Inhalt
Mitte der 1980er-Jahre, als der Staat seine Gesetze nutzte, um fortwährend in die intimsten Bereiche des Lebens seiner Bürger einzugreifen. Ingrid ist eine ehrgeizige Ärztin, deren Mission es ist, Kinder zur Welt zu bringen, ungewollte Schwangerschaften abzubrechen und an der Sterilisation von Roma-Frauen mitzuwirken. Die melancholische Frau hat größere Bedenken hinsichtlich ihrer privaten Situation als hinsichtlich ihres Berufslebens – bis sie unerwartet eine neue Freundschaft mit einer jungen Romnni Pflegerin eingeht.
Kritik
Dass ein US-Remake Ivan Ostrochovskýs (Photophobia) dritten Spielfilms bereits in Planung ist, angepasst an die US-amerikanische Geschichte, illustriert exemplarisch die Stärken und Schwächen des historischen Lehrstücks. Dessen funktionale Story behandelt die systematische Sterilisation von Romani in der Tschechoslowakei Ende der 80er. Es ist ein jahrzehntelang verdrängtes historisches Kapitel, das sich in ähnlicher Form in zahlreichen Staaten abspielte. In den USA, in Peru (mit US-Förderung), Schweden, Kanada und an die Sowjetunion grenzenden Staaten. Unter ihnen setzte die damalige Tschechoslowakei einen bitteren Maßstab an Ausmaß und Dokumentation.
Davon zeigt sich indes nur wenig in der schematischen Handlung. Trotz ihres edukativen Gestus vermittelt der stark emotionalisierte Plot nur unzureichend den ideologischen Hintergrund und sozialpolitischen Kontext sowie die administrativen Strukturen des vor malerischer Provinzkulisse angelegten Szenarios. Um sich an ihrem neuen Arbeitsplatz zu orientieren, sucht die ehrgeizige Gynäkologin Ingrid (Aňa Geislerová, Karavan) die Kameradschaft der introvertierten Agáta (Simona Boledovičová). Sprachkenntnisse und eine früh offenbarte familiäre Verbindung verschafft der 19-jährigen Krankenpflegerin Zugang zur örtlichen Romani Gemeinschaft. Deren Geburtenrate soll Ingrid drastisch und dauerhaft reduzieren: mittels Sterilisation.
„The bow“ nennen die Frauen der in Armut in abrissreifen Gebäuden lebenden Gemeinde den Eingriff, über den sie aufgrund gezielter Nicht- und Fehlinformation trotz dessen Geläufigkeit kaum etwas wissen. Viele glauben, die Wirkung sei umkehrbar oder vorübergehend. Wer zustimmt, erhält eine für die marginalisierten Menschen existenzielle Geldvergütung. Einwilligungsformen sind auf Ungarisch und werden vorzugsweise in massiven Stresssituationen wie auf dem OP-Tisch oder bei einer Geburt hingehalten. Schmerzen als ärztliches Druckmittel, institutionelle Einschüchterung und Mangel alternativer Verhütungsmethoden erodieren zusätzlich die vorgebliche Freiwilligkeit der Patientinnen.
Deren Entmenschlichung in den Gesprächen der slowakischen Krankenschwestern zeigt die gesamtgesellschaftliche Diskriminierung der Roma, die Ostrochovský durch Ingrids Augen aus der Außenperspektive betrachtet. Blond, normschön, perfekt gestylt und gebildet, erscheint die wohlmeinende Protagonistin als ein buchstäblich modellhaftes Gegenbild der Romani, auch auf moralischer Ebene. Vorhersehbar erwacht ihr Gewissen und das Gute pflanzt sich buchstäblich und allegorisch fort in einem unglaubwürdigen Fazit, das Schwangerschaftsverhütung und -abbruch grundsätzlich als tragisch und Mutterschaft als Segen darstellt. Dieser unreflektierte Optimismus passt zu den sonnigen Kamerabildern, deren ästhetisierte Sentimentalität die narrative Simplifizierung spiegelt.
Fazit
Eine essenzielle Auseinandersetzung mit der tabuisierten Thematik erzielt der formelhafte Plot Ivan Ostrochovskýs historischen Arztdramas ebenso wenig wie eine differenzierte Auseinandersetzung mit den medizinischen und soziologischen Dogmen, die Ärzt*innen wie die Protagonistin motivierten. Ausmaß, Dauer, Demographie und Systematik der staatlich sanktionierten Eugenik bleiben unklar. Simona Boledovičovás und Aňa Geislerovás einfühlsame Darstellungen stoßen an die Grenzen unterentwickelter Charaktere. Der geschichtliche Rahmen wird zur dekorativen Kulisse eines Melodramas voll klassistischer Verklärung, in dem bildungsbürgerliche Gewissenskonflikte schwerer wiegen als die ungezählten Schicksale einer ganzen Bevölkerungsgruppe.
Autor: Lida Bach