MB-Kritik

Five Years, Four Months 2026

Inhalt

Martha verlor nicht nur ihren ältesten Sohn, sondern weiß bis heute nicht, was mit ihm und seinen sterblichen Überresten geschah. Nach jahrelanger vergeblicher Suche begegnet sie Sandra, die ihr eine weitere Möglichkeit bietet, vielleicht ihre letzte Hoffnung: sich auf den Weg zu einem abgelegenen und gefährlichen Ort zu machen.

Kritik

Mechanisch antwortet die unnachgiebige Protagonistin Juan Miguel Gelacio und Esteban Hoyos Garcías zweiten Kinospielfilms mit der titelgebenden Zeitspanne auf die Frage, wie lange sie bereits nach ihrem Sohn sucht. Die alleinerziehende Mutter zweier Söhne zählt jeden Tag, vielleicht jede Stunde, seitdem ihr Ältester von der Fahrt zu einer Arbeitsstätte nicht zurückkehrte. Die Polizei ist machtlos angesichts der hunderten Menschen, die in Kolumbien alljährlich spurlos verschwinden. Martha Branquero (Jenny Nava) ist eine zahlloser überwiegend weiblicher Hinterbliebener, die sich eigenständig auf die Suche begeben.

Sie solle an ihren anderen Sohn denken, mahnt ihre eigene Mutter, die sorgenvoll zusieht, wie Martha ihre ganze Energie und Einkünfte in das Verfolgen ungewisse Hinweise steckt. Beim Treffen einer Selbsthilfegruppe betroffener Mütter taucht eine neuer jener vagen Spuren auf. Seniorin Sandra (Carmiña Martínez, Birds of Passage - Das grüne Gold der Wayuu), die ihren eigenen Sohn schon seit 24 Jahren vergebens sucht, berichtet Martha von einem mysteriösen Kontakt, der ihr endlich Gewissheit geben kann. Gemeinsam reisen die Frauen eine der gefährlichsten Regionen des von jahrzehntelanger Gewalt versehrten Landes.

Die Fahrt wird zum symbolischen und stilistischen Übergang von Sozialrealismus in mystische Allegorik. Umfangen von Daniel Garcés Najars dumpfer, sonorer Klangspur taucht der Bus auf einer einsamen Landstraße in nächtliche Dunkelheit, die zugleich das Ungewisse und die Abgründe willkürlicher Grausamkeit versinnbildlicht. Der formale Wandel schafft eine Atmosphäre geisterhafter Verunsicherung, die ebenso unbefriedigend bleibt, wie das antiklimaktische Ende. Den Abschluss mit der Geschichte des vermissten Kindes, der so vielen Müttern versagt bleibt, will das Autoren- und Regie-Duo auch dem Publikum nicht geben.

Fazit

Basierend auf den Schicksalen mehrerer Frauen auf der bisher vergeblichen Suche nach ihren Kindern beschwören Juan Miguel Gelacio und Esteban Hoyos García in ihrem düsteren Beitrag zu Karlovy Varys Crystal Globe Competition das nagende Gefühl von Ohnmacht und Ungewissheit. Paula Moreno Vergaras suggestive Kamerabilder gleiten von räumliche begrenzten, nüchternen Einstellungen zu gespenstischen Szenen, deren Grenzen offene Landschaft und Finsternis verwischt. Die sich in Handlungsmotiven wiederholende Doppelung des dramaturgischen Diptychons ist Teil eines metaphysischen Konstrukts, dessen parabolisches Potenzial sich nie vollends erfüllt. 

Autor: Lida Bach
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.