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"Le Passé" erzählt die Geschichte des Iraners Ahmad, der nach vier Jahren aus dem Iran nach Paris zurückkehrt, weil seine französische Noch-Ehefrau Marie ihn gebeten hat, die Scheidung zu vollziehen. Sie hat inzwischen einen anderen Mann kennengelernt, Samir, von dem sie ein Kind erwartet. Samir ist mit seinem kleinen Sohn bereits in das Haus von Marie und ihren beiden Töchtern eingezogen. Doch als Ahmad ankommt, spürt er schnell, dass die Beziehung zwischen Marie und ihrer älteren Tochter Lucie aus diesem Grund angespannt ist.
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Kritik

Mit seinem in Teheran spielenden und mit über 40 Filmpreisen (darunter auch der Oscar in der Kategorie des Besten fremdsprachigen Filmes) honorierten Ehe-Drama „Nader und Simin – Eine Trennung“ aus dem Jahre 2008 ist der Autorenfilmer Asghar Farhadi endgültig in der Filmwelt angekommen. Durch seine vielschichtigen Charakter-Portriäts, die immer wieder gebündelt mit der Hinterfragung individueller Moralvorstellungen florierten, hat sich der Perser postwendend auch für einen Markt interessant gemacht, der über die nationalen Grenzen hinaus geht. Und dann sollte es auch nur zwei angenehm leicht zu überbrückende Jahre dauern, bis Farhadi mit seiner ersten europäischen Produktion „Le passé – Das Vergangene“ erneut Jubelchöre ertönen lassen durfte: Bei den internationalen Filmfestspielen von Cannes gab es gleich zwei Auszeichnungen für „Le passé – Das Vergangene“, der, verweilen wir in der jüngeren Vergangenheit, zusammen mit „Blau ist eine warme Farbe“ die immensen Qualitäten des französischen Kinos eindrucksvoll bestätigt.

Distanziert von den landesweiten Gepflogenheiten seiner iranischen Heimat, siedelt Asghar Farhadi die Geschichte von „Le passé – Das Vergangene“ in einem säkularen Milieu der französischen Hauptstadt an und hat so die Chance, sich von jedem religiösen Unterbau loszureißen und die soziokulturelle Prägung des Nahen Osten hinter sich zu lassen, auch wenn eine Hauptfigur, Ahmad (Ali Mosaffa), ebenfalls Iraner ist. Dieser allerdings darf sich als Positivbeispiel der stetig wachsenden Globalisierung deuten lassen und nimmt als Ahmad die Rolle des Ex-Ehemannes von Marie (Bérénice Bejo) ein, die ihn zurück nach Paris konsultieren lässt, damit er endlich die Scheidungspapiere unterschreibt. Die Figurenkonstellation wird durch Samir (Tahar Rahim), Maries neuer Freund, dessen Frau Celine seit acht Monaten im Koma liegt, wie die drei Kinder Fouad (Elyes Aguis), Samirs Sohn, Lucie (Pauline Burlet) und Léa (Jeanne Jestin), die aus einer von Maries früheren Beziehungen stammen. Das mag verschachtelt klingen, vielleicht auch etwas erzwungen, lassen sich doch schon auf dem Papier mannigfach mögliche Komplikationen in tausend Richtungen konstruieren.

„Le passé – Das Vergangene“ aber wirkt weder (über-)konstruiert, noch scheint er seine Charaktere, die hier wirklich als Charaktere bezeichnet werden können, so aufmerksam wie sich Farhadi doch ihren Innenleben auseinandersetzt, dem bloßen dramaturgischen Effekt unterzuordnen: Von Augenwischerei jedenfalls ist dieser Film Lichtjahre entfernt, stattdessen legt Farhadi großen Wert auf Realitätsnähe, pfeift auf Formalismus und fühlt den schwerwiegenden Problemen im komplexen innerfamiliären Geflecht in aller Ruhe auf den schmerzhaft pochenden Zahn. In Paul Thomas Andersons „Magnolia einer regelrechten Apotheose des Episoden-Films, fällt das inzwischen inflationär verwendete Zitat: „We might be through with the past, but the past ain't through with us.“ Interessant erweist es sich, diesen Satz auf die Involvierten in „Last passé – Das Vergangene“ zu projizieren, hat die Vergangenheit diese doch schon lange nicht mehr losgelassen und kursiert wie eine schwarze Gewitterwolke über ihren Köpfen. Doch alle sind sich dieser unheilvollen Präsenz hier im Klaren und versuchen zwanghaft, den Einschlag des Blitzes irgendwie abzuwenden.

Mit Ahmads Ankunft brechen alte Wunden wieder auf. Wunden, die nie wirklich verheilt waren, aber so gut abgedeckt, dass man ihre eigentliche Tiefe auf den ersten Blick nicht erahnt hätte. Marie versucht Rückschläge aus vergangenen Tagen zu kompensieren, dafür instrumentalisiert sie sogar Samir, der auch Fehler in seinem Leben gemacht hat, unmoralische Dingen nachging, doch im Grunde als ein nicht weniger sympathischer, weil lebensechter Charakter dargestellt wird wie der besonnene Ahmad, der den Dialog in dem angespannten Wirrwarr sucht, in dem Marie ihr Dasein fristet. Während diese Probleme in ihrer Verzweiflung nur noch schichtet, anstatt eine Lösung zu finden, zeigt „Le passé – Das Vergangene“ exakt auf, dass wir mit dem Vergangenen nicht abschließen können, wenn jene Tage doch wie ein Brocken auf der Seele lasten, was einen Neuanfang zur Farce erklärt, weil sich dieser letztlich als bloßes Lippenbekenntnis entschleiern lässt. In „Le passé – Das Vergangene“ ist jeder auf seine eigene Weise gefangen, klammert sich an Ausflüchte, verrennt sich in Selbstbetrug oder versackt in Depressionen. Und doch besteht da immer noch Hoffnung, was Asghar Farhadis unverfälschte Humanität betoniert.

Egal, wie schlecht die Dinge auch laufen, es gibt doch immer irgendwo eine Möglichkeit sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen und Frieden mit sich und der Welt zu schließen. Der Schlüssel dafür liegt schlicht in der Kommunikation begraben. Selbstredend verfällt „Le passé – Das Vergangene“ keinesfalls einer derart simplen Artikulation, die alle Sorgen mit einem Fingerschnippen aus dem Weg räumt. Alle müssen sie hier erst einmal einen Blick in den Abgrund wagen, müssen in den paralysierenden Geschmack von Leere, Ungewissheit und der Schuld kommen, bis sie vom Reinwaschen ihrer selbst träumen dürfen (nicht umsonst spielen einige Szenen in einem metaphorisch aufgeladenen Waschsalon). Bis auch der Zuschauer irgendwann einsieht, dass die Wahrheit oft nur hinter einer Glasscheibe wartet, die es zu überwinden gilt. „Le passé – Das Vergangene“ tut einen Teufel, seine Geschichte bis ins hinterste Detail auszuerzählen, sie komplett zu durchlüften, sondern lässt vieles in den Köpfen seiner Rezipienten zu einem (spekulativen) Ende finden. Es ist jedenfalls mal wieder beeindruckend, wie erwachsen und exakt sich Farhadi in die verstrickten Gefühlswelten seiner Charaktere eindenkt.

Fazit

Ein hervorragend gespieltes und nicht minder brillant geschriebenes Charakter-Drama, das uns die enorme Klasse des französischen Kinos mal wieder in aller Deutlichkeit vor Augen führt. Farhadi fühlt sich in seiner ersten europäischen Produktion tief in den Schmerz eines zerrütteten Familiengeflechts ein und serviert mit „Le passé – Das Vergangene“ wahrlich anspruchsvolle, berührende und nicht zuletzt ungemein intensive Filmkost.

Autor: Pascal Reis

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