Inhalt
Die Braut muss ihren Ex-Chef und Geliebten Bill töten, der sie bei ihrer Hochzeitszeremonie verraten hat, ihr in den Kopf geschossen und ihre ungeborene Tochter weggenommen hat. Aber zuerst muss sie die anderen vier Mitglieder des Mordkommandos der Tödlichen Viper leiden lassen.
Kritik
Es gab einmal eine Phase, in der gefühlt jeder dritte Kinofilm kurze Zeit nach der Premiere eine sogenannte Extended Edition erhielt. Meist bedeutete das: ein paar zusätzliche Minuten, einige wieder eingefügte Szenen oder kleinere Härten, die zuvor dem Rating zum Opfer gefallen waren. In vielen Fällen blieb der Mehrwert überschaubar. Der Kern des Films veränderte sich kaum, die Erweiterung fühlte sich eher wie ein Bonusmaterial für Fans an als wie eine tatsächlich neue Erfahrung. Wirklich legendäre Schnittfassungen sind dagegen selten. Fassungen, die einem bekannten Werk eine andere Dimension verleihen und plötzlich sichtbar machen, was zuvor nur angelegt war.
Ein paar berühmte Beispiele existieren dennoch: die Redux-Version von Apocalypse Now, der Director’s Cut von Blade Runner oder – um bei Ridley Scott zu bleiben – die fulminante Langfassung von Königreich der Himmel, die aus einem soliden Historienfilm ein episches Monument machte. In diese Reihe wird seit Jahren auch eine andere Version eingeordnet: der rund viereinhalbstündige Schnitt von Kill Bill. Ursprünglich als zweiteiliges Projekt mit einjährigem Abstand im Kino veröffentlicht, erscheint The Whole Bloody Affair nun endlich auch offiziell hierzulande – zunächst im Kino, teilweise sogar in ausgewählten 70mm-Vorführungen, später im Heimkino. Natürlich wäre es naiv zu glauben, dass eingefleischte Fans von Quentin Tarantino diese Fassung noch nie gesehen hätten. Import-DVDs und Bootlegs machten sie seit Langem zugänglich. Doch auf der großen Leinwand wirkt dieser Marathon aus Rache, Blut und Genre-Zitaten noch einmal ganz anders. Allein deshalb ist die Gelegenheit verlockend.
"Kill Bill" bleibt "Kill Bill"
Die wichtigste Veränderung liegt weniger in radikal neuen Szenen als im Gesamtfluss. Tarantino selbst konnte diese Version lange nicht veröffentlichen, da die Rechte kompliziert verteilt waren. Erst nachdem er die vollständige Kontrolle über das Material zurückerlangte, ließ sich The Whole Bloody Affair tatsächlich realisieren. Inhaltlich bleiben die Erweiterungen - im Kontext zur Gesamtlänge der normalen Kinofassung - überschaubar, doch sie verleihen einzelnen Passagen etwas mehr Raum zum Atmen.
Besonders auffällig ist die verlängerte Anime-Sequenz über O-Ren Ishii (Lucy Liu). Ihre Herkunftsgeschichte erhält zusätzliche Momente, die die stilisierte Brutalität dieser Episode noch stärker betonen. Ebenso kehrt der berühmte Showdown am Ende des ersten Teils in seiner ursprünglichen Farbigkeit zurück. Während die Kinofassung Teile davon in Schwarzweiß tauchte, um Zensurprobleme zu umgehen, erstrahlt die Schlacht hier wieder in voller chromatischer Intensität. Blut spritzt also tatsächlich rot – und das durchaus eindrucksvoll.
Allerdings verändert keine dieser Ergänzungen die Wahrnehmung des Films grundlegend. Sie fügen sich homogen ein, sehen hervorragend aus und bereichern einzelne Momente, doch sie wirken eher wie luxuriöse Verzierungen. Das bedeutet keineswegs, dass Kill Bill dadurch an Gewicht verliert – im Gegenteil. Gerade weil das Werk bereits zuvor so präzise funktionierte, erscheinen die Erweiterungen als angenehme Zugaben. Schön zu haben, aber nicht zwingend notwendig.
Morricone, Martial-Arts und Mariachi
Unabhängig von der Schnittfassung bleibt Kill Bill ein faszinierendes Beispiel für Tarantinos Talent, scheinbar widersprüchliche Einflüsse zu einer eigenständigen Einheit zu formen. Martial-Arts-Kino, japanische Samurai-Filme, italienischer Western, Spaghetti-Soundtrack und mexikanische Mariachi-Klänge verschmelzen zu einem Stil, der sich bis heute unverwechselbar anfühlt. Wenn plötzlich Ennio-Morricone-artige Gitarren durch die Tonspur hallen, während Schwerter durch die Luft sausen, entsteht ein eigenwilliger, aber erstaunlich harmonischer Klangraum.
Gerade diese Mischung aus Eastern und Italo-Western verleiht dem Film seine besondere Aura. Tarantino führt Einflüsse aus Hongkong-Action und italienischer Revolverromantik zusammen, ohne dass eine Seite die andere verdrängt. Stattdessen entsteht ein cineastisches Hybridwesen: eleganter Samurai-Film trifft staubigen Westernmythos. Das Ergebnis wirkt auch mehr als zwanzig Jahre nach der Premiere erstaunlich frisch.
Aus gegenwärtiger Perspektive betrachtet erstrahlt Kill Bill ohnehin als ein klarer Höhepunkt in Tarantinos Filmografie. Hier bündelt er sein Gespür für Popkultur, Stilbewusstsein und Genretraditionen zu einer besonders konzentrierten Form. Zugleich entstand der Film in einer Phase, bevor der Regisseur begann, alternative Geschichtsschreibungen in den Mittelpunkt zu stellen. Damals dominierte noch die reine Lust am Kino selbst, ohne die Agenda dieses retten zu müssen.
Die Aufteilung in zwei Hälften trägt entscheidend dazu bei. Volume 1 funktioniert wie ein elektrisierender Actionrausch: rasant, visuell verspielt und immer darauf bedacht, die Unterhaltungsmuskeln spielen zu lassen. Volume 2 schlägt anschließend leisere Töne an. Die Handlung wird intimer, Gespräche gewinnen an Bedeutung, Figuren treten stärker hervor. Diese Verschiebung verleiht der Geschichte emotionale Tiefe und sorgt dafür, dass das Finale mehr ist als nur ein weiterer Kampf.
Präsenz wird zu Erlebnis
Auch in dieser langen Version – inklusive einer rund fünfzehnminütigen Intermission – bleibt Kill Bill ein erstaunlich kurzweiliges Erlebnis. Ein wesentlicher Grund dafür sind die Darsteller. Uma Thurman besitzt als rachsüchtige Braut eine magnetische Präsenz, die in jeder Szene neue Facetten zeigt: verletzlich, entschlossen, ironisch und zugleich furchteinflößend. Ihr Spiel trägt den Film mit scheinbarer Leichtigkeit.
David Carradine wiederum dominiert jede Einstellung, in der die Kamera ihn einfängt. Seine ruhige Stimme, das sanfte Lächeln und die unaufgeregte Autorität verleihen der Figur eine beinahe hypnotische Wirkung. Wenn beide Figuren aufeinandertreffen, entsteht eine Spannung, die weit über das Genre hinausgeht.
Selbst The Whole Bloody Affair fügt hier allerdings nichts von wirklich drastischer Bedeutung hinzu. Das muss es auch gar nicht. Die Stärke dieser Version liegt vielmehr im zusammenhängenden Erlebnis, im fließenden Übergang zwischen den beiden ursprünglich getrennten Kapiteln. Ein kleiner Nachklapp – The Lost Chapter: Yuki’s Revenge nach dem Abspann – wirkt eher wie ein spielerisches Gimmick. Eleganter Bestandteil des Gesamtwerks ist es nicht unbedingt. Doch echte Fans dürfte das kaum stören.
So bleibt diese Langfassung vor allem eines: die wohl vollständigste und zugleich beste Art, Kill Bill zu erleben. Nicht, weil sie alles neu erfindet, sondern weil sie das ohnehin gelungene Werk in einem noch etwas großzügigeren Rahmen präsentiert. Ein cineastischer Rachefeldzug, der auch nach viereinhalb Stunden kaum an Faszination verliert.
Fazit
Als zusammenhängendes Epos entfaltet "Kill Bill: The Whole Bloody Affair" eine beeindruckende Sogwirkung, die Tarantinos virtuosen Genre-Mix noch einmal besonders klar hervortreten lässt. Die Erweiterungen fügen sich stimmig ein, verändern das Werk jedoch kaum grundlegend – mehr "nice to have" als essenziell.
Autor: Sebastian Groß