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Quelle: themoviedb.org

Inhalt

Ein Geheimbund wirbt mit einem verlockenden Angebot. Männer, die des Lebens überdrüssig sind, können ihren Körper verkaufen, damit dieser von einer mystischen Erscheinung in Besitz genommen wird. Was das bedeutet, erfahren die Freiwilligen nicht. Zunächst heißt es warten. In einer antiken Villa harren Christian und seine Zimmerkollegen aus und fragen sich, ob das mit der Besessenheit vielleicht nur Quatsch ist. Plötzlich: ein Donnerschlag so laut, als explodiere die Welt. Und dann kommen sie. Aus den Wäldern…

Kritik

Gesehen im Rahmen des 11. HARD:LINE Film Festival.

Mit The Complex Forms liefert der Italiener Fabio D’Orta nach dem Kurzfilm Hollow (2020) sein Spielfilmdebüt, bei der er nicht nur die Regie übernahm, sondern auch für Drehbuch, Produktion, Casting & Editing verantwortlich war. Somit ohne Wenn und Aber „sein“ Film und direkt zu Beginn ein Statement, denn ab sofort sollte nicht nur in Genre-Kreisen mit dem Mann zu rechnen sein. Talent ist hier unmissverständlich extrem viel vorhanden, die Frage dürfte nur sein, ob es sich auch für kommerzielle Zwecke einsetzen lässt. Denn wenn The Complex Forms eines ist, dann mit Sicherheit nicht massenkompatibel und er dürfte es sehr schwer haben, außerhalb der typischen Festival-Bubbles einem breiteren Publikum zugänglich gemacht zu werden.

Kafkaesk, dieser Begriff fällt in nahezu allen anzufinden Beschreibungen über den Film, aber um diesen kommt man praktisch gar nicht herum. Ein zunächst namenloser Protagonist (David White, Zombie Massacre) gerät zwar nicht ohne Schuld in eine bizarre und bedrohliche Situation, schließlich stellt er sich freiwillig, wenn auch aus Existenznöten für ein nebulöses Experiment/Ritual zur Verfügung. Alles andere könnte aber direkt aus einer Erzählung von Franz Kafka stammen. Nicht nur inhaltlich, sondern von seiner gesamten Präsentation. Ohne genau zu wissen, auf was er sich da eingelassen hat und wann genau es ihn ereilen wird, geht unsere Protagonist – wie seine ähnlich und bewusst anonym gehaltenen „Leidensgenossen“ – in einer alten und abgeschieden gelegenen Villa monotonen Arbeiten nach. Unter strenger Beobachtung von allmächtigen und mysteriösen Obrigkeiten, die klare Regeln und Verhaltensweisen vorgeben und das Individuum ihrer „Beschäftigen“ so gering und wie möglich halten. Keine Kontakte nach außen, kein persönlicher Austausch zwischen den Teilnehmern, nur abwarten und dem geregelten Tagesablauf folgen. Bis der im Vorgespräch als mehr oder weniger Startsignal angekündigte Donner ertönt und alle aufgefordert werden, sich umgehen auf ihre Zimmer zu begeben. Denn nun beginnt das, wofür sie alle hierhergekommen sind.

Wenn man versuchen sollte, The Complex Forms grob zu beschreiben, wäre es eine Mischung aus besagten kafkaesken Strukturen, Letztes Jahr in Marienbad, Naked Lunch (oder generell einem David Cronenberg), David Lynch (Mullholland Drive - Straße der Finsternis) und sogar der Stephen King Adaption Der Nebel von 2007 (der in der Festival-Beschreibung als Vergleich herangezogene Paul Verhoeven-Film ist dahingehend etwas unpassend, obwohl der Grund dafür natürlich durchaus auffällig und „vielgliedrig“ ist). Das klingt ziemlich wild und womöglich etwas zu hoch gestapelt, aber selbst wenn Fabio D’Orta sich hier unwahrscheinlich hohe Ziele gesteckt hat, das Resultat kann insbesondere in Sachen Präsentation und Atmosphäre verblüffend hochwertig abliefern. Die Stimmung ist von Beginn an verstörend, abstrakt und beunruhigend, gekonnt verpackt in höchst ästhetische Schwarz-Weiß-Fotographien (diese Stilistik kommt vor allem dem Creature-Design geschickt zu Gute) mit präzisen Set Pieces und Shots, inklusive einer einnehmenden Soundkulisse, die ächzt, pocht und knarrt. Kurzum: die ideale Darstellung eines angsteinflößenden, kaum zu greifenden Albtraums, die sich trotz großer Vorbilder und bescheidener Mittel unverschämt selbstbewusst und effektiv verkauft. Hut ab, dass ist auf dem Niveau alles andere als selbstverständlich.

In seinen knackigen 74 Minuten sogar mit der optimalen Länge versehen, denn mehr Laufzeit hätte unweigerlich zu noch mehr Fragen geführt, auf die der Film – bewusst – nur sehr spärliche und auch dann höchst spekulativ auslegbare Antworten parat hält – die er sich letztendlich so aber auch lieber fast gespart hätte. Im Schlussakt wird ein Bruchteil einer Erklärung geliefert, die dem Geschehen einerseits etwas Mysterium nimmt und andererseits trotzdem nicht so viel Erläuterung hergibt, als das man dahingehend von einer Notwendigkeit sprechen könnte. Schlussendlich ist das sogar die deutlichste Schwäche des Films, da so weder das komplette Kopf-Kino-Lager, aber natürlich erst recht nicht das „normale“ Genre-Publikum in irgendeiner Weise zufriedenstellend abgeholt wird. Obwohl relativ wenig an Auflösung preisgegeben wird, ist es noch genug um die Aura des Unerklärlichen etwas zu deutlich zu erläutern und bei Weitem nicht genug, als das damit der große „Aha-Effekt“ einsetzt. Da wäre weniger – bzw. lieber so gut wie gar nichts – eindeutig mehr gewesen, so verwirrt das Finale auf eine unangenehme Weise nur noch mehr. Ein vermeidbarer Wehrmutstropfen, trotz alledem bleibt das Resultat, speziell in Anbetracht seiner Möglichkeiten, ziemlich beeindruckend und vor allem enorm vielversprechend für die Zukunft von Fabio D’Orta. Eine Name, den man sich wohl merken sollte.

Fazit

Stilistisch hochwertiger, inszenatorisch selbstbewusster und atmosphärisch enorm eindrucksvoller Arthouse-Horror, der sich in keine Genre-Schublade pressen lässt. Präsentation und Wirkung stehen hier klar über Inhalt und Narration und hätte man sich bis zum Schluss voll auf diesen Weg verlassen, wäre man vermutlich besser gefahren. Unabhängig davon aber ganz klar die Erfahrung wert, auch wenn natürlich mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Denn Filme wie „The Complex Forms“ werden etliche Zuschauer*innen trotz aller unbestreitbaren Qualitäten niemals abholen.

Kritik: Jacko Kunze

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