Ein entstellter Schauspieler, eine experimentelle Behandlung und ein Körper, der zunehmend außer Kontrolle gerät: Mit Clayface wagt sich DC Studios auf ungewöhnliches Terrain. Statt einen weiteren Superhelden in den Kampf gegen das Böse zu schicken, erhält ausgerechnet einer von Batmans weniger bekannten Gegenspielern seinen eigenen Kinofilm. Doch das Projekt von Regisseur James Watkins und Drehbuchautor Mike Flanagan könnte weit mehr sein als eine weitere Comicverfilmung. Es ist der Versuch, das DC-Universum für eine Art von Horror zu öffnen, die bislang vor allem Filmen wie Die Fliege vorbehalten war.
Vom Batman-Schurken zur tragischen Horrorfigur
Clayface gehört bereits seit 1940 zum Figureninventar der Batman-Comics. Seine ursprüngliche Inkarnation, Basil Karlo, war ein Schauspieler, der aus Rache zum Mörder wurde. Spätere Versionen der Figur entwickelten sich jedoch in eine andere Richtung. Besonders Matt Hagen, der erstmals 1961 auftrat, wurde durch seine Fähigkeit bekannt, den eigenen Körper zu verformen und das Aussehen anderer Menschen anzunehmen. Aus einem vergleichsweise gewöhnlichen Kriminellen wurde damit ein monströser Gestaltwandler.
Für den Kinofilm greift DC auf Matt Hagen zurück, gespielt von Tom Rhys Harries. Anders als bei den meisten klassischen Superschurken beginnt seine Geschichte allerdings nicht mit einem Plan zur Weltherrschaft. Hagen ist ein aufstrebender Schauspieler, dessen Karriere nach einem brutalen Angriff durch einen Gangsterboss zerstört wird. Sein Gesicht ist entstellt, sein bisheriges Leben liegt in Trümmern und seine vermeintlichen Verbündeten wenden sich von ihm ab. Als er schließlich auf eine experimentelle Behandlung stößt, scheint sich eine zweite Chance zu eröffnen.
Doch die Therapie verändert nicht nur sein Aussehen, sondern zunehmend auch seinen Körper und seine Wahrnehmung. Aus der Hoffnung auf Heilung entwickelt sich ein Albtraum, in dem Hagen immer weniger Kontrolle über sich selbst besitzt. Damit knüpft Clayface an eine Tradition des Horrorkinos an, die körperliche Veränderungen nicht als Superkraft, sondern als existenzielle Bedrohung begreift.
Warum "Clayface" eher an "Die Fliege" als an "The Batman" erinnert
Der Begriff Body-Horror beschreibt Filme, in denen der menschliche Körper zum Schauplatz des Schreckens wird. Mutationen, Krankheiten, unkontrollierbare Veränderungen und der Verlust körperlicher Selbstbestimmung stehen dabei im Mittelpunkt. David Cronenbergs Die Fliege gilt als eines der bekanntesten Beispiele: Ein Wissenschaftler erhält durch ein Experiment zunächst scheinbar außergewöhnliche Fähigkeiten, bevor sein Körper zunehmend zerfällt und sich in etwas Fremdes verwandelt.
Clayface bewegt sich in einem verwandten Spannungsfeld. Matt Hagens Verwandlung verspricht ihm zunächst die Rückkehr zu seinem früheren Leben. Doch gerade diese Möglichkeit könnte ihn endgültig zerstören. Der Horror entsteht nicht allein daraus, wie sein Körper aussieht, sondern aus der Frage, ob hinter den wechselnden Gesichtern überhaupt noch derselbe Mensch steckt.
Dass dieser Ansatz ernst gemeint ist, zeigt bereits die Wahl der kreativen Köpfe. Die ursprüngliche Geschichte stammt von Mike Flanagan, der mit Spuk in Hill House, Doctor Sleep und Midnight Mass bewiesen hat, dass sich übernatürlicher Schrecken hervorragend mit Trauer, Schuld und psychologischen Konflikten verbinden lässt. Gemeinsam mit Hossein Amini schrieb er das Drehbuch. Die Regie übernahm James Watkins, der mit Eden Lake, Die Frau in Schwarz und dem Remake von Speak No Evil ebenfalls Erfahrung mit unangenehmem, teilweise ausgesprochen kompromisslosem Horrorkino gesammelt hat.
Entsprechend ungewöhnlich fällt auch die Positionierung aus. Clayface richtet sich ausdrücklich an ein erwachseneres Publikum und setzt auf blutige Gewalt sowie groteske körperliche Veränderungen. Die ersten Reaktionen nach der Premiere Mitte Oktober hoben besonders den drastischen Horroransatz und die Darstellung von Tom Rhys Harries hervor. Ob daraus tatsächlich ein überzeugender Film geworden ist, muss sich allerdings erst mit den regulären Kritiken und dem Kinostart zeigen.
Ein Experiment, das für die Zukunft von DC entscheidend sein könnte
Interessant ist Clayface nicht zuletzt deshalb, weil das neue DC-Universum bislang vor allem mit bekannten Superhelden und größeren zusammenhängenden Geschichten in Verbindung gebracht wird. James Gunn und Peter Safran verfolgen mit DC Studios jedoch auch den Ansatz, unterschiedlichen Filmschaffenden Raum für eigenständige Projekte zu geben. Clayface könnte zeigen, wie weit dieses Versprechen tatsächlich reicht.
Denn die Figur benötigt weder Batman als Hauptdarsteller noch eine unmittelbar bevorstehende Bedrohung für die gesamte Welt. Matt Hagens Geschichte funktioniert grundsätzlich auch als eigenständige Tragödie über Identität, Selbstbild und den verzweifelten Wunsch, das eigene Leben zurückzubekommen. Das Comicuniversum liefert dafür den Hintergrund, muss aber nicht zwangsläufig die eigentliche Attraktion sein.
Gerade darin liegt eine Chance. Während viele Comicverfilmungen versuchen, durch immer größere Einsätze und spektakulärere Gegner Aufmerksamkeit zu erzeugen, könnte Clayface den entgegengesetzten Weg einschlagen. Ein vergleichsweise kleiner, düsterer Horrorfilm über eine gebrochene Figur wäre eine interessante Erweiterung des Genres. Zugleich würde er DC ermöglichen, künftig auch andere ungewöhnliche Charaktere abseits der bekannten Superhelden in den Mittelpunkt zu stellen.
Ob das Experiment aufgeht, hängt allerdings nicht allein von drastischen Verwandlungseffekten ab. Entscheidend dürfte sein, ob der Film hinter seinem Monster tatsächlich eine tragische Figur sichtbar macht. Denn der interessanteste Aspekt von Clayface ist vielleicht nicht, dass er jedes beliebige Gesicht annehmen kann, sondern dass er dabei sein eigenes verliert.
Clayface startet am 22. Oktober 2026 in den deutschen Kinos. Neben Tom Rhys Harries gehören Naomi Ackie, Max Minghella, Eddie Marsan und David Dencik zur Besetzung.