6.8

MB-Kritik

Wir sind keine Engel 1955

Comedy, Romance, Crime – USA

6.8

Humphrey Bogart
Aldo Ray
Peter Ustinov
Joan Bennett
Basil Rathbone
Leo G. Carroll
John Baer
Gloria Talbott
Lea Penman
John Smith
George Chester
George Dee
Jack Del Rio
John George
Ross Gould
Jack Kenny

Inhalt

Den drei Häftlingen Joseph, Albert und Julius gelingt an Weihnachten die Flucht von der Teufelsinsel. Während sie in einer französischen Kolonialstadt auf ein Schiff warten, wollen sie einen Laden ausrauben, um sich Proviant und Kleidung zu verschaffen. Doch wider Erwarten fassen sie Zuneigung zu den Betreibern und deren 18-jähriger Tochter. Als dann der hochnäsige Besitzer des Ladens mit dem jungen Paul auf der Bildfläche erscheint, beschließen sie, ihre "Gastfamilie" mit Hilfe der Giftschlange Adolf von diesen Plagen zu befreien.

Kritik

Insgesamt sechs Mal arbeiteten Regisseur Michael Curtiz (Solange ein Herz schlägt) und Humphrey Bogart (African Queen) zusammen, am erfolgreichsten natürlich bei Casablanca. Wir sind keine Engel war ihr letzter gemeinsamer Film und der viertletzte von Bogart, der zwei Jahre später an Krebs verstarb. Eine für den hauptsächlich als Hard Boiled-Schnüffler oder Gangster berühmt gewordenen Kult-Darsteller eher ungewöhnliche Rolle, denn sein komödiantisches Talent durfte Bogie eher selten und dann erst kurz vor dem abrupten Ende seiner Karriere unter Beweis stellen, wie z.B. in dem ein Jahr vorher erschienene Sabrina von Billy Wilder.

Wir sind keine Engel beruht auf dem französischen Theaterstück La Cuisine des anges von Albert Husson, das seine Premiere 1952 in Paris feierte. Aufgrund des großen Erfolges folgte nur ein Jahr später eine englischsprachige Broadway-Variante und relativ schnell wurde auch eine Kinoauswertung in Auftrag gegeben. Bei filmischen Bühnenadaption gibt es ja solche und solche. Manche vertrauen streng auf den vorgegebenen Stil und bleiben somit dem Bühnenstück überwiegend treu, manche versuchen dagegen, das Medium Film und dessen Möglichkeiten deutlicher zu nutzen, um tatsächlich eine den Umständen angepasste Interpretation der Vorlage zu präsentieren. Ob nun das Eine besser ist als das Andere, lässt sich pauschal nicht sagen und muss immer im Einzelfall abgewogen werden. Wir sind keine Engel entscheidet sich eindeutig für die erste Option, wobei sich das in diesem Fall nicht immer als Vorteil herausstellt. Um es etwas provokant, aber eben auch ehrlich auszusprechen: Das wirkt durchgehend wie abgefilmtes Theater, welches sich nichts Eigenes traut bzw. sich sehr darauf verlässt, dass die Vorlage in der erprobten Form das schon regeln wird. Wenn das nicht für die Wirkung der Geschichte von immenser Wichtigkeit ist (bei einem Zwei-Personen-Kammerspiel macht das beispielsweise wenig Sinn) hat das mitunter einen leicht „lazy Touch“.

„Wir müssen sie erschlagen. Und ihnen zur Sicherheit noch die Gurgel durchschneiden. Aber zuerst spülen wir das Geschirr.“

In Momenten wie diesen zeigt Wir sind keine Engel, was da alles drin steckt. Oder drinstecken könnte. Oder anders formuliert: Wie sehr das Ganze auch einem nicht vorteilhaften Alterungsprozess zum Opfer gefallen ist. Teilweise ist dieser Film sehr pointiert, schwarzhumorig und hat eine tolle Ausgangslage, auch wenn diese auf einer sehr konstruierten Situation basiert, die natürlich einer ernsthaften Hinterfragung nicht standhält. Warum drei Sträflinge (die auch noch in ihrer Gefängniskluft rumlaufen) so gedankenlos in das eigene Haus gelassen werden (und sie ja mit ihren durchaus schwerwiegenden Vergehen keinesfalls hinterm Berg halten), ergibt gar keinen Sinn, aber für so ein Lustspiel mag man darüber mal hinwegsehen. Dann muss aber auch mit dieser deutlichen Absurdität besser hantiert werden. Lass die drei Galgenvögel doch bitte entsprechend auftreten ODER sie verheimlichen von Anfang an ihre Herkunft, damit das „Täuschungsmanöver“ als solches auch funktioniert. So hast du konstant drei ziemlich nette, wenn auch etwas ungehobelte Kerle, die keine wirklich sichtbare Entwicklung durchmachen, was die Diskrepanz zwischen ihrem ursprünglichen Vorhaben und dem letztlichen Resultat noch deutlicher hervorgehoben hätte. Und das alles insgesamt weniger bieder aussehen ließe, denn in Sachen Biss bleibt man zu oft hinter den Möglichkeiten zurück.

Das ist eindeutig seiner Zeit geschuldet. 1955 war das sicherlich griffiger und hat vollkommen ausgereicht, um sich als schwarze Komödie im oberen Drittel festzusetzen. Wobei es im selben Jahr auch einen Ladykillers gab, der ist diesbezüglich eine ganz andere Hausnummer und auch heute noch uneingeschränkt Wettbewerbsfähig. Wir sind keine Engel möchte seine Protagonisten nie in ein wirklich ambivalentes Licht rücken und macht viel deutlichere Zugeständnisse an einen harmlosen Massengeschmack, obwohl hier richtig Pfeffer in der Suppe sein könnte. Das ist alles bedauerlich, aber grundsätzlich ist das natürlich kein schlechter und – im Zeitbezug – auch alles andere als ein missglückter Film, der nur seine Möglichkeiten nicht ausreizt. Dafür aber mit hervorragenden Darstellern punktet. Bogie und Aldo Ray (Tag ohne Ende) werden trotz guter Leistungen und sichtlicher Spielfreude von ihrem Kompagnon Peter Ustinov (Topkapi) noch deutlich überflügelt, veredelt mit einer herrlichen Ekelpaket-Performance von Sherlock Holmes-Ikone Basil Rathbone (Der Hund von Baskerville). Da kann man schon verstehen, das keinerlei Experimente gewagt wurden und man diesen Cast einfach drauflosspielen lässt. Gibt schlechtere Grundlagen.

Fazit

Der Zahn der Zeit hat schon deutlich an „Wir sind keine Engel“ genagt, da er – in Anbetracht seiner Möglichkeiten – sich viel zu harmlos und angepasst an die damaligen Sehgewohnheiten präsentiert. Trotzdem ist das insgesamt immer noch unterhaltsam und punktuell sogar richtig gut, insbesondere das Zusammenspiel seiner hochmotivierten Darsteller. Und um Längen besser als das zurecht krachend gescheiterte und flächendeckend schon wieder vergessene Remake von 1989, obwohl da ein Robert De Niro und Sean Penn zu ihren Glanzzeiten mitspielten. Spricht heute kein Mensch mehr drüber…

Autor: Jacko Kunze
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