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Ein kleinbürgerlicher Herr folgt seiner Sehnsucht nach der Großstadt und verlässt seine Frau in der tristen Wohnung. In der Großstadt lernt er nicht nur neue Leute kennen, sondern lässt sich auch in kriminelle Machenschaften verwickeln. Der Film begründete die Strömung der Straßenfilme, die einen deutlichen Einfluss auf den Film Noir nehmen sollten.

Kritik

Viele deutsche Regisseure haben anno dazumal, als der Typ mit dem Zweifingerbart anfing, alles kaputtzumachen, ihr Heimatland verlassen, um im Ausland weiter ihrer Profession nachzugehen. Fritz Lang, F. W. Murnau, Robert Siodmak, Otto Preminger, etc. haben dabei immense Erfolge gefeiert. Karl Grune aber, der in den Zwanzigern mit einigen Filmen Aufmerksamkeit erregte, schaffte es nicht so recht. In den frühen Dreißigern war er noch Produktionschef bei Emelka, bis er 1933 auswanderte und in Großbritannien vereinzelt Filme produzierte, ohne nennenswerten Erfolg. Dabei hat Grune der Filmlandschaft einen unschätzbaren Dienst erwiesen, indem er mit Die Straße, seinem berühmtesten Werk, die Filmgattung der Straßenfilme lostritt. Diese sind eine von Siegfried Kracauer so bezeichnete Strömung, die ihre titelgebende Eigenschaft dem Asphalt verdankt - und somit quasi fünfzig Prozent des Film Noirs vorwegnimmt.

Dabei ist der erste Vertreter der Straßenfilme gewissermaßen exemplarisch für seine Familie. Der Film beginnt im Wohnzimmer eines Ehepaares. Der Mann liegt gelangweilt auf dem Sofa, seine Frau (sie wird über eine Herzblende eingeführt) kocht in der Küche. Der horizontale Herr fängt an zu tagträumen, als er die Schattenspiele an der Decke sieht, die von dem Rummel draußen erscheinen. Bereits 1923 sieht man damit quasi eine Film-im-Film-Sequenz; Schattenspiele im eigenen Haus, die die Reise in die weite Ferne andeuten. Der Herr sieht begeistert die Welt außerhalb seines Fensters. Er sieht die Aufregung, den Verkehr, das Treiben, die Unterhaltung, den Spaß, die große Verlockung. Karl Grune schneidet Jahrmarkt-Attraktionen über das Gesicht einer Frau, ihr Lächeln wird mit sprühenden Funken eines Feuerwerkes vollendet. Der Mann verspricht sich wirklich viel von der Welt da draußen.

Kurz entschlossen entflieht er der tristen Umgebung seiner Wohnung, seiner Ehefrau und tritt an die frischere Luft. Eine Luft so frisch, dass selbst die unzähligen Autos vor Freude hupen. Auch hier wird Grune beispielhaft für alle Straßenfilme. Die Großstadt ist nicht der versprochene Traumort, sondern ein überfüllter Moloch. Die erste Begegnung des Herren ist eine junge, reizende Frau, deren Gesicht sich alsbald als Totenschädel entpuppt - direkt nach dieser Erfahrung schneidet Grune zurück zur Ehefrau, die in aller Einsamkeit beide Teller Suppe wieder in den Topf schüttet. Ein Moment, der in seiner Emotionalität und Tragik alle vorigen und kommenden Szenen in den Schatten stellt. Beweist Grune hier nicht nur, dass er visuell zu aufregenden und aussagekräftigen Spielereien imstande ist, sondern auch Gefühle dort verwurzeln kann, wo sie am meisten bewirken.

Doch hat der Schnitt zur Ehefrau und die damit einhergehende Wirkung noch ein weiteres Ziel. Straßenfilme haben immer die gleiche Moral von der Geschicht’. Der Ausflug in die pulsierende Stadt ist zwar zunächst für die Figuren reizvoll, birgt aber seine Tücken. Sie entpuppt sich als Sumpf, in dem nur sehr schwer Halt zu finden ist. Ihre Bewohner sind unehrlich, anonym, scheinheilig und Vorboten des Todes, der niederen Triebe, der Gewalt. Zuletzt müssen die Protagonisten daher entweder beschämt und geläutert zurück zum heimeligen Status Quo, oder aber zugrunde gehen. Der Rückblick zur einsamen Ehefrau pflanzt dies in den Herzen der Zuschauer bereits sehr früh. Kracauer bezeichnete die Straßenfilme deshalb als autoritär-sympathisierend. Lieber nichts Neues probieren, lieber das Gewohnte halten, lieber auf die anderen hören.

Dennoch zeigt Karl Grunes Film bereits eine Vielzahl von visuellen Qualitäten, die nicht selbstverständlich sind. So hat die Großstadt Ecken und Gassen sie - so möchte man sich erträumen - auch ihren Weg irgendwie in Filme wie Blade Runner fanden. Die expressive Bildsprache tut dann ihr Übriges, um den Film bis heute überleben zu lassen. Einer der vielen Höhepunkte ist da der buchstäbliche (und genial doppeldeutige) Schwindel der Großstadt. Die Kamera rotiert um ihre eigene Achse. Zudem findet sich tatsächlich hier bereits eine Femme fatale, die für den späteren Film Noir so essenziell wichtig sein wird. Eine fremde Frau in der Stadt ist es, die dem (Pantoffel-)Helden das Herz verzaubert, für die er die Strapazen auf sich nimmt, weil er sie beeindrucken will. Zu spät bemerkt er - wenn überhaupt -, dass er nicht genug besitzt, um ihr zu gefallen. Seine Seele ist zu wenig.

Fazit

Mit „Die Straße“ hat Karl Grune den Startschuss für die deutsche Filmströmung des Straßenfilms abgegeben. Die expressive Bildsprache ist teils eine Freude und überrascht immer wieder mit Tricks und Kniffen, die die Geschichte gezielt vorantreiben und späteren Stummfilmmeisterwerken wie „Metropolis“ den Weg ebnen. Die Großstadt, das zentrale Thema des Films, entpuppt sich als überbevölkertes Moloch, indem keine Übersicht herrscht; Kinder kommen zwischen die Räder und der einzelne Mensch verliert seine Identität. Bemerkenswert ist zudem, dass sich die Texttafeln des Stummfilms an einer Hand abzählen lassen. Gekonnt kommunizieren die Darsteller über Mimik, Gestik und Körperhaltung - den Rest kann der Regisseur mit Bravour über die Bilder erzählen.

Autor: Levin Günther

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