MB-Kritik

The Education of Jane Cumming 2026

Drama

Flora Nicholson
Clare Dunne
Mia Tharia
Fiona Shaw
Sadie Shimmin
Stephen McCole
Conor McLeod

Inhalt

Edinburgh, 1810. Die Lehrerinnen Jane Pirie und Marianne Woods verwirklichen ihren Traum von einem unabhängigen Leben und eröffnen gemeinsam ein Internat. Als eine wohlhabende Aristokratin ihr uneheliches 15-jähriges Enkelkind – Jane Cumming – aus Indien dort einschult, verändert dies das Leben der beiden Frauen von Grund auf. Sie bemühen sich, das Mädchen zu integrieren, unter den Mitschülerinnen bleibt es jedoch eine Außenseiterin. Als die Großmutter darauf besteht, dass die Lehrerinnen Jane über den Sommer bei sich aufnehmen, kommen sich die drei näher. Private und berufliche Grenzen verschwimmen. 

Kritik

Ebenso faszinierend wie der reale Gerichtsfall, auf dessen Prozessakten ihr zurückgenommenes Historiendrama basiert, ist die durch ihren ambitionierten Berlinale-Beitrag sanft aufgebrochene Geschichte dessen theatraler und filmischer Adaption. Jene beeinflusst nahezu unweigerlich den Blick auf den skandalösen Vorfall, in dessen Interpretation und Rezeption die Rollen der Betroffenen bisher klar in gut und böse unterteilt waren. Im Handlungsjahr 1810 leiten die junge Lehrerin Marianne Woods (Clare Dunne, The Cutund ihre ältere Kollegin Jane Pirie (nuanciert dargestellt von Co-Drehbuchautorin Flora Nicholson, Wonder Woman) in Edinburgh eine private Mädchenschule. Deren bescheidenen Erfolg beendet abrupt eine aufsehenerregende Anschuldigung.

Bereits der mehrdeutige Titel impliziert den veränderten Fokus, der die jugendliche Anschuldigende nicht nur erstmals als zentrale Figur präsentiert, sondern als glaubhaftes menschliches Individuum. Jane Cumming (Mia Tharia, September & July) wird gegen ihren Willen von ihrer reichen Großmutter Lady Cumming Gordon (Fiona Shaw, Hot Milk) mit ihren Halbschwestern an die Schule gebracht. Als illegitimes Kind Lady Gordons verstorbenen Sohnes und einer indischen Mutter ist Jane eine Außenseiterin in der kleinen Schülerinnen-Gruppe, genauso wie im Haushalt ihrer Großmutter. Während diese mit Janes Schwestern über die Sommerferien wegfährt, muss Jane bei Miss Pirie und Miss Woods bleiben. 

Die drei entwickeln eine enge Bindung; ein delikates Geflecht aus Wahlverwandtschaft, Freundschaft und romantischer Schwärmerei. Zu spät erkennen die Lehrerinnen Janes ausufernde Anhänglichkeit, auf deren Zurückweisung sie die beiden einer lesbischen Beziehung bezichtigt. Die Beschuldigung nimmt auch für Jane ungeahnt Ausmaße an. Der daraus resultierende Gerichtsprozess sowie die harschen Konsequenzen für die Beschuldigten zeichnen sich nur vage am Ende ab. Heldman und Nicholson strukturieren ihr betont ruhiges Porträt sozialer Stigmatisierung, Hierarchien und repressiver Konzepte von Gender und Sexualität ganz um die emotionale Dynamik zwischen den drei zentralen Charakteren. 

Fazit

Die sensible Inszenierung Sophie Heldmans filmischer Revision des realen Justizfalls befasst sich ebenso mit ihren Figuren wie deren zeithistorischen Gesellschaftsrahmen. Weiche Farben und lange, distanzierte Einstellungen schaffen einen um Differenzierung bemühten Gegenentwurf zu Lilian Hellmanns und William Wylers Adaptionen. Deren verkappter Rassismus und Queerphobie zeigen sich bedrückend deutlich gegenüber Heldmans subtiler Demaskierung institutionalisierter Ressentiments und sozialer Strukturen, die Zugehörigkeit über die Ausgrenzung anderer definieren. Die formale Konvention des schauspielerisch überzeugenden Dramas wird zum inszenatorischen Marker dessen eigener Vorurteile. Dass Jane die Wahrheit sagt, scheint genauso ausgeschlossen wie eine rein platonische Beziehung der Beschuldigten. 

Autor: Lida Bach
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