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Idaho in den 50er Jahren: Der 8jährige Seth Dove lebt mit seinen Eltern, die eine kleine Tankstelle betreiben, in einer abgeschiedenen, ländlichen Gegend, geprägt von einer fundamentalistisch-christlichen Weltanschauung. Im Elternhaus hat er keinen leichten Stand. Seine Mutter wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr seines Bruders Cameron aus dem Koreakrieg, ist dem Wahnsinn nahe, unterjocht und demütigt ihn und seinen sanftmütigen, introvertierten und einfach gestrickten Vater. Angeregt durch dessen Vorliebe zu Vampirgeschichten glaubt er, dass die einsame Witwe Dolphin in seiner Nachbarschaft eine Untote ist, die sich ihre Jugend durch das Ernähren von menschlichem Blut erhält. Dann geschehen merkwürdige Dinge: Ein schwarzer Cadillac taucht in der Gegend auf und sein Freund Eben wird tot aufgefunden. Als dann auch noch sein Bruder wieder heimkehrt, spitzt sich die Lage zu…

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Kritik

"Du musst wissen, furchtbare Dinge geschehen oft ganz natürlich."

In 19 Jahren – zwischen 1990 und 2009 – hat es Multitalent Philip Ridley (Maler, Autor, Regisseur) auf nur drei Spielfilme gebracht. „Schrei in der Stille“ war sein Debütfilm, es folgten 1995 „Die Passion des Darkly Noon“ und zu Letzt (also vor 5 Jahren) der verstörende „Heartless“. Mit dieser überschaubaren Filmographie erinnert er an Kollegen wie Jonathan Glazer („Under the Skin“, drei Filme in 13 Jahren) und Terence Malick („The Tree of Life“, der erst in den letzten Jahren tüchtiger wurde, zwischen seinem Debüt „In der Glut des Südens“ und seinem zweiten Werk „Der schmale Grat“ lagen auch mal locker 20 Jahre). Gemeinsam haben sie auch die Eigenwilligkeit ihrer Projekte. Die sind nicht massentauglich oder meistens unbedingt leicht konsumierbar, was oft ihren Reiz ausmacht, ohne Gewähr für die individuelle Funktionalität für den Betrachter.

Auch „Schrei in der Stille“ dürfte nicht jedermanns Sache sein, ganz und gar nicht. Bei den allgemein veröffentlichten Kurzbeschreibungen über die Handlung (eine zu konkrete Inhaltsangabe sollte unbedingt vermieden werden) werden die Erwartungen eventuell in die Richtung des Horrorgenres geschürt, wenn auch unmissverständlich eines eher unkonventionellen Beitrags. Unkonventionell trifft definitiv zu, auch Motive des Horrorfilms werden bewusst verwendet, allerdings eher in einem symbolischen Kontext. Ridley erschafft bei seinem Erstlingswerk eine poetische Coming-of-Age-Parabel, die durch die Augen eines 8jährigen Jungen blicken lässt. Kindliche, unschuldige Augen. Die noch nicht bereit dafür sind, was ihnen zugemutet wird. Inmitten dieser malerischen, verträumten Kulisse. Hinter der Idylle, der friedlichen Ruhe der in der Sonne golden schimmernden Kornfelder, spielen sich menschliche Tragödien ab. Die einer zerrütteten Familie, die seit Jahrzehnten versucht einen „Vorfall“ vergessen zu machen, einen Schandfleck, der sie nie wirklich losgelassen hat. Mit einer herrschsüchtigen, neurotischen Mutter, einem seelisch gebrochenen Vater, dem sehnlichst vermissten Bruder, der für sein Land in Korea kämpft und eben dem kleinen Seth, der das ganze aufgestaute Elend am eigenen Leib erfahren muss. Das hat er gelernt zu ertragen, wenn auch nicht in seiner Bedeutung, in seinem Ausmaß gänzlich zu realisieren…geschweige denn zu verarbeiten. Doch als dann auch noch einer seiner zwei besten (und einzigen) Freunde ermordet und das totgeschwiegene Familiengeheimnis wie alte Wunden wieder aufgerissen wird, gerät seine Welt völlig aus den Fugen. Seth glaubt, die Wahrheit zu kennen: Die einsame Witwe aus der Nachbarschaft ist für seinen Tod verantwortlich…denn sie ist ein Vampir, die Zeichen dafür eindeutig.

Das Szenario gleicht einem Gemälde, das seine Finsternis nicht über die Augen transportiert, sondern sie tief vergraben hat in den Herzen und Seelen seiner Figuren, getarnt hinter dieser trügerischen Schönheit. Philip Ridleys Studium der Malerei kommt hier deutlich zum Tragen. Er versteht es das unheilvolle Böse, seine tonnenschwere Tragödie mit irritierend-beruhigender Ästhetik vorzutragen. Somit gelingt es ihm erschreckend gekonnt, den Zuschauer in die Perspektive eines Kindes zu versetzen, was für das Verständnis und Wirkung der Films unabdingbar ist. Wir sehen das Eine, aber spüren dennoch das Andere. Weil wir es noch können. Die schreckliche Realität nicht erfassen, uns an dem orientieren, was wir kennen und glauben, den Umgang mit dem Tod und dem unbekannten Wahnsinn des Lebens erlernen, obwohl wir dafür noch nicht reif sind. Mit enormer Empathie und kluger Psychologie verwebt der Regisseur Zeitgeist und Historie (nicht umsonst ist die Handlung in den 50er Jahren angesiedelt), menschliche Dramen und fantastische Elemente zu einem insgesamt außergewöhnlichen Film, der mit kindlichen (Verlust)Ängsten, Entwicklungs- und Wahrnehmungsprozessen spielt, als wäre es das einfachste von der Welt. Natürlich ist es genau das nicht und in dem Punkt ist „Schrei in der Stille“ geradezu meisterlich. 

Vergleichbar ist das in etwa mit „Pans Labyrinth“, nur mit anderer Ausgangslage. Weniger verträumt, deutlich subtiler, künstlerisch enorm ambitioniert und über weite Strecken fast brillant. Lediglich in einem Punkt verhebt sich diese mutige Arbeit leider zum Teil extrem. Sie wirkt stellenweise höchst selbstverliebt, unter(oder eher über)streicht sein eigentlich intelligentes Konzept mit übertriebenem Pathos und wird dann zu laut, wenn es die ganz leisen Töne locker gerichtet hätten. Besonders das Ende, so bitter und nachhaltig es ist, droht fast an seiner zu schmetternden Darbietung bald zu kippen. Der Film hat jedes Recht, sich verdammt geil zu finden, aber ausgerechnet dann wäre weniger sehr viel mehr gewesen. Vielleicht Erbsenzählerei, aber gerade weil so eine geschickte und fordernde Geschichte erzählt wird, muss man nicht mit aller Deutlichkeit auf große Tragödie machen. Das hätte eh funktioniert, dezenter deutlich besser. 

Fazit

Ein wunderbarer, andersartiger Film mit hohem Anspruch, dem er narrativ mehr als gerecht wird. Man verliert sich in diesem Werk, ist mittendrin in seiner kindlichen Perspektive und jederzeit bereit zu glauben, was man (vielleicht?) erlebt. Symbolschwanger, metaphysisch, rührend und verstörend, nur in einigen Momenten wird inszenatorisch (komplett unnötig und an sich nicht zur nachdenklichen Stimmung des Films passend) so übertrieben, dass man das eigene Schulterklopfen des Regisseurs bald meint zu hören. Sicher nicht so gemeint, kommt aber so rüber. Wurscht, sollte man sehen und geht definitiv auch öfter.

Autor: Jacko Kunze

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