MB-Kritik

#SainteJulie 2026

Inhalt

On 3 March 2019, Julie Douib was murdered by her ex-husband in Corsica. It was a predictable femicide – the man was already known to be dangerous. Why was this murder not prevented? Beyond this particular case, #SainteJulie reveals the mechanisms of everyday misogyny at work in society. A comprehensive investigation, conducted with intelligence and great sensitivity.

Kritik

Sie sei ja immer wieder zu ihm zurückgekehrt, ereifert sich eine Verkäuferin aus der Gegend. Das sei letztlich ihre eigene Dummheit. “Sie”, das ist Julie Douib, die im März 2019 auf Korsika ermordet wurde. “Er” ist ihr Ex-Partner Bruno Garcia-Cruciani, mit dem sie 14 Jahre zusammen war und zwei Kinder hatte. Garcia-Cruciani erschoss Douib mit einer Glock aus nächster Nähe, bevor er sich der Polizei stellte. Nichts davon sei geplant gewesen, es war ein Unfall, sagte er vor Gericht aus.

Das schenkt dem Täter keinen Glauben und verurteilt ihn zu lebenslänglich mit 22 Jahren Sicherheitsverwahrung. Eine exemplarische Strafe, die ohne den öffentlichen Aufruhr in Frankreich und die internationale Medienaufmerksamkeit wohl kaum gefallen wäre. Immer wieder war die 34-jährige Ermordete zur Polizei gegangen, die jedoch nichts unternahm. Oftmals wartete Garcia-Cruciani vor der Polizeistation auf sie, wenn sie ihn wieder vergeblich angezeigt hatte. Vier Tage vor ihrem Tod schloss die Staatsanwaltschaft ihre Anzeige wegen Bedrohung, Belästigung und tätlicher Gewalt. 

„Femizid“, sei ein Modebegriff, kommentiert einer der Interview-Partner der italienisch-französischen Regisseurin, die selbst auf Korsika aufwuchs. Wenn Software geschehe, habe es auch mit der Frau zu tun. Und überhaupt, Frauen seien genauso gewalttätig. Statistiken sagen allerdings etwas anderes. Über 90 Prozent aller Gewaltverbrechen begehen Männer, mehr als 60 Prozent weiblicher Opfer werden von ihrem Partner oder Ex ermordet. Zahlen und soziologische Hintergründe blendet das filmische Meinungsbild indes aus. Ihre öffentliche Befragung ergibt eine dokumentarische Demographie kollektiver Schuld und normalisierter Misogynie. 

Fazit

Kontext und Kommentierung des besonders in den französischen Medien ausführlich behandelten Kriminalfalls reduziert Giulia Montineri rigoros zugunsten klinischer Nüchternheit. Vox Pops und klassische Investigativ-Reportage verzahnen sich in den selbstenthüllenden Statements aus dem korsischen Umfeld der ermordeten Titelfigur. Deren Abstrahieren zum Hashtag ist ebenso Solidaritätszeichen wie bitteres Echo der üblichen Betroffenheitsgesten, die keine nachhaltige Veränderung bringen. Im Kontrast zu den Medienszenen überwiegen nicht Empathie mit der Ermordeten, sondern Victim Blaming und Rechtfertigungen in der lapidaren Bestandsaufnahmen, die aufzeigt ohne zu analysieren. 

Autor: Lida Bach
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