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Roger Kumble verfilmte das Thema des französischen Romans "Les Liaisons Dangereuses" einmal anders. Inmitten von Manhattan vertreiben sich die beiden verwöhnten High-Society-Stiefgeschwister Kathryn und Sebastian ihre Zeit mit Sex, Drogen, Intrigen und Manipulation. Sie wetten um die Verführung einer Jungfrau.
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Auf dem Höhepunkt der nicht enden wollenden Welle an Teenie-Filmen, von denen das Publikum Ende der 90er Jahre noch lange nicht genug bekommen konnte, erscheint ein Film wie Roger Kumbles Eiskalte Engel aus dem Jahr 1999 wie ein Wolf im Schafspelz. Die zeitgemäße Adaption des französischen Briefromans Gefährliche Liebschaften, der als Hauptwerk der französischen Literatur aus dem 18. Jahrhundert zählt, lockt die jugendliche Zielgruppe mit attraktiven, unverbrauchten Jungdarstellern wie Ryan Phillippe (Gosford Park), Sarah Michelle Gellar (Ich weiß was du letzten Sommer getan hast), Selma Blair (Scream 2) und Reese Witherspoon (Pleasantville). Anstelle der üblichen naiven Romanzen sowie unreifen Liebeleien entfesselt der Regisseur aber viel lieber hässliche Intrigen, bösartige Abgründe und sexuell eindeutige Motive. Wie eine Kreuzung zwischen der glatten Hülle bekannter Teenie-Streifen und den kalten, abgestumpften Eskapaden aus den Romanen von US-Schriftsteller Bret Easton Ellis wirkt Kumbles Blick auf die heranwachsende Upper Class New Yorks, die sich gelangweilt von all den funkelnden Oberflächen, teuren Luxusartikeln und flüchtigen Bettbekanntschaften nach neuen Kicks sehnt und sich in zunehmend destruktiveren Machenschaften verstrickt.

Die Hauptfiguren der Geschichte sind die Stiefgeschwister Kathryn und Sebastian, die der High-Society angehören und sich finanziell um nichts Gedanken machen müssen. Ihre Eltern, die man in dem Film niemals zu Gesicht bekommen wird, glänzen dauerhaft mit Abwesenheit, während sich der Nachwuchs auf eine perfide Wette einlässt. Sollte Sebastian die Wette verlieren, geht sein schicker Jaguar an Kathryn. Gewinnt Sebastian die Wette, darf er mit seiner Stiefschwester, die für den gelangweilten Playboy so etwas wie die letzte verbotene Frucht darstellt, im Bett anstellen, was er möchte. Kathryn selbst, die als trügerisches Zeichen ihrer Unschuld ein Kreuz an einer Kette um ihren Hals trägt, aus dem sie regelmäßig Kokain schnupft, unterbreitet ihrem Stiefbruder dieses Angebot, wodurch endgültig klar geworden sein sollte, um was für eine Art Film es sich bei Eiskalte Engel handelt. 

Während die meisten Teenie-Streifen von Figuren erzählen, die unbedingt endlich Sex haben wollen, ist der körperliche Akt in Kumbles Film längst zur zynischen Währung verkommen, die die Stiefgeschwister für einen spielerischen Wettstreit einsetzen. Bei der Wette zwischen Sebastian und Kathryn geht es lediglich darum, ob es Sebastian gelingt, die Tochter des neuen Schuldirektors zu entjungfern, die sich wiederum der strikten Enthaltsamkeit vor der Ehe verschworen hat. Nebenbei hat Kathryn noch eine Rechnung mit der naiven Cecile offen, die ihr den Freund ausgespannt hat und wiederum von der populären Kathryn darin geschult werden soll, bei ihren Mitschülern beliebter zu werden. Ebenso bissig wie vergnüglich entwirft der Regisseur ein Figurengeflecht, in dem Gefühle im ständigen Wechsel missbraucht werden, Körper wie verführerische Lockmittel posieren und Dialoge von vorgetäuschter Ehrlichkeit in ehrliche Boshaftigkeit kippen. 

Dass Eiskalte Engel dabei die typische Ästhetik überzogen gespielter 90er-Jahre-Filme bedient und mit kitschigen RomCom-Klischees genauso jongliert wie mit gestelzten, bisweilen unnatürlich klingenden Dialogen, unterstreicht den subversiven Charakter von Kumbles Werk nur umso deutlicher. Trotz der poppigen Eingängigkeit, die durch passend ausgewählte Songs wie Every You Every Me von Placebo, Colorblind von Counting Crows oder Bitter Sweet Symphony von The Verve im Finale entsteht, und den äußerlich makellosen Darstellern, die sich mit sichtlicher Spielfreude in ihre Rollen zwischen intriganten Monstern und ahnungslosen Opfern stürzen, entwickelt sich die Handlung mehr und mehr zur bitteren Tragödie, bei der ausgerechnet aufkeimende Gefühle in dieser Geschichte der ausgeblendeten Gefühle bis zum Tod führen. Perfide nimmt der Regisseur diese Entwicklung schon im Vorspann seines Films vorweg, wenn die Kamera in einer Kranfahrt nicht nur erstmals Sebastian in seinem Jaguar fahrend zeigt, sondern neben dem Highway kurz vor New York außerdem einen Friedhof enthüllt, der zum Abspann mindestens einen Neuzugang verbuchen wird. 

Zuvor scheint sich Kumble wiederholt darin zu versuchen, durchaus ikonische Szenen innerhalb des Genres zu kreieren, das er im selben Moment vorführt. Ein erotischer Kuss zwischen Kathryn und Cecile brennt sich gleichermaßen mit knisternder Nachhaltigkeit ins Gedächtnis wie das Bild von Kathryn, die sich auf ihrem Stiefbruder räkelt, ihn immer weiter reizt und verführt, bis das erotische Spiel doch noch mit provokanter Verzögerung ein jähes Ende findet. Für sexuelle Erfüllung ist in Eiskalte Engel letztendlich aber ebenso wenig Raum wie für aufrichtige Gefühle, die an der giftigen Oberfläche dieses Yuppie-High-Society-Albtraums zerschellen wie Sebastians Jaguar, der durch einen kurzen Schlenker vom Highway direkt auf den nebenan gelegenen Friedhof rauscht.

Fazit

Hinter der Fassade eines typischen Teenie-Streifens verbirgt sich in „Eiskalte Engel“ eine bösartige Abrechnung mit der abgestumpften jungen New Yorker High Society, die inmitten von Saus und Braus angesichts all der makellosen Oberflächlichkeit mehr und mehr den Abgründen verfällt. Auch wenn Regisseur Roger Kumble mit seiner zeitgemäßen Adaption eines Briefromans aus dem 18. Jahrhundert vordergründig jene Zielgruppe bedient, die nach eingängigen Popsongs und unverbrauchten Jungdarstellern lechzt, beschreitet „Eiskalte Engel“ eine ideale Gratwanderung zwischen bösartiger Subversion, bitterer Tragödie und lässiger Pose.

Autor: Patrick Reinbott

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