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Mit Les quatre cents coups gab Truffaut sein Filmdebüt. Außerdem ist der Film die Begründung des sogenannten Antoine-Doinel-Zyklus und eine ästhetische Formulierung der Nouvelle Vague.
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Quelle: themoviedb.com

Kritik

Die Kindheit ist wie jede weitere folgende Altersphase ein zweischneidiges Schwert. Es wäre wohl vermessen zu behaupten, die eigenen Kinderjahre hätte nur schöne Seiten gehabt, man kann lediglich in generalisierter Form sicher von einer 'tollen Zeit' reden, doch auch auf diesen Tagen fristet ein gewaltiger Schatten sein Dasein. Francois Truffaut brachte es einst mit zwei Sätzen auf den Punkt. An erster Stelle lässt sich Folgendes immer wieder zitieren: „Das Heranwachsen ist ein Zustand, der von der Familie den Eltern geleugnet wird.“ Und damit hat Truffaut – gerade wenn man wieder die Perspektive eines Kindes annimmt – absolut Recht. Wie oft musste man sich unverstanden fühlen, wie oft musste man große Pläne schmerzhaft vernichten, weil sie durch die autoritäre Macht der Erwachsenen nie das gedankliche Entwicklungsstadium verlassen durften. Der zweite Satz lautet ungefähr wie folgt: „Als Kind hat man es immer eilig erwachsen zu werden, um endlich aller Arten schlimmer Dinge zu tun und dafür nicht bestraft zu werden“.

Es sind nämlich nicht allein die Momente, in denen man sich von den Erziehungsberechtigen in gewisser Weise ungerecht behandelt sieht, es sind die auferlegten Verbote mit erhobenem Zeigefinger und drohender Pose, die die Zeit oftmals zur Tortur machen und den Zorn auf die Eltern immer weiter aufladen, um diesem in der Pubertät schließlich garstigen Ausdruck zu verleihen. Sicher nicht nur Truffaut assoziiert seine Kindheit auch mit dem ungefilterten Gefühl der erschöpfenden Einsamkeit, denn obgleich wir Jahre später noch diese unverfälschte, anarchische Naivität aus jenen Tagen vermissen, sind es doch auch die bedrückenden Augenblicke dieser Spanne, die sich als individuelle Narben auf unserem Seelenkäfig ablegen und dort bis zum letzten Atemzug verharren. Man merkt es dem Nouvelle Vague-Klassiker „Sie küssten und sie schlugen ihn“ daher auch in jedem Frame an, dass Truffaut hier eine unheimlich persönliche, ja intime Herzensangelegenheit konzipiert hat.

Dass die Vergangenheit immer ein Teil unserer Gegenwart ist, wissen wir nicht erst seit Paul Thomas Andersons Anthologie-Meisterwerk „Magnolia“, davon, wie schwer es aber ist, eine zutreffende Stimmung inszenatorisch und rhetorisch einzufangen und fest zu bannen, können wahrscheinlich viele gescheiterte Filmemacher ein Liedchen trällern, gerade wenn es sich um das ausufernde Coming-Of-Age-Sujet handelt. „Sie küssten und sie schlugen ihn“ zieht seine Authentizität – und genau DAS ist Truffauts wunderbares Debüt in jeder Sekunde – aus den autobiographischen Anleihen, die den Film nicht nur zur fiktionalen, unberührten Chronik einer Jugend oder (Prä-)Adsolezenz machen, sondern den Regisseur mit seinen eigenen Erfahrungen und Eindrücken konfrontiert und gleich eine viel kräftigere, menschliche Note konstruiert wie involviert. Es ist daher wohl auch kaum verwunderlich, dass Truffaut vor der Erstpräsentation die Selbstzweifel plagten, denn es war sicher nicht nur die Angst vor der Kritik an seinem Talent als Künstler, sondern auch vor den Reaktionen, die Welt zu tief in sein unschuldiges Inneres blicken lassen zu haben.

„Sie küssten und sie schlugen ihn“ ist letztlich aber nicht nur einfach ein 'gelungener' Film, „Sie küssten und sie schlugen ihn“ ist französisches Kulturgut und gehört damit ohne Frage zum signifikanten Grundwissen eines jeden Cineasten. Selten, äußerst selten wurde die schwere Selbstfindung und Weltsicht eines 13-jährigen später besser dargestellt als Protagonist Antoine Doinel von Jean-Pierre Léaud, ein Alter Ego Truffauts und der legendäre Auftakt des gleichnamigen Zyklus. Antoine fehlt die elterliche Rückhand, während die Schule natürlich alles andere als unterhält und man es sich viel lieber in den Kinos von Paris gemütlich macht. Er sehnt sich nach der Grenzenlosigkeit, die ihm seine Generation verspricht, die nicht nur in seinem Kopf Entfaltung findet und als überwältigendes Symbol in Form des Meeres auftritt. Tränen müssen vergossen und Gewalt erfahren werden – Aber was, wenn man schlussendlich das Peitschen der Wellen sieht, und doch feststellt, dass in diesem Anblick nicht die erhoffte Erfüllung wartet?

Truffaut schafft es, eine magische Verve auf seine Geschichte zu legen, die es dem Zuschauer gelegentlich schwer macht zu entscheiden, ob man sich in der oberflächlichen Schönheit der Bilder unbeschwert verlieren möchte, oder doch aufgrund der dahinter lauernden Ernüchterung den Kopf andächtig senkt – einnehmend ist die Atmosphäre aber fortwährend. Ein Dualismus, der sich auch in der Kindheit von uns allen wiederfinden lässt, zwischen geknebeltem Leiden und unreflektierter Heiterkeit, zwischen prägender Empirie und frustrierenden Misserfolgen. 

Fazit

Am Ende bleibt der Schrei nach Freiheit, und der hallt lange nach. Ein ehrliches, einzigartiges und – oder gerade deshalb – wirklich schönes Werk.

Autor: Pascal Reis

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