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Letzter Schwarz-Weiß-Film des japanischen Regisseurs Akira Kurosawa aus dem Jahr 1964. Der Film basiert einer Geschichte von Shugoro Yamamoto und wurde auch von der Novelle "Die Erniedrigten und Beleidigten" von Fijodor Dostojewski inspiriert. Ein junger Arzt wird an ein ländliches Krankenhaus versetzt, um dort seine Ausbildung beim Klinikdirektor, genannt Akahige (Rotbart), zu beenden.
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Kritik

Mit Rotbart endete in mehrerer Hinsicht eine Ära. Viele Jahre und noch mehr Filme lang haben Akira Kurosawa (Zwischen Himmel und Hölle) und Toshiro Mifune (Die sieben Samurai) die stärkste Allianz asiatischer Filmproduktionen gebildet. Rotbart schließlich ist der letzte Film, den die beiden zusammen produzierten. Zudem ist es der letzte Film, den Kurosawa in schwarz weiß drehte. Es wirkt dabei, als hätten sich Kurosawa und Mifune bewusst noch einmal zusammengefunden, um die großen Themen der Karriere des japanischen Regisseurs einmal mehr auf den Punkt bringen. Existenzialismus und Humanismus werden hier in ausladenden, großen und breiten Pinselstrichen über das gesamte Bild gezogen. Rotbart ist tatsächlich ein Film großer Gesten und Bilder geworden, die sich beide jedoch aus kleinsten Einzelteilen zusammensetzen. Das Ergebnis verschlägt teilweise den Atem.

Das erste Bild ist dabei eines der Befremdlichkeit. Der Film beginnt mit Rücken und Hinterköpfen; Menschen, die vor einem Tor stehen, das einem doppelten Kreuze ähnelt. Die Last der Anonymität an einem Ort der Heiligkeit, aber auch die Last der Heiligkeit an einem Ort der Anonymität - beides wird Kurosawa über die kommenden drei Stunden noch zur Genüge erzählen. Wann war Heiligkeit schon einfach? Wir sehen hierbei die Ankunft des jungen Assistenzarztes Dr. Noboru Yasumoto (Yuzo Kayama, Sanjuro) in dem ländlichen Krankenhaus, das von Rotbart (Mifune) geleitet wird. Es folgt eine minutenlange Führung durch das Gebäude; immer wieder werden dabei die Zustände der Kranken gezeigt und die Eigenschaften des berühmt-berüchtigten Rotbarts angerissen. Er soll ein Diktator sein, es hat den Anschein, als wäre er ein gieriger Machtmensch, der keine Zeit und kein Geld für Mitleid hat. Ein guter Arzt, aber ein schlechter Mensch; ein Heilsbringer, aber ein Despot.

Es ist diese Ambivalenz, die dem Charakter (noch bevor wir ihn überhaupt sehen) ungemein guttut. Auch wenn die Geschichte inhaltlich von Beginn an einem Pfad folgt, der nicht schwer vorherzusehen ist, bleibt der Film ungemein einnehmend. Das liegt nicht nur an den abermals sehenswerten Leistungen der Darsteller, sondern auch an dem, was die Kameraarbeit in diesem Film leistet. Wie so oft bei Kurosawa dominieren auch hier die Linien das Bild. Zumeist sind sie vertikal, seltener auch horizontal. Das Tor zu Beginn des Films vereint beides. Deutlich wird das, wenn er Dr. Yasumoto und eine Krankenschwester in Szene setzt. Beide sitzen; er guckt zu uns, sie hat uns den Rücken zugekehrt. In der Mitte zwischen ihnen ist ein Baum, der die beiden und das Bild durchschneidet. Die beiden sind in Welten geteilt, der Stolz des Jungarztes ist diese Trennlinie. Er hat noch die Macht der Selbstbestimmung.

Eine ähnliche - und zum Himmel schreiend geniale - Szene folgt kurz darauf. Der Arzt ist in einem Raum, eine psychotische Patientin dringt ein. Zwischen ihnen ist nichts, nur der leere Raum und eine kleine Kerze. Beide stehen an den ganz äußeren Rändern des Breitbildformates. Die Entfernung ist riesig, doppelt so groß als bei der Szene mit dem Baum, die Konfrontation aber weitaus direkter. Der Arzt kann keine Trennlinie ziehen. Er ist der Situation ausgeliefert und muss sich in sie hineinfühlen. Die Entfernung in der Mitte wird nach und nach überbrückt; die Figuren kommen sich näher und schleichend langsam fährt auch die Kamera dichter heran. Plötzlich bewegen sie sich, die Spannung baut sich von selbst auf und erfährt schließlich einen Höhepunkte - die Figuren wechseln nicht nur die Position im Zimmer, auch im Bild. Kurosawa lässt aber all das organisch in seine Kamerabewegung einfließen. Minutenlang arbeitet er hier ohne Schnitt und schafft nebenbei eine der besten Szenen seiner ganzen Karriere.

Bei einer Laufzeit von drei Stunden - die oben beschriebene Handlung fängt ab der Hälfte an - hat der Film natürlich mächtig Raum für seine Figuren und er gibt diesen großzügig und gerne weiter. Was ist der Schlüssel des Lebens: Macht, Ansehen oder Frieden? fragt der Film in seiner Tagline und macht sich in bedächtiger Ruhe auf, um dieser Frage eine Antwort zu finden. Kurosawa untersucht die Menschheit und fängt einmal ganz unten an. Im Schlamm, in der Armut, bei den Menschen, die so wenig haben, dass sie sich selbst verkaufen müssen. Und mitten in diese Welt setzt er einen privilegierten Medizinstudenten, der ein Bild von sich selbst hat, dass mit der bitteren Realität unvereinbar ist. Deshalb muss er scheitern und neu aufgebaut werden. Rotbart übernimmt diese Aufgabe und zeigt dem jungen Arzt das Land, wie es wirklich ist. Bevölkert von überfressenden Herren verhungerndem Volk. Ein Land der harten Schatten, die den Charakteren auf Schritt und Tritt folgen. Schatten der Vergangenheit, Schatten der Identität, Schatten der gesellschaftlichen Sünden.

Fazit

Mit „Rotbart“ hat Akira Kurosawa ein zutiefst einfühlsames Drama inszeniert, das als eine dreistündige Untersuchung des Menschseins ist. Formidabel in Szene gesetzt - kameratechnisch ist das oft das Maximum - und ergreifend gespielt. Kurosawa erforscht in seinem letzten Mifune-Vehikel Moral und Ethik, was es heißt, das Falsche im Namen für das Richtige zu tun und Gewalt anzuwenden, um Gewalt zu verhindern. Wer Kurosawa verstehen möchte, der sollte „Rotbart“ gesehen haben. Ein schöner Abschluss einer großen Ära.

Autor: Levin Günther

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