao Sakurai fängt den überdrehten Geist der Videospielvorlage Street Fighter II und all den diversen Ablegern erstaunlich gut ein und liefert gerade zu Beginn jede Menge Gründe zum Wohlfühlen. Mit zunehmender Laufzeit wird das wilde Treiben allerdings immer hektischer. Zwischen schrillen Einfällen, flotten Sprüchen und bekannten Bewegungen geht dem Film irgendwann ein wenig die Luft aus.
Idealbesetzung: Andrew Koji und Noah Centineo als Ryu und Ken
Im Mittelpunkt stehen Ryu (Andrew Koji) und Ken Masters (Noah Centineo), die einst wie Brüder waren, inzwischen aber getrennte Wege gehen. Als Chun-Li (Callina Liang) die beiden für das nächste World Warrior Tournament rekrutiert, müssen sie sich nicht nur ihren Gegnern, sondern auch ihrer gemeinsamen Vergangenheit stellen. Währenddessen verfolgt der skrupellose Bison (David Dastmalchian) seine eigenen Pläne. Viel mehr braucht die Geschichte nicht, denn komplizierte Verwicklungen oder tiefschürfende Charakterstudien stehen hier ohnehin nicht auf dem Programm.
Umso wichtiger ist, dass die beiden Hauptfiguren funktionieren. Und das tun sie - sehr gut sogar. Sowohl Koji (der dank Projekten wie Warrior deutlich Martial-Arts erfahren ist) als auch Centineo passen optisch hervorragend zu ihren Rollen. Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten sorgen für eine unterhaltsame Dynamik, die auch dann trägt, wenn die Handlung gerade nicht viel zu bieten hat. Gerade das Zusammenspiel der beiden gibt dem Film einen willkommenen Orientierungspunkt inmitten des großen Figurenaufgebots.
Auch die übrige Besetzung passt wunderbar in dieses leicht verrückte Universum. Jason Momoa, 50 Cent sowie WWE-Wrestler Roman Reigns und Cody Rhodes sind Namen, bei denen man zunächst nicht unbedingt an dieselbe Videospielverfilmung denkt. Doch genau diese ungewöhnliche Mischung gehört zum Charme des Films. Nicht jede Figur erhält genügend Raum, um sich wirklich zu entfalten. Trotzdem nehmen die Darsteller*innen ihre Rollen ernst genug, um die überzeichnete Welt mit Leben zu füllen, ohne dabei den Spaß an der Sache zu verlieren.
Live-Action mit Anime-Charme
Gleich zu Beginn macht Street Fighter klar, wohin die Reise geht. Statt den Prolog mit Texttafeln oder anderen Abkürzungen zu bestreiten, überrascht der Film mit einer aufwendig gestalteten 2D-Animation, die an klassische Anime erinnert. Die Sequenz ist nicht bloß ein hübscher Blickfang, sondern unterstreicht, dass sich diese Verfilmung gar nicht erst darum bemüht, ihre Herkunft zu verstecken. Auch später kehren animierte Passagen zurück und ergänzen die Realfilmaufnahmen, ohne dass der Wechsel zwischen den Stilen störend wirkt.
Überhaupt sieht der Film erfreulich eigenständig aus. Knallige Farben, künstlich wirkende Kulissen und bewusst überzeichnete Bilder passen hervorragend zu den schrägen Figuren und ihren absurden Auftritten. Nicht jeder Effekt ist auf höchstem Niveau, doch die Optik wirkt insgesamt stimmig. Street Fighter versucht gar nicht erst, seine Videospielwelt mit Gewalt realistisch erscheinen zu lassen. Stattdessen darf sie ruhig ein wenig nach Spielhalle, Anime und überdrehtem Actionkino aussehen.
Besonders viel Liebe steckt in den Bewegungen der Kämpfer*innen. Bekannte Attacken, typische Körperhaltungen und charakteristische Schlagfolgen wurden erkennbar aus den Spielen übernommen. Wer mit der Reihe vertraut ist, dürfte an diesen Details seine Freude haben. Die Kämpfe selbst sind ordentlich inszeniert und bieten einige unterhaltsame Momente, sollten aber nicht mit den choreografischen Höhenflügen eines Martial-Arts-Films wie The Furious verwechselt werden. Hier geht es weniger um ausgefeilte Kampfkunst als um Wiedererkennungswert, übertriebene Action und den Spaß an den bekannten Bewegungsabläufen. Das funktioniert, auch wenn manche Auseinandersetzung etwas mehr Zeit vertragen hätte.
Wenig Tournament, viele Gags
Denn genau daran krankt Street Fighter zunehmend: Der Film gönnt sich kaum eine Pause. Zwischen Figurenwechseln, neuen Konflikten und immer weiteren Gags bleibt wenig Zeit, einzelne Szenen wirken zu lassen. Der hektische Schnitt verstärkt diesen Eindruck. Gerade die humorvollen Einfälle könnten häufiger zünden, würden sie nicht so dicht aufeinanderfolgen. Vor allem Ken muss eine ganze Reihe flotter Sprüche abfeuern, die sich gegenseitig die Wirkung nehmen.
Das wirkt sich auch auf das World Warrior Tournament aus. Obwohl der Wettbewerb den zentralen Anlass für das Wiedersehen von Ryu und Ken liefert, wird er letztlich eher zweitrangig behandelt. Das Turnier dient vor allem als Motivation, um die Figuren zusammenzubringen und die nächsten Auseinandersetzungen anzustoßen. Das ist grundsätzlich völlig in Ordnung. Schließlich muss eine Videospielverfilmung nicht zwangsläufig einen Wettkampf nacherzählen, als hinge das Schicksal der Welt von jedem einzelnen Duell ab. Schade ist nur, dass manche Kämpfe dadurch recht kurz ausfallen, während andere Szenen deutlich mehr Raum bekommen und den Film gerade im späteren Verlauf unschön zerdehnen.
Fans einzelner Figuren könnten deshalb durchaus enttäuscht sein. Wer seine Lieblingskämpfer*innen möglichst ausführlich in Aktion erleben möchte, wird nicht unbedingt auf seine Kosten kommen. Bei einem derart großen Ensemble ist es allerdings auch kaum möglich, allen Figuren dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken. Street Fighter entscheidet sich dafür, Ryu und Ken in den Mittelpunkt zu stellen, und fährt damit insgesamt besser, als wenn der Film versuchen würde, jede einzelne Figur gleich ausführlich unterzubringen.
So bleibt ein sympathisches, wenn auch etwas unausgewogenes Spektakel. Die Begeisterung für die Vorlage ist jederzeit spürbar, und der Film hat genug Selbstironie, um selbst seine absurdesten Einfälle mit einem Augenzwinkern zu präsentieren, ohne dabei allerdings die Welt in der er spielt der brachialen Lächerlichkeit preiszugeben. Sakurais Kinodebüt ist zwar kein Volltreffer, aber ein herrlich bekloppter Prügelspaß mit eigenständiger Optik, schrägen Figuren und viel Liebe zum Detail. Dass das Finale eher nach Fortsetzung als nach einem befriedigenden Abschluss schreit, passt irgendwie ins Bild. Street Fighter hat noch einige Runden vor sich – hoffentlich mit weniger Leerlauf und mehr auf die Zwölf.