MB-Kritik

Salvation 2026

Drama

Caner Cindoruk
Berkay Ateş
Feyyaz Duman
Naz Göktan
Özlem Taş
Eren Demirbaş
Mehmet Selim Akgul
Hichi Demi

Inhalt

In einem abgelegenen Dorf in den türkischen Bergen findet mit der Rückkehr eines verbannten Clans auch eine alte Fehde ihre Fortsetzung. Während schwelende Ressentiments erneut aufflammen, wird Mesut, der Bruder des Anführers im Dorf, von beklemmenden Visionen heimgesucht. Er deutet sie als göttliche Warnungen und beginnt, die Führungsrolle seines Bruders infrage zu stellen. 

Kritik

Von Zwillingen sei nach altem Glauben nur ein Kind gut und unschuldig, heißt e in Emin Alpers (Burning Daysdüsterer Saga vom Ursprung religiösen Fanatismus und unmenschlicher Grausamkeit. Das andere Kind sei ein identisches Abbild, von Satan geschaffen. Die finstere Fabel rührt an die Ununterscheidbarkeit von Gut und Böse in den Augen des verblendeten Hauptcharakters. Mesut (beklemmend: Caner CindorukBeynelmilel -die Internationale) ist als mental instabile Führerfigur zugleich Pendant der fanatischen Despoten, die in den letzten Jahren auf der internationalen Bühne beunruhigend an Macht gewonnen haben, und komplexer Kerncharakter eines abgründigen Neo-Westerns. 

Basierend auf wahren Ereignissen erzählt jener in atmosphärisch dichten Bildern von den mentalen Mechanismen kollektiver Radikalisierungen und der daraus resultierenden verstörenden Gewalt. Vor der archaischen Kulisse eines anatomischen Bergdorfs, in dem die jahrzehntelange Waffenruhe zwischen zwei verfeindeten Klans durch die Rückkehr einer vertriebenen Familie zerbricht, entfaltet sich ein blutiges Epos von pathologischer Paranoia und angstgetriebener Aggression. Ökonomische Ungleichheit, alter Hass und politischer Unruhe bereiten die Bühne für fanatische Führungspersonen wie Mesut. Dessen kriegerisches Charisma untergräbt den Einfluss seines gemäßigten jüngeren Bruders Sheikh Ferit (Feyyaz Duman).

Dass ihr Vater den Jüngeren zum religiöse und politischen Oberhaupt ernannte, ist einer der geschickt gestreuten Hinweise auf Mesuts mentale Instabilität. In gespenstischen Nachtszenen, die gut die Hälfte der zweistündigen Laufzeit ausmachen, beschwören Alper und Kameramänner Ahmet Sesigürgil und Barış Aygen mit Genre-Elementen eine Aura dämonischer Bedrohung. Immer wieder zieht das Szenario die Zuschauenden aus der Realität unmerklich in Mesuts verzerrte Wahrnehmung. Sexuell aufgeladene Alpträume zeigen neben seiner irrationalen Eifersucht auf seine hochschwangeren Ehefrau Gulsum (Özlen Taș) auch die Verstrickung von hinter frömmlerischer Prüderie und pervertiertem Begehren. 

Während die Konfrontationen zwischen den Klans immer brutalere Form annehmen und selbst vor Kindern nicht haltmachen, offenbaren sich die sozialpsychologischen Mechanismen selektiver Schuldzuweisung und gemeinschaftlicher Gewalt. Mit radikaler Rhetorik und egomanischer Entschlossenheit überzeugt Mesut seine Gemeinde von seiner paradoxen Logik: Nur Krieg kann Frieden bringen, Feindseligkeit bringt Eintracht, Liebe zu den eigenen Angehörigen nähert den Hass auf die Anderen. Deren buchstäbliche Dämonisierung ist Grundlage der Entmenschlichung, die die schrecklichsten Taten wie das Schreckensszenario des Schlussakts moralisch vertretbar und rational gegeben erscheinen lassen.

Fazit

Parabolische Erzählung und geschichtliches Grauen verknüpft Emin Alpers bärenwürdiger Beitrag zum Wettbewerb der 76. Berlinale zu einer fesselnden Studie populistischer Verrohung. Vor der rauen Landschaft Anatoliens, deren in bleiche Gelb- und Brauntöne getauchten Tagesaufnahmen mit expressionistischen Nachtszenen wechseln, ersteht eine beklemmende Allegorie auf die Verdrängung diplomatischer Ratio durch religiösen Fundamentalismus und machtpolitischen Fanatismus. Minderwertigkeitsgefühle, Angst und Ohnmacht zeigen sich als Nährboden autoritärer Verblendung und fanatischer Folgsamkeit. Labyrinthische Gassen werden zum Synonym mentaler Irrwege, unheimliche Schatten zu Ebenbildern diffuser Panik vor einem gesichtslosen Feind. Kinematisch packend und bedrückend aktuell. 

Autor: Lida Bach
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