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Quelle: themoviedb.org

Inhalt

Vor Jahren hat es den Mittvierziger Ewald nach Rumänien verschlagen. Jetzt wagt er einen Neuanfang. Er verlässt seine Freundin und zieht in die verarmte, ländliche Einöde, wo er mit Jungen aus der Umgebung ein verfallenes Schulgebäude zu einer Festung ausbaut. Die Kinder entdecken dort eine Unbeschwertheit, die sie so nicht kannten, doch der Argwohn der Dorfbewohner lässt nicht lange auf sich warten. Und Ewald muss sich einer lange verdrängten Wahrheit stellen. "Sparta" von Ulrich Seidl erzählt von der Unentrinnbarkeit der eigenen Vergangenheit und von dem Schmerz, sich selbst zu finden.

Kritik

Bei einem Film wie Sparta ist die Provokation bereits im Thema angelegt. Ulrich Seidls (Im Keller) neuester Film dreht sich vor allem um das pädophile Verlangen seiner Hauptfigur. Hinzu kam ein Skandal, der das Werk und den Kinostart seines Bruderfilms Rimini überschattete. Seidl wurde vorgeworfen, er hätte ethische Grundsätze missachtet und hätte die Familien der Kinder-Darsteller*innen nicht über das zentrale Thema des Filmes informiert. Außerdem soll er bewusst Traumata der Darsteller*innen getriggert haben und einen Führungsstil an den Tag gelegt haben, der missbräuchlich gewesen sei. Er selbst und mehrere am Film beteiligte Personen dementierten die Vorwürfe. Bei einem solchen Thema genügt nur der Verdacht, um den Zuschauenden den Zugang zum Werk zu erschweren. Niemanden ist es übel zu nehmen, wenn er sich von diesem Film fernhält. Wer sich dennoch daran macht, Rimini und Sparta zu sichten, wird mit zwei großartigen Filmen belohnt.

Was die beiden Werke zusammenhält, sind die Brüder Richie (Michael ThomasParadies: Hoffnung) und Ewald (Georg Friedrich, Sisi & Ich), deren Geschichten Seidl in den beiden Filmen erzählt. Als Verknüpfungspunkt dient der an Demenz erkrankte Vater (Hans-Michael Rehberg, Das finstere Tal), den beide im Heim besuchen. Dieser kann sich geistig nicht von seiner NS-Vergangenheit lösen und wird nicht zu einem befreiten Ich finden. Er schwebt als thematischer Fluchtpunkt über den Geschichten der Brüder, die jeweils auf der Flucht zu sich selbst scheitern. Während Richie als abgehalfterter Schlagersänger den letzten verwelkten Lorbeeren hinterherrennt und sich sein Leben nur durch den Beischlaf mit übrig gebliebenen Fans finanzieren kann, steckt Ewald in einer Lebenskrise, aus der er sich mit einem Neuanfang zu befreien versucht. Aus einer alten Schule baut er eine Festung, in der er sich mit Kindern aus der Gegend verkleidet und sie trainiert. Dabei treibt ihn sein schlimmstes Begehren an, das in zunehmend einholen wird – mit ihm die gesellschaftliche Missachtung.

Die Handlungsstränge der beiden Filme hätten parallel stattfinden sollen. Seidl entschied sich im Schnitt jedoch dafür, aus dem gefilmten Material zwei Werke zu machen. Rimini merkte man das nicht an, Sparta stellenweise schon. Vor allem die Szenen mit Ewalds Vater wirken teils deplatziert. Denkt man sich Sparta jedoch als den Teil eines größeren Gesamtwerks, als das es vorgehen war, stört das nicht weiter. Auf dem International Film Festival Rotterdam wurde ein 205 Minuten langer Cut beider Geschichten unter dem Titel  "Wicked Games Rimini Sparta" gezeigt. Sicherlich wäre es interessant zu sehen, wie sich die Geschichten von Ewald, Richie und deren gemeinsamen Vater zusammen entfalten.

Indes steht Sparta seinem Bruderfilm in nichts nach. Während Rimini vor allem als Milieustudie überzeugen konnte, trumpft die Erzählung rundum Ewald als Charakterstudie. Dankbarerweise behält sich Seidl den sanftmütigeren Umgang mit seinen Figuren bei, den er im Vorfilm bereits pflegte. Der voyeuristische Blick in die Keller menschlicher Seelen, den der Skandalregisseur seit jeher pflegte, ist milder geworden, was bei einer Geschichte wie dieser, bei der man so schnell einen Fehltritt verbuchen kann, hilfreich erscheint. Er inszeniert Ewald als einen in sich gekehrten Mann, der sich für seine Pädophilie missachtet, der als Trainer einen freundlichen Umgang mit den Kindern pflegt, der jedoch nie frei von Schuld ist. Schließlich nutzt er die errichtete Festung, um den Jungen nah zu sein und Bildmaterial über sie aufzunehmen.

Es sind Ambivalenzen dieser Art, die das Werk erschafft, die emotional verwirren – auch weit über den Abspann hinaus. Das Werk relativiert nicht die Verwerflichkeit von Pädophilie, allerdings begreift es diese als inneres Leiden des Protagonisten. Ewald, dessen Verhalten sich zum Großteil im nicht justiziablen Rahmen abspielt, erkennt selbst, wie verwerflich seine Wünsche sind. Immer wieder können wir Momente der Verzweiflung darüber erleben. Das erwachsene Umfeld von Ewald, deren Kinder er betreut, bemerkt schnell, dass ihm nicht über den Weg zu trauen ist. Jedoch aus den falschen Gründen. Sie fürchten, die Macht über ihre Kinder zu verlieren, fürchten dass die Jungen durch die Freundlichkeit Ewalds „verweichlichen". Solche Widersprüchlichkeiten machen deutlich, was für eine kaputte Welt Sparta zeichnet.

Getragen wird der Film vor allem durch das dezente Schauspiel von Georg Friedrich. Seinen Blicken, die zwischen schamhaft und verstohlen changieren, ist das gestörte Innenleben seiner Figur anzusehen. Dadurch entsteht eine unüberwindbare Kluft zwischen Ewald, der Welt und uns Zuschauenden, die nur in kurzen Momenten des Mitleids eingerissen wird. Wir fürchten und ekeln uns vor Ewald und spüren dennoch die innere Zerrissenheit des Charakters. Die Hoffnungslosigkeit, die damit einhergeht, wird von der Erzählweise betont. Der Film lebt von seinen stillen Momenten, von seiner realistischen Inszenierung, die nahezu ohne Score auskommt und über weite Strecken Szenen aneinanderreiht, die Ewalds neuem Alltagsleben im rumänischen Hinterland gewidmet sind.

Die symmetrische Raumaufteilung, die den Stil der Kameramänner Wolfgang Thaler und Serafin Spitzer durchzieht, lässt die Landschaft nicht nur zugänglicher wirken. Auch erweckt sie einen geordneten Eindruck, der an die Alltagsordnung erinnert, aus der sich die Charaktere in Ulrich Seidls "Böse Spiele" (der ursprüngliche Arbeitstitel des Gesamtwerks) befreien wollen. Ein makaberer, wie passender Titel, geht es in Rimini und in Sparta doch um Charaktere mit unerfüllbaren Bedürfnissen, die sich einen Alltag einrichten, der sie diesen auf unethische Weise näher bringt. Seidl hat erneut unter Beweis gestellt, mit welch unerträglicher Schärfe er sich in verschiedenste Schicksale hineinbegeben kann.

Fazit

Mit "Sparta" ist Ulrich Seidl erneut ein großartiger Film gelungen: Eine Charakter- wie Milieustudie, die trotz sensiblem Thema Ambivalenzen aushält und in einer analytischen Schau in ein gefährliches wie tragisches Schicksal blickt . Am Ende bleibt ein hoffnungsloses Werk, das auf eine kaputte Welt blickt, in dem selbst Beschützerfiguren nur aus den falschen Gründen richtiges tun. Trost spendet der menschliche Blick, der sowohl hier als auch im Vorfilm, minutiös auf dem Innenleben seiner Figuren haftet.


Kritik: Maximilian Knade

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