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Jean-Luc Godard nutzt die Filmgeschichte um die Filmgeschichte zu erzählen. Mit viel Material aus dem Kino, mit ein bisschen eigens produziertem Film und mit noch mehr Kreativität bewaffnet, erforscht Godard das Medium Film und wie sich die Bedeutung des Mediums im Laufe der Geschichte verändert hat.

Kritik

Wie viele Jean-Luc Godards kommen auf fünfzig Ron Howards?

Wenn ein Regisseur von Format, wie Godard (Die Geschichte der Nana S.) es zweifelsohne ist, ankündigt, ein mehrteiliges Filmprojekt über die Filmgeschichte und seinen persönlichen Platz in jener zu realisieren, dann gibt es Menschen, bei denen sich direkt Wasser in den Mundwinkeln sammelt und Menschen, die ihre Augen vor Entnervung rollen. Doch auch wenn die Eckdaten des Projektes den Otto Normalgucker abschrecken mögen (mit einer Laufzeit von über 260 Minuten), so steht zumindest eines fest: Nur wer einen Blick riskiert hat, wird sich diesen Film wirklich vorstellen können. Worte werden die Wirkung des Werkes nicht wahrhaft wiedergeben vermögen; dennoch soll es hiermit versucht werden.

Ändere nichts, damit alles anders ist.

Jean-Luc Godard führt den Zuschauer in seine Assoziationsstunde der Kinogeschichte ein. Dabei erzählt der Regisseur parallel, gleichzeitig, über-hinter-untereinander die Geschichte der Welt, die Geschichte der Kunst, die Geschichte des Films im Speziellen und die Geschichte seines Lebens. Godard nutzt dabei hauptsächlich existierendes Filmmaterial, dem er entweder die immanente Bedeutung entleiht, oder es in eine neue Beziehung setzt und die Bedeutung der bestehenden Kunst verändert. Sei es durch Schriftzüge, durch das Schneiden auf Kontraste, auf inhaltliche Scheren, Gegenteile oder ironische Witze. Sei es durch den Ton, wenn er zum Beispiel das Bild aus einem Film der Goldenen Ära Hollywoods nutzt, dazu aber den Ton eines anderen Films der 70er verwendet. Der Franzose hat sich, was die Gestaltung seines Filmes anbelangt, wahrlich keine Grenzen setzen lassen. Von niemandem, vor allem nicht von sich selbst.

Mit zahlreichen Bild- und Tonebenen, die gleichzeitig und in schneller Frequenz auf den Zuschauer einwirken, nimmt Godard Bezug auf Filme, seien sie populär oder vollkommen unbekannt (von Schneewittchen und die sieben Zwerge über Psycho bis zu pornografischem Material aus vergangenen Dekaden), auf die Historie (von der Malerei über die Kriege bis zur globalen Filmwirtschaft der Jetztzeit), auf allerlei gesellschaftliche, politische, wissenschaftliche Themen und Theorien und nicht zuletzt auf Theorien des Kinos. Das klingt nach klassischer Überforderung. Und die wird es zwangsweise auch geben - solange man versucht, Schritt zu halten. Es ist gar nicht möglich - und vor allem nicht nötig - diesen Film bei der Erstsichtung zu erfassen. Vielmehr sind die Histoire(s) du Cinema wie ein Akt der Performance-Kunst; der Zuschauer muss mit ihnen interagieren und an ihr wachsen. Nicht nur der ultimative Film über Film, sondern der ultimative Film, den man im 10-Jahres-Rhythmus gucken sollte, um ihn durch das zwischenzeitlich Erlernte immer weiter zu durchdringen.

Cogito ergo video.

Die Histoire(s) du Cinema, Geschichte(n) des Kinos, sind ein Weg der Selbstfindung. Und während Godard das Kino und seine eigene Welt erforscht, erzwingt er gleichzeitig die Selbstfindung des Zuschauers. Das Wort „Histoire“ wird immer wieder eingeblendet, dann wieder auf „toi“ verkürzt. Du. Geschichte. Du. Geschichten. Du. Die Zuschauer sind auch immer Schöpfer, erschaffene Schöpfer, wie Godard später anmerkt. Aber ein Schöpfer nichtsdestotrotz. Alle können und alle müssen das Kino erschaffen. Das Kino gehört allen - oder nur denen, die es schätzen, nur denen, die es am Leben erhalten wollen? Sowohl der Filmschaffende als auch der Zuschauer sind die Künstler des Kinos. Sie beide erschaffen das Kino, zeitversetzt zwar, aber im Geiste vereint. Das Kino ist ein Gruppenprozess, der beide Partner zu gleichen Anteilen vereint und ergänzt. Das, wenn sonst nichts, ist Godards klarste Definition des Kinos. Weiterhin bietet er viele Definitionsmöglichkeiten an, jedoch wird keine diese Klarheit erreichen.

Godard schneidet immer wieder Filmstars über Bilder von sich selbst; seine Vorbilder, seine Herkunft, sein Wesen. Die Geschichte wird in Momentaufnahmen erzählt, anhand von Frames, die in ihrer Geschwindigkeit unterschiedlich sind, in ihrem Inhalt aber gleich bleiben. Das Kino ersetzt unseren Blick, das Kino erschafft eine Welt, die vollkommen im Einklang mit unseren Wünschen stehen kann. Godard zeigt auf, wie nah der Film dem Menschen von Beginn an war; Kino ist animalisch, natürlich, direkt. Es bildet des Menschen Wünsche, Begierde, Laster, Ängste und Träume direkt ab. Mal erzählt Godard seine Geschichten mit Humor, wenn Max Ophüls sich genau dann in das Hinterteil seiner Darstellerin verliebt, als Frankreich von den Nazis „von hinten genommen“ wird, mal mit bitterem Ernst. Mal provokant, wenn er Auschwitz-Bilder mit denen eines Klosters verbindet, mal hässlich, mit Bildern des Teufels.

Das Kino wollte schon immer echter sein als das Leben selbst. Dabei ist es eine Industrie der Täuschung. Godard stellt dazu die Symmetrie der Bilder heraus. Er zeigt das harmonische und verzweigte Spiel des Tons auf. Man dürfe nicht vergessen, dass simultan mit der Technik die Dummheit erfunden wurde. Wilde Assoziationen machen die Histoire(s) du Cinema aus; sein eigenes Begräbnis wird mit dem Oscar gegengeschnitten (erst der Award, dann Herrn Wilde). Häme über Filmpreise, über Ruhm, über das, was „Kunst“ oder „Technik“ genannt wird. Sicherlich würde Herr Godard auch beim Lesen dieses Textes verächtlich die Nase rümpfen und seine Zigarre auf die Tastatur des Autors aschen. Viel zu oft wurde das Kino als Kunst tituliert. Für Godard ist der Film etwas viel Reineres. Wie eine Identität oder ein Fingerabdruck, der erst vervollständigt wird, wenn er den Finger des Lebenspartners gefunden hat.

Was sind die Histoire(s) du Cinema? Wie lässt sich dieses Werk am besten beschreiben? Mit folgenden Attributen: Wild. Assoziativ. Durcheinander. Ein Wirbelsturm aus Film- und Tonschnipseln drängt auf den Zuschauer ein, mit oftmals zwei Erzählern und mehreren Tonquellen aus den Filmausschnitten, die allesamt gleichzeitig erklingen. Es geht nicht darum, dass man jedes einzelne Wort, jeden Querverweis versteht und jedes Bild zuordnen kann. Godard zielt viel mehr darauf ab, dass der Zuschauer vollkommen vom Kino umgeben ist. Dass der Zuschauer in eine Welt des Kinos abtaucht, in einen dreidimensionalen Raum, der interaktiv vom Zuschauer durchschritten werden kann und dessen drei Dimensionen Film, Film und Film sind. Das Ergebnis ist eine Realisierung des Films, eine Verwirklichung im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Film als haptisches Erlebnis.

Fazit

Mit „Histoire(s) du Cinema“ hat Jean-Luc Godard eine Film-Dokumentation der Superlative erschaffen. Mit einer Länge von über 260 Minuten und unzähligen Verweisen auf die Geschichte der Menschheit, der Kunst, der Wissenschaft und Kultur erschafft der Franzose einen Film, der den Zuschauer verschluckt und ihn in die Welt des Kinos hineinzieht. Eine Geschichte über alle Geschichten die waren und alle, die sein könnten. Es braucht einen Größenwahnsinnigen wie Godard, um ein solches Unterfangen zu beginnen und erfolgreich abzuschließen. Sauer aufstoßen kann einem dabei einerseits, dass die Erzählungen und Vergleiche mal geschmackloser Art sind und andererseits, dass es unmöglich ist, die bildhaften Bedeutungen dieses Schnittgewitters zu decodieren. Doch ist dies nicht der Zweck des Films. Godard geht es nicht um das Verstehen, sondern um das Erfahren.

Autor: Levin Günther

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