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Quelle: themoviedb.org

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Inhalt

Drehbuchautorin und Regisseurin Sarah Polley entdeckt, dass die Wahrheit auch von der Sichtweise des Erzählers abhängt. Polley ist hier sowohl Filmemacherin als auch Detektivin. Sie versucht den Geheimnissen ihrer Familie auf die Spur zu kommen. Ausgelassen interviewt und verhört sie und erhält Antworten, die mal mehr mal weniger zuverlässig, unerwartet offen und meist widersprüchlich sind. Die dabei entstehende Version der Familiengeschichte verschwimmt bald zu nostalgischen Fragmenten der früh verstorbenen Mutter. Polley enttarnt Widersprüche und legt so die Essenz der Familie frei, ohne zu vereinfachen, immer charmant, chaotisch und absolut liebevoll. "Stories We Tell" erforscht die diffusen Konstrukte von Wahrheit und Erinnerungen und ist gleichzeitig ein sehr persönlicher Film darüber, wie Erzählungen uns und unsere Familie formen. Und scheinbar ganz nebenbei zeichnet Polley so ein tiefsinniges, amüsantes und treffendes Bild einer übergreifenden Geschichte des menschlichen Lebens.
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Quelle: themoviedb.org

Kritik

In der Diskussion um die besten Filme des Jahres finden meist nur Spielfilme Beachtung. Gute Dokumentationen genießen lediglich auf kleineren Filmfestivals unter Ausschluss der Öffentlichkeit große Anerkennung. In Deutschland hingegen verbindet man mit dem Genre Dokumentation in erster Linie die Verschwörungs- und Hitler-Dokus, die auf den Nachrichtensender in der Dauerschleife laufen. Ein tieferes Eintauchen in dieses Genre lohnt sich jedoch, denn positive Vertreter ihrer Art wie „Man on Wire“, „The Act of Killing“ oder „Searching for Sugar Man“ bieten genau das, was überproduzierte Hollywoodstreifen mit Oscar-gierigen Schauspielstars erzeugen wollen: Emotionen. Gerade hier zeigt Sarah Polley mit „Stories we tell“ die volle Bandbreite und dekonstruiert dabei spielerisch ein ganzes Genre.

Im Stile einer Ermittlerin wagte sich Sarah Polley an ein Porträt ihrer Mutter Diane. Um die bereits verstorbene Frau ganzheitlich zu begreifen lässt sie viele Familienmitglieder und Weggefährten zu Wort kommen, zeigt intimes Archivmaterial und wagt sich an das Nachstellen von Schlüsselszenen, bei denen keine Kameras dabei waren und Worte nicht genügen würden. Stück für Stück zeichnet sie so das Bild einer lebensfrohen Frau, die sich von der Sehnsucht getrieben schließlich immer weiter von ihrem Mann Michael entfernte. Die verschiedenen Interviews gelangen scheinbar unabhängig und übereinstimmend zu einem Punkt, an dem die Frage nach Sarahs biologischem Vater gestellt wird und schlagartig wird die heitere Familiengeschichte zu einem investigativem Familiendrama. Ähnlich wie im RTL Mittagsprogramm („Mitten im Leben“, etc.) werden familiäre Abgründe erkundet und rekonstruiert. Glücklicherweise bleibt die Familie durchgängig sachlich und verzichtet im Gegensatz zum deutschen Nachmittagsprogramm auf Anschreien, Heulkrämpfe und Schlägereien, was bei der Tragik der Geschichte nicht selbstverständlich ist. Die verzwickte Lebenssituation der Patchwork-Familie trägt den Film fast über die ganze Spielzeit und die Geschichte erlaubt sich nur kurz vor dem großen Finale einen kleinen Durchhänger.

In erster Linie ist „Stories we tell“ also eine facettenreiche Familiengeschichte, die anfangs vor allem durch trockenen Humor, später mit spannenden Wendungen unterhält, die selbst M. Night Shyamalan („Sixt Sense“) überrascht hätten. Damit bedient Sarah Polleys sehr persönlicher Film bereits alle Bedürfnisse interessierter Kinogänger. Doch ihr Film verfügt eine zweite, ebenso interessante Ebene, denn in „Stories we tell“ geht es zusätzlich zum WAS noch um das WIE des Geschichten Erzählens. Gerade im letzten Drittels des Films kommen durch die Interviewten Fragen zum Erzählstil auf und es wird überlegt, wer diese Geschichte eigentlich erzählen sollte.
Die Objektivität, die durch die verschiedenen Stimmen von Beteiligten suggeriert wird, gerät hier zunehmend ins Wanken. Am Schluss ist es nämlich die Regisseurin, die bestimmt welche Stimmen die Geschichte erzählen. Sie lässt einzelne Statements ihres Vaters, der zusätzlich als Erzähler dient, wiederholen und choreographiert die zahlreichen nachgestellten Schlüsselszenen. Damit greift sie aktiv in die Geschichtsschreibung ein und verpasst dem Geschichtsverlauf Impulse in von ihr festgelegte Richtungen. Spätestens gegen Ende ist klar, dass dieser Film Sarahs Sicht der Dinge darstellt und die Interviews lediglich ein nützliches Erzählwerkzeug für ihre Sicht der Dinge darstellen. Dieser Prozess des Erzählens ist jedoch transparent und wird von den Interviewpartnern hinterfragt. Dadurch werden grundlegende Fragen über Wahrheit(en) und Objektivität gestellt und gängige Praktiken des Erzählens hinterfragt. Sarah Polley setzt sich durch diese zweite Ebene von oberflächlich ähnlichen Werken, wie dem strukturell ähnlichen „Sergej in der Urne“ ab.

Bonus: Aufgrund der thematischen Überschneidung funktioniert „Stories we tell“ übrigens prima als Ergänzung zu Sarah Polleys Spielfilm „Take this Waltz“. 

Fazit

„Stories we tell“ ist lustig, spannend und rührend – und damit ein echter Geheimtipp. Dazu gewährt Regisseurin Polley ein Blick hinter die Kulissen des filmischen Geschichtenerzählens und liefert damit zahlreiche Gedankenanstöße für tiefschürfende Debatten.

Autor: Fabian Speitkamp

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