{{ tweet.login }}

{{{ tweet.body | format }}}

Wird geladen...

×
×

Erwähnungen

×

Benachrichtigungen

Inhalt

Von seinem Komplizen Luigi direkt aus dem Gerichtgebäude befreit plant der rücksichtlose Gangster Heinz Klett direkt den nächsten Coup, der ihm, Luigi, dessen Verlobter Heidi und deren Bruder Christian einen geruhsamen Lebensabend garantieren soll. Ein schwer bewaffneter Banküberfall am hellichten Tag, mitten in München. Der Raub wird zur blutigen Geiselnahme und der unberechenbaren Klett ist zum Äußersten bereit.

Kritik

„Keine Bewegung oder ich knall‘ dich hier im Scheißhaus zusammen!“

Hemmungsloses, ranziges Genrekino war in den 70ern nichts Ungewöhnliches, die europäische Filmschmiede war dafür der Schmelztiegel des schlechten Geschmacks, aber selbst damals hielt sich die brave, deutsche Biedermeier-Filmkultur oftmals zurück. Das höchste der Gefühle waren lümmelige Sofsex-Fummel-Schinken, nur selten gab es positive, mutige Ausreißer zu vermerken wie den Quasi-Western Deadlock oder den Rape & Revenge-Vorreiter Mädchen: Mit Gewalt. Blutiger Freitag von St. Pauli-Spezi Rolf Olsen (Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn) ist dafür gleich ein ganz derbes Exemplar, der einem mit einem satten Achtung-hier-bin-ich direkt in die Fresse schlägt und dabei überhaupt keine Scheu an den Tag legt, sich eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte unverblümt zum Vorbild zu nehmen, das zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein paar Monate frisch war.

Am 4. August 1971 wurde die Filiale der Deutschen Bank in der Prinzregentstraße in München überfallen. Der Raub lief nicht so wie geplant, mündete in einer so in der Bundesrepublik noch nie erlebten Geiselnahme-Belagerung, die fast einen befremdlichen Volksfest-Charakter annahm. Es endete in einer Schießerei, die einem Täter und einer Geisel das Leben kostete. Rolf Olsen greift mit seinem ruppigen Exploitation-Reißer dieses Szenario wild selbst-interpretiert auf, verweist zu Beginn auf seine Fiktion und nicht Fakten-Treue, erwähnt besagten Überfall auch direkt im Film als vorher geschehen, damit ihm keiner nachsagen könnte, er würde dieses Ereignis adaptieren. Natürlich stand dieses Verbrechen schamlos Pate und man könnte sicherlich über die moralische Fragwürdigkeit diskutieren, ein so brutales Verbrechen mit tragischem, individuellem Ausgang für eines der Opfer nur kurz danach in der Form eines bewusst räudigen „Schund“-Films auszuschlachten. Das ist in der Tat grenzwertig, wobei der Film ganz sicher nicht darüber provozieren will, obwohl er sich sonst Provokation ganz deutlich auf die Fahne geschrieben hat. Und was soll man sagen: Er ist damit ein echter, kleiner Hit. Heute sogar mehr als damals, da er trotz seines geringen Anspruchs das Deutschland und dessen gesellschaftliche Befindlichkeiten in den frühen 70er zu transportieren vermag. So könnte man ihn heute nicht mehr drehen, selbst wenn man es wollte.

Kartoffel-Quetsche und Gesichts-Bison Raimund Harmstorf (Sie nannten ihn Mücke) grölt, wütet, ballert, säuft und bumst sich als Rechtstaats- und Resozialisierungs-Albtraum Heinz Klett wie ein Berserker mit Sonnenbrille, Zigarillo und im Schritt prall ausgebeulter Biker-Lederhose durch dieses assige Bahnhofskino aus heimischen Anbau (mit italienischer Schützenhilfe). Wie ein Hundstage auf Jägermeister, in dem harmlosen Opa-Polizisten aus dem Kinderprogramm die Fresse an der Klowand zermatscht wird, Radfahrer bei voller Flucht-Fahrt aus der Windschutzscheibe geprügelt werden, süße Vorschüler mit scharfen Handgranaten spielen und die Blutbeutel fröhlich zum Platzen gebracht werden, wenn es die Situation erfordert. Der räudige Seewolf geht voll auf in seiner brutalen Wüterich-Rolle („Was gibt’s? Braucht wer ´ne Abreibung?!“). Rolf Olsen lockt sein Publikum durch eine so kaum gesehene Hemmungs- und Skrupellosigkeit, schildert nebenbei aber auch augenzwinkernd die Kluft in der deutschen Gesellschaft nach den Studentenunruhen, dem Ohnesorg-Vorfall und dem RAF-Terror der ersten Generation. Während des Konfliktes zwischen dem konservativen Establishment und der neuen, mündigen und weltoffenen „Rebellen“-Generation (nahezu alle „älteren“ Menschen wirken wie die klassischen CSU-Wähler mit radikalen Ansichten, alle „jungen“ gehen hart auf links , teilweise solidarisch mit den Verbrechern) und vor der Eskalation durch den Deutschen Herbst, den so damals natürlich noch keiner ahnte.

Anspruchsvolles oder gar politisches Kino ist Blutiger Freitag dadurch selbstverständlich in keiner Weise, er spiegelt nur auf eine unverwechselbare Art seinen Entstehungszeitraum wieder. Offenbart auch ein Stückweit die eigenen Ansichten der Macher (die wohl eher nicht CSU wählen) und macht ihn dadurch rückblickend noch interessanter als er ohnehin schon ist. Radikal, explizit und als deutlicher Unterleibstritt gegen die Werte und Normen deutschen Spießbürgertums zu verstehen (nicht nur eine Figur ist bereit dafür sein gutbürgerliches - und generell  -  Leben zu riskieren dem zu entfliehen), dabei aber weit entfernt von Kunst im intellektuellen Sinne. Der Film hat einfach ganz dicke, stahlharte Eier. Weiß wohl exakt, wem er hier was mit welcher Wucht vor den Latz scheppert, scheut sich nicht vor schon arg ausfallenden Ideen (die Bildmontagen während der Sex-Szene sind…ähm, gewagt…) und sieht sich wohl auch gerne in der Tradition des New-Hollywood-Umbruchs (Bonnie und Clyde lassen im bleihaltigen Finale grüßen), ohne das er das gleiche, revolutionäre Erdbeben folgen lassen konnte. Aber er hat es – auf seine spezielle Art – irgendwie versucht.

Fazit

Ein satter Krautploitation-Rüpel voller Gewalt, knarziger Oneliner, prolligen Outfits (also, eigentlich eins und nur von Harmstorf, aber das reicht locker für drei Filme), befreit von jeglichen Gepflogenheiten und der Sittenpolizei immer mit dem Knüppel zwischen den Beinen und dem Finger am Abzug ein bis zwei Fahrradfahrer-Leichen-Längen voraus. Ein faszinierendes, kraftvolles Stück roher Genre-Kunst aus dem Land der Dichter, Denker, Buchhalter, Erhardts, Waalkes und Schweigers. Also mal was ganz Anderes, generationsübergreifend. Steht ihm (uns) gut. Würde es auch heute noch.

Autor: Jacko Kunze

Wird geladen...

×