MB-Kritik

A Prayer for the Dying 2026

Drama, Family

Johnny Flynn
John C. Reilly
Kristine Kujath Thorp
Gustav Lindh
Hilton Pelser
Andrew Whipp
Daniel Weyman
David Ganly
Peter Adame
Radka Caldová
Dagmar Lakčevič
Juraj Hrčka
Tadhg Murphy
Christopher Rygh
Nienna Robinsonová
Christopher-John Slater

Inhalt

Friendship, Wisconsin, im Jahr 1870: Die Kleinstadt leidet unter der Dürre eines heißen, trockenen Sommers. Jeder hier kennt Jacob Hansen. Er ist ein Held des Bürgerkriegs, doch seine dunkle und gewalttätige Vergangenheit als Soldat hat ihn trotz aller Verdienste nie losgelassen. Um für seine Verfehlungen zu büßen, übernimmt Jacob nicht nur die Verantwortung für seine junge Familie, sondern er ist auch Sheriff, Bestatter und Pastor von Friendship. Infolgedessen betrachtet er die Stadt als sein Eigentum – ein Anspruch, der zum Fluch wird, als eine Epidemie ausbricht, die der Arzt nicht unter Kontrolle bekommt. 

Kritik

Neo-Western, Endzeit-Thriller und Horror verdichten sich zu einer finsteren Parabel von Schuld, Selbstverleugnung und Verdammnis und  s eindrucksvollem Spielfilm-Debüt. Basierend auf Stewart O'Nans gleichnamigem Roman entwirft die New Yorker Regisseurin ein gesellschaftskritisches Gegenbild zum US-amerikanischen Frontier Mythos, dessen buchstäblich infernalischer Ausklang ein klares kollektives Urteil spricht. Atmosphärisch dicht und formal ambitioniert, macht ihr pessimistischer Genre-Hybrid das historische Schreckensszenario einer Diphtherie-Seuche zum Instrument schicksalhafter Vergeltung. Das trügerische häusliche Ideal des Protagonisten wird zum Inbegriff oberflächlich verdeckter psychopathologischer Abgründe. 

Jene kündigen sich in alptraumhaften Visionen bereits an, bevor der scheinbar vom Glück bevorzugte Protagonist von einem perfiden Schicksal eingeholt wird. Als Pastor, Sheriff und Totengräber seines zynisch betitelten Heimatörtchens Friendship im ländlichen Wisconsin um 1870 ist Jacob Hansen (Johnny Flynn, Goodbye June) eine wandelnde Personifikation systemstruktureller Befangenheit. Der aus Norwegen immigrierte Bürgerkriegsveteran versucht aus Pflichtgefühl und Reue für Kriegsverbrechen, die nur schemenhaft angedeutet werden, die spirituelle, institutionelle und die weltliche Ordnung in seiner Gemeinde aufrechtzuerhalten. Der Seuchenausbruch enthüllt seine fatale Inkompetenz.

Symbollastiger Auslöser der Krankheit, die der örtliche Arzt Guterson (John C. Reilly, Heads or Tails?) als Diphtheriae diagnostiziert, ist die anonyme Leiche eines vagabundierenden Soldaten. Mehr besorgt um seine lokale Reputation und den Respekt der umliegenden Orte als um seine Mitmenschen, vernachlässigt essenzielle Sicherheitsmaßnahmen. Bald häufen sich die Krankheitsfälle unter der ahnungslosen Bevölkerung. Entgegen das Drängen seiner Frau Marta (Kristine Kujath Thorp, King's Land) besteht Jacob darauf, zu bleiben. Ein Wanderzirkus und Waldbrand, die Rauch am Horizont und mysteriöse Flyer ankündigen, werden zu Vorboten von Weltuntergang und Wahnsinn.  

Fazit

Die Labilität körperlicher und geistiger Gesundheit, das verdrängte Grauen von Trauma und Schuld sowie der Kollapse irdischer Ordnung parallel zum Gauben an göttliche sind die gewichtigen Themen Dara Van Dusens morbider Metapher. Kate McCulloughs evokative Kameraarbeit erschafft eine apokalyptische Ästhetik, in der die ausgebleichten Nuancen Weiß, Braun und Gelb in höllisches Rot-Orange auflodern. Die fiebrige Düsterkeit des surrealen Szenarios, indem der Sonnenuntergang visuell mit dem flammenden Verderben verschmilzt, demontiert die klassische Western-Ikonographie.  Schauspielerisch überzeugend, ist die sorgsam inszenierte Charakterkonstellation das emotionale Zentrum des halluzinatorischen Szenarios von symbolistischer Wucht. 

Autor: Lida Bach
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