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Ein Kleinganove und ein Arzt mit Alkoholproblem treffen in einer anonymen Stadt im Nachkriegsjapan zusammen, in dessen Mitte ein riesiger Sumpf modert. Während zwischen den beiden eine Beziehung aus Sorge, Stolz, Macht und Gefühl entbrennt, kommentiert der ganze Film das Verhältnis zwischen den USA und Japan.

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Kritik

Gleichwohl der Japaner Akira Kurosawa („Die sieben Samurai“) im Jahre 1943 seinen ersten Spielfilm inszenierte, dauerte es noch bis zur nächsten Dekade, ehe er mit „Rashomon“ weltweit berühmt wurde. Seitdem sorgte er regelmäßig mit seinen universal verständlichen Symbolen, seiner technischen Raffinesse und seinem unvergleichlichen Gespür für den Bildausschnitt für Aufmerksamkeit für den japanischen Film. Einerseits bekannt für die großen Samurai-Filme in seinem Gesamtwerk, zeichnet sich Kurosawas Arbeit doch auch durch die Zusammenarbeit mit einem Schauspieler aus: Toshiro Mifune, mit dem Kurosawa nach diesem Film noch ganze fünfzehn weitere Projekte ausführen würde. Eine der größten kreativen Partnerschaften für einen der größten Regisseure des Weltkinos. „Engel der Verlorenen“, auch als „Der trunkene Engel“ bekannt, ist die erste Zusammenarbeit von Kurosawa und Mifune und - nach eigener Aussage Kurosawas - der erste Film, bei dem er größere kreative Kontrolle als zuvor besaß.

Wie so oft beginnt Kurosawa seinen Film mit der symbolischen Macht der Natur. Hier, einer grotesk entstellten Version des Elements, das alles Leben beginnt. Anstelle von Wasser, das von oben herab kommt oder ruhig als See zu beobachten ist, sammelt sich das Wasser hier inmitten dieser anonymen Stadt in Bächen auf den Straßen und kulminiert schließlich in einem giftigen Sumpf im Zentrum der Stadt. Ein giftiger Sumpf, der unter der Oberfläche brodelt, die Seelen der Stadt zerfrisst und droht, die dunkle Stadt zu überschwemmen und von innen heraus zunichte zu machen. Viel mehr wird über die Stadt im Nachkriegsjapan nicht bekannt gegeben; wir erfahren bloß, dass die Stadt dem Untergang geweiht ist und wer in diesem Moloch überhaupt lebt. Geplagte Figuren, nicht nur geplagt von der Umwelt (den verdammten Mücken) sondern auch und vor allem von selbstverschuldeten Entwicklungen. Der Arzt, der ein starkes Alkoholproblem hat und der kleine Möchtegern-Yakuza, der sich schon vor Beginn des Films eine Kugel eingefangen hat.

Es sieht also nicht gut aus für die Protagonisten dieses Dramas. Der Sumpf, der anfangs nach jeder Sequenz gezeigt wird, ist so ziemlich der einzige Anhaltspunkt des Landes Japans, den der Zuschauer an die Hand bekommt. Ein dampfendes Moor als Status Quo. In der Mitte der Gesellschaft brodelt es unaufhörlich, doch was genau ist die Mitte der Gesellschaft in einem Nachkriegsjapan, das die Lösung aller Probleme im Rausch sucht. Rausch, der in all seinen Ausdrucksformen nur eins zur Folge hat: Die Opferung des Selbst für eine außenstehende Kraft - sei es der Alkohol oder die Mafia. Von Anfang an ist die Welt für den Doktor und den Kleinganoven ein Ort des auf der Brust lastenden Drucks. Kurosawa garniert dies bereits früh mit einer wunderbaren Symbolik: Die Tür der Arztpraxis fällt immer wieder sanft zu. Am Ende wird sich eine Tür öffnen, doch in einer brutal verdrehten Bedeutung. Kurosawa stellt die Welt auf den Kopf, dokumentiert nicht nur die Verwirrung der Japaner, sondern vor allem die äußeren Umstände, die keine Gewohnheit mehr zulassen.

Überraschenderweise offenbart sich nach nicht allzu langer Zeit eine Verbindung zum amerikanischen Kino der 70er Jahre, die man so wohl nicht erwartet hätte. Der Gangster (Mifune) fragt den Arzt ärgerlich, ob er ihn anlabere. Der verlorene Engel ist hier zwar vornehmlich der Arzt, aber es ist ein Titel, den man gleichermaßen auf den Ganoven und auch auf Travis Bickle aus Martin Scorseses „Taxi Driver“ passt. Scorsese, der bekennender Kurosawa-Fan ist und mit dem Film mit Robert DeNiro seine Version einer Nachkriegsgesellschaft erzählt. Scorsese nimmt Vietnam, Kurosawa den Zweiten Weltkrieg. Je tiefer die Gespräche zwischen dem Arzt und dem Gangster greifen, desto augenscheinlicher wird die Metapher, die Kurosawa sich hier vornimmt. Eine, mit der er das Verhältnis zwischen Japan (Gangster) und USA (Arzt) behandelt. Folgt man dieser Interpretation, derer man sich wirklich teils nicht erwehren kann, Szene für Szene, offenbart sich manchmal fast schon satirischer Witz in Kurosawas Arbeit. Da wird der Arzt zum Besessenen, der unbedingt die Röntgen-Bilder des Gangsters sehen will - also alles. Nackt bis auf die Knochen.

Fazit

Mit „Engel der Verlorenen“ inszeniert Akira Kurosawa bereits 1948 eine kluge und emotionale Reaktion auf den Nachkriegszustand seines Heimatlandes. Wie auch in späteren Arbeiten demontiert er den Ehr- und Moralkodex der Yakuza (bzw. Samurai), indem Gefühle und Menschlichkeit als erbärmliche Schwäche angesehen werden. Der Gangster opfert sein Leben, welches für die Yakuza jedoch nur einen materiellen und strategischen Wert hat. Gleichzeitig entspinnt Kurosawa ein interessantes Porträt von Amerika gegen Japan - und hatte nicht immer Erfolg. Amerikanische Zensoren beeinflussten die finale Version an einigen Stellen, entdeckten aber wohl nicht die versteckten Botschaften, Momente der Karikatur und teils bissigen Sätze, die Kurosawa wohlwissend in den Film integrierte. Enttäuschen tut Kurosawa halt nie.

Autor: Levin Günther

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