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Die stumme Ada wird mit ihrer Tochter und ihrem Piano am Strand von Neuseeland abgesetzt, um eine arrangierte Ehe einzugehen. Ihr Gatte weigert sich jedoch, das geliebte Instrument durch den unwegsamen Dschungel transportieren zu lassen. Das besorgt der eremitenhafte Arbeiter Barnes, der das Klavier in sein Haus schafft und einen Pakt mit Ada schließt: Sie darf auf dem Klavier spielen, wenn er sich gewisse Freizügigkeiten leisten darf. Langsam entsteht eine innige erotische Verbindung zwischen den beiden.
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

In Cannes mit der Goldenen Palme und bei den Oscars für das Drehbuch wie für die Leistungen von Holly Hunter (Arizona Junior) und Anna Paquin (X-Men - Der Film) prämiert ist Das Piano bis heute mit Abstand der größte Erfolg der neuseeländischen Regisseurin & Autorin Jane Campion (In the Cut), der sich offenkundig zu einer Art Bürde entwickelt hat, blieb ein entsprechendes, bestätigendes Folgewerk in den nunmehr 25 Jahren seitdem aus.

Warum sprechen, wenn man das Gefühl hat sowieso kein Gehör zu finden? Oder: Wenn als einziges Instrument eines starken Willens bleibt, sich selbst etwas zu nehmen, worüber niemand anders bestimmen kann. Ada (Holly Hunter) lebt in einer selbstgewählten Stummheit. Vermutlich, zu lange ist es her, dass sie das Sprechen plötzlich einstellte, inzwischen hat sich es verlernt und könnte wohl nicht mehr einfach so wieder damit anfangen. Im 19. Jahrhundert ist es auch für eine Frau aus sehr gutem, britischem Hause kein einfaches Leben, erst recht nicht als unverheiratet mit Kind (Anna Paquin) und versehen mit einem deutlichen Makel. Die arrangierte Ehe mit einem auch „Bruchware“ akzeptierenden Exil-Landsmann in Übersee (Sam Neill, Jurassic Park) scheint da die logische, da einzige Lösung. Mutter und – wenn es denn sein muss auch – Tochter werden an der rauen Küste eines noch wenig kolonialisierten Neuseelands abgekippt und halbwegs erwartungsfroh, wenn auch bereits mit realistischen Erwartungshaltungen („Sie ist verkümmert, das steht fest.“) aufgenommen. Für sie bleibt nur das Fügen in der Rolle als Handelsgut, womit offenbar auch leben kann, was wäre denn auch die Alternative? Einzige Priorität, neben der Tochter natürlich: Ihr Piano, ihr einziges, akustische Ausdrucksmittel.

Doch so lange ihr neuer und noch fremder Gatte in etwas keinen Nutzen sieht, wird auch kein Aufwand dafür investiert. Das Piano bleibt am Strand, die Strapazen eines Transports durch den unwegsamen Urwald werden erst in Kauf genommen, als sein weniger privilegierter Nachbar und Maori-Dolmetscher Baines (Harvey Keitel, Hexenkessel) ihm für das Instrument wirklich kostbares Gut – nämlich Land – anbietet. Spielen kann er nicht, aber mit Ada steht ja eine potenzielle Lehrerin parat. Die Musik ist für Baines dabei maximal zweitrangig, sein Interesse gilt ausschließlich der weiblichen Gesellschaft. Daraus macht er vor Ada von Anfang an keinen großen Hehl und macht ihr ein ganz konkretes Angebot: Für jeden Besuch bekommt sie stückweise ihr Piano zurück. Allerdings hat er gewisse Bedürfnisse, für deren Befriedigung Ada ihren Preis selbst bestimmen kann. Ein Arrangement, wie auch ihre zweckmäßige Ehe, diesmal jedoch mit mehr Macht in ihrer Hand. Sie wird zu nichts direkt gezwungen und kann gleichzeitig entscheiden, zu was sie sich zu welchem Gegenwert bereiterklärt.

Jane Campion zeichnet eine allein durch äußere Umstände stark isolierte, durch kulturelle, erniedrigende (aber völlig selbstverständliche) Normen entfachte und durch diesen Insel-Status emotional nur noch aufgeladener, fatalerer Dreiecksbeziehung, dessen ambivalenter Struktur sich auf fast alle Hauptfiguren übertragen lässt. Lediglich Anna Paquin als gerne auch mit Engelsflügeln deutlich gekennzeichnete kindliche Unschuld scheint unbedarft über dem Geschehen zu schweben und ist trotzdem entscheidend beteiligt in der letztlichen, aber insgesamt natürlich unvermeidlichen Eskalation des Konflikts. Der hauptsächlich auf verzweifelten Akten der Einsamkeit beruht, der Sehnsucht nach Zuneigung, die sich nicht kaufen lässt, egal wie sehr man sich bemüht. Sie kann entstehen, wachsen und wenn es tatsächlich geschieht ist mindestens einer der Verlierer und in dem damaligen Selbstverständnis ist alles was dann geschieht nur gerechtfertigt. Das Piano vermeidet konsequent klare Schwarz-Weiß-Moralisierung, lässt seinen Charakteren trotz oberflächlich klar verwerflicher Taten immer einen nachvollziehbaren Grund und ein Bedürfnis dahinter, was sich aus ihrer jeweiligen, empathisch geschilderten Position eben nachvollziehen lässt. Ein sehr schwieriger Drahtseilakt, besonders bei dem gleichzeitigen Verzicht auf einen rettenden Klischee- und Stereotypen-Handlauf, was man Jane Campion trotz einer leichten, narrativen Zähflüssigkeit nicht hoch genug anrechnen kann.

Fazit

Herausragend gespielt von seinem hochwertigen Ensemble und mit einer exzellenten, stimmungsangepassten Bildsprache versehen ist „Das Piano“ gelegentlich eine etwas schwerfällige, dafür aber völlig wertfreie, nicht manipulativen Methoden untergeordnete, tragisch-schöne Liebesgeschichte, die den nicht einfachen Weg zwischen sehr verschiedenen, emotionalen und moralischen Facetten findet.

Autor: Jacko Kunze

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