Ein verklemmter Philosophieprofessor kämpft mit anhaltenden Schuldgefühlen wegen einer Entscheidung aus seiner Vergangenheit, als das Opfer plötzlich wieder in sein Leben tritt.
Kritik
Wenn es irgendwer sich noch mehr mit vergangener Schuld plagt als die scheinbar wohlanständigen weißen Männer in Paul Schraders (Oh Canada) Dramen, dann ist das der Regisseur. Dessen jüngste Betrachtung von Männlichkeitskonstrukten, Materialismus und Moral, die in Venedig Auer Konkurrenz Premiere feiert, vermischt einmal mehr Charakterstudie und Melodrama zu einer pop-philosophischen - auf dramaturgischer und inszenatorischer Ebene - Betrachtung über moralische Fassaden, Klassenhierarchien, und die Frage, ob ein Mensch - und in Schraders Filmkosmos heißt das: Ein weißer Mann mit höherer Bildung - seinen Charakter ändern und Schattenseiten erhellen kann.
Mit seinem Selbstbild als gewissenhaftes, humanistisches Individuum hadert diesmal der arrivierte Akademiker John Jorrisen (Jack Huston, Spider-Noir). Der bei Kolleg*innen und Studierende beliebte Professor unterrichtet an einer fiktiven Elite-Universität Philosophie, genauer, den titelgebenden Kurs. Der wird zum symbolischen Synonym seiner sittlichen Selbstergründung und Schraders blasierter Leinwand-Lehrstunde. Nebenbei verfasst John ein Buch über Spinoza, der mit ihm in Persona (Karl Glusman, The Running Man) konversiert. Die aberwitzige Allegorik ist in ihrer unfreiwilligen Lächerlichkeit paradox passend für das manierierte Moralstück. Dessen hölzerne Dialoge sind so gekünstelt und ironiefrei wie die faden Model-Figuren.
Wenn der privilegierte Protagonist nicht mit Philosophen abhängt, trifft er seine attraktive Kollegin Rebecca Richards. In deren Part fungiert Sofia Boutella (The Killer's Game) lediglich als seelenlose Projektionsfläche männlicher Wunschvorstellungen und Ängste. Vielschichtiger ist Johns Verhältnis zu ihrem Sohn Will (Nolan Stewart). Der 14-Jährige ist im gleichen Alter wie einst der Sohn des Gärtners auf dem Anwesen Johns Vaters Melvyn (Bill Pullman). Letzter finanzierte damals die Ausbildung des Jungen, indes nicht aus Gutwilligkeit. Klassisch schwarz-weiß gehaltene Rückblenden enthüllen Johns Missbrauch des Jungen namens Miguel Vasque (Daniel Zovatto, The Dating Game Killer).
Er erscheint unerwartete bei Melvyns Beerdigung und weckt in John zugleich Ängste und sexuelle Anziehung. Schwules Begehren und Pädophilie erscheinen austauschbar in der inszenatorischen Interpretation sexueller Ausbeutung als verbotener Liebe; verführter, doch aufrichtiger Gefühle, gegen die nichtmal Spinoza Einwände hat. Anders eine mit seiner Notengebung unzufriedene Studentin Johns. Erst macht sie ihm ein zweideutiges Angebot, will ihn dann ihn in eine verfängliche Situation bringen und droht schließlich: „Ich weiß, was Sie getan haben.“ Die perfide Szene ist verweist überdeutlich auf die Schrader vorgeworfenen sexuellen Übergriffe.
Missbrauchs-Beschuldigungen werden schon im Vorfeld als erpresserische Erfindungen diffamiert, und wo sie zutreffen, legitimiert laut des sexistischen, queerphoben Subtexts romantische Neigungen und „natürliche“ Impulse. Dass Miguels Familie Schweigegeld angenommen hat, gilt als Beweis seiner ideellen Unschuld. Der patriarchalische Plot übertrumpft dies noch mit der Suggestion eines Profits seitens des Opfers. Unterdessen abstrahiert das elitäre Setting voll eleganter Interieurs, großer Geister und adretter Menschen die perversen Handlungen zu einer rein intellektuellen Frage philosophischer Haltung. Wenn es überhaupt ein Opfer gibt, scheint es in diesem Kontext der Täter.
Fazit
Karikaturesk kunsthandwerklich und ebenso kalkuliert wie kalkulierbar, ist Paul Schraders reaktionäres Sittenstück eine dialektische Defensive seiner eigenen Person. Das fähige Ensemble ist der einzige Vorzug der zähen Inszenierung, die ihr bedrückend relevantes und sensibles Thema denkbar grobschlächtig abhandelt. Handwerklich kompetent, doch austauschbar in seiner glatten Optik und formalen Konvention, ist das intellektualistische Psycho-Drama so arrogant und artifiziell sein Schauplatz.
Es liegen noch keinerlei Meinungen und Kritiken für diesen Film vor. Sei der Erste und schreib deine Meinung zu The Basics of Philosophy auf.
Jetzt deine Kritik verfassen