Inhalt
Während sie versucht, einer Fremden bei der Suche nach ihrer leiblichen Mutter zu helfen, wird eine Filmemacherin in die Schatten ihrer eigenen Familiengeschichte hineingezogen und deckt ein dunkles Erbe auf, das über den Frauen ihrer Familie schwebte.
Kritik
Umso weiter Rachel Tarparjans intimes Dokumentar-Debüt, dessen Weltpremiere im Wettbewerb von CPH:DOX läuft, die verschütteten biografischen Spuren ihrer leiblichen Mutter und Geschwister ausgräbt, umso drängender wird die Frage nach der Art des implizierten familiären Traumas. Ist es Trennung oder Verbundenheit, Unklarheit oder Erkenntnis? Mehr noch, ringt die britisch-rumänische Regisseurin vor und hinter der Kamera tatsächlich mit generationsübergreifendem Schmerz oder nicht eher mit einem moralistischen Makel?
Jener Ausdruck sittlichen Stigmas und sozialer Ausgrenzung ist womöglich der eigentliche Ausgangspunkt der persönlichen Geschichte, der Taparjan sich in einer Mischung aus szenischem Selbstversuch und Spurensuche nährt. Deren Initialzündung ist die Nachricht einer Fremden, die wie sie aus einem rumänischen Waisenhaus adoptiert wurde. Nun möchte jene Frau nach Rumänien reisen, in der Hoffnung, dort ihre biologische Familie aufzuspüren. Das Anliegen konfrontiert Taparjan mit ihrem eigenen verdrängten Bedürfnis nach einer familiären Geborgenheit, die sie bei ihren Adoptiveltern nicht findet.
Dem Grund für diese gefühlte Entfremdung geht ihre selektive Selbsterkundung ebensowenig nach wie dem Impuls dessen Verdrängung. Jene Entscheidungen markieren die konzeptionelle Orientierung an dokumentarischer Investigation mit der Etablierung von Geheimnissen und deren befreiender Enthüllung. Die Reise-Recherche nach den vermissten Verwandten unterbrechen selbst therapeutische Sitzungen mit Schauspielerinnen, die Taparjan improvisierte Antworten auf die stereotype Frage nach dem Verlassenwerden geben. Beide Szenarien, das reale und fiktive, münden in seltsam konventionelle Offenbarungen, die mehr über gesellschaftliche Erwartungshaltungen aussagen als über biografische Bruchlinien.
Fazit
Familiäre Distanz auf emotionaler, sozialer und räumlicher Ebene bildet das dramatische Zentrum Rachel Taparjans abstrahierter Auseinandersetzung mit einem entdeckten Erbe sexueller Ausbeutung und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Die indirekte Reproduktion moralistischer Muster ist dabei der interessanteste Aspekt jener dokumentarischen Selbstinszenierung im doppelten Sinn. Deren Aufhebung der klassischen Grenze zwischen Sujet und Autor*in verstärkt unbewusst die dramaturgische Distanzierung von den aufgedeckten Fakten. Jene werden zum Instrument einer konstruierten Tragödie, in der die Regisseurin buchstäblich die Hauptrolle spielt. Das Resultat scheint mehr revisionistischer Roman als Rekonstruktion.
Autor: Lida Bach