Erwähnungen
Same Sun
Same Sun - Mit dem Fahrrad durch Afrika (2026)

- Start Startet in 5 Tagen
- 82 Min Dokumentarfilm
- Regie Fabienne Engel
- Drehbuch Wiebke LühmannFabienne Engel
- Cast Wiebke Lühmann
Inhalt
Wiebke Lühmann begibt sich auf eine 430-tägige Fahrradtour von Freiburg bis zum Kap der Guten Hoffnung in Südafrika. Dabei durchquert sie 22 Länder, erlebt Wüstenstürme in der Sahara, die Regenzeit, den dichten Regenwald des Kongo und die Weiten Namibias. Im Zentrum steht der Wunsch nach Unabhängigkeit, als Zwillingsschwester, als Frau und Reisende auf einem Kontinent, von dem sie noch viel lernen will.
Kritik
Mit dem Fahrrad einmal quer durch Afrika, immer entlang der Atlantikküste von Marokko bis nach Südafrika, durch 22 Länder, über 20.000 Kilometer in 430 Tagen. Allein diese außergewöhnliche Leistung von Wiebke Lühmann, der Protagonistin des Dokumentarfilms Same Sun – Mit dem Fahrrad durch Afrika, verdient jede Menge Respekt. Ein solches Abenteuer ist geradezu prädestiniert dafür, in einer Dokumentation verewigt zu werden. Denn auf einer solchen Reise trifft man zwangsläufig auf viele unterschiedliche Menschen, begegnet verschiedenen Kulturen, fährt durch faszinierende Landschaften und muss zahlreiche Hindernisse überwinden. Dazu kommen Sandstürme, Regenfälle, schlammige und unbefahrbare Straßen und wilde Tiere. Man rechnet mit allerhand Gefahren auf einer solchen Reise. Mittendrin eine junge Frau, die sich in den Kopf gesetzt hat, ihr Ziel unbedingt zu erreichen.
Gestartet ist Wiebke am 3. Oktober 2023 in Freiburg auf der Suche nach einem Abenteuer und mit dem Ziel, ihre eigenen Grenzen auszutesten. Zu Beginn der Doku stellt sie sich und ihre Familie kurz vor. Und schon ist man mittendrin. Die Etappen in Europa werden weitestgehend ausgeblendet, denn die eigentliche Reise beginnt in Marokko. Hier startet sie allein in das Abenteuer Afrika. Doch schon bald trifft sie auf Gleichgesinnte, die sie über einen Teil der Strecke begleiten, allen voran der Franzose Julien. Dieses Aufeinandertreffen verändert nicht nur die Reise, sondern offenbar auch die Protagonistin selbst. Wiebke schildert bereits zu Beginn des Films, dass die Einsamkeit ihre größte Angst ist. Es ist daher verständlich, dass sie froh darüber zu sein scheint, mit Julien eine regelmäßige Begleitung gefunden zu haben. Ab dem Zeitpunkt ist Wiebke nicht nur sehr stark auf Julien fixiert, sondern auch der Fokus der Doku verschiebt sich. Während anfangs auch die einheimische Bevölkerung noch stärker Bestandteil der Dokumentation war, rückt diese zunehmend in den Hintergrund.
Wiebke sagt selbst: „Es geht nicht darum, alles alleine zu schaffen, sondern darum, offen zu sein für andere Leute und offen zu sein für das, was kommt. Da liegt die Freiheit. Nicht, dass wir keinen Menschen brauchen, sondern dass wir vielleicht ganz viele Menschen brauchen und Verbundenheit zwischen Frauen, Ländern, zwischen anderen Reisenden und zwischen allen Menschen unter derselben Sonne.“ Eigentlich ein netter Gedanke, aber leider fehlt es der Dokumentation genau daran, nämlich an der Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Menschen. Eine Reise quer durch Afrika bietet die Gelegenheit, mit so vielen unterschiedlichen Kulturen in Kontakt zu kommen, diese kennenzulernen und die Begegnungen in der Dokumentation festzuhalten. Hier und da blitzt ein bisschen die Gastfreundschaft der Menschen durch, doch gerade diese Offenheit gegenüber anderen Menschen lässt die Dokumentation vermissen. Die Menschen sind oft nicht mehr als Passanten am Wegesrand.
Dabei beschreibt sich Wiebke selbst als rastlosen Menschen, der nach Abenteuer sucht, immer unterwegs ist und das Fremde kennenlernen möchte. Ihre Zwillingsschwester beschreibt sie dagegen als ruhiger, zwar kontaktfreudig, aber an einem Ort verwurzelt. Same Sun ist letztendlich keine Reisedoku, bei der man erwarten darf, viel über die Länder und Kulturen zu erfahren. Vielmehr ist es die innere Reise der Wiebke Lühmann zu sich selbst. Die Protagonistin trägt ihre eigenen inneren Kämpfe aus und so steht sie persönlich deutlich mehr im Fokus der Doku als die eigentlichen Reiseziele. Geplant war die Reise ursprünglich mit dem damaligen Freund. Nach der Trennung beschloss sie, das Abenteuer allein auf sich zu nehmen. Im Verlauf der Dokumentation lernt man Wiebke immer besser kennen und tatsächlich bestätigt sich, dass Einsamkeit eine ihrer größten Ängste ist. Zunehmend sieht man ihr auch immer stärker die Strapazen der schwierigen Reise an. Diese wirken sich schließlich deutlich sichtbar körperlich aus. Nachdem sie gut zwei Drittel der Strecke zurückgelegt hat, rebelliert ihr Körper und sie beginnt, die Reise und das Abenteuer zu hinterfragen. Hier merkt man, dass es letztendlich gar nicht auf das eigentliche Reiseziel ankommt, sondern dass sie mit dieser Reise offenbar versucht, die Trennung von ihrem Freund zu verarbeiten, sich aber auch von ihrer Familie abzunabeln und ihren eigenen Weg zu gehen. Ihre Zwillingsschwester Rebekka hat offenbar mit Familie und Beruf ihren Platz im Leben gefunden, weshalb für Wiebke anscheinend der Wunsch besonders groß gewesen war, es allen beweisen zu müssen.
Aus dieser Perspektive ist es verständlich, dass die Dokumentation weniger Wert auf Land und Leute legt. Dennoch ist es schade, dass dieser Aspekt weitestgehend ausgeklammert wird. Mit Sicherheit gab es auf der mehr als einjährigen Reise zahlreiche Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung, von denen man als Zuschauer in der Dokumentation gerne mehr gesehen hätte. Aber auch einfache und banale Fragen bleiben unbeantwortet. Wie organisiert man eine solche Reise? Wie versorgt man sich mit Nahrung und frischem Wasser? Wo übernachtet man? Wie funktioniert die Einreise in die verschiedenen Länder? Was passiert bei Problemen mit dem Fahrrad? Und wie sieht es mit Visa und Grenzübergängen aus? Immerhin hat sie 22 unterschiedliche Länder durchquert und damit entsprechend viele Grenzen überschritten. Aus ähnlichen Dokumentationen wie Besser Welt als Nie oder Verplant – Wie zwei Typen versuchen, mit dem Rad nach Vietnam zu fahren kennt man diese Aspekte. Bei Wiebke scheint die Reise dahingehend erstaunlich problemlos abgelaufen zu sein, denn entsprechendes Material dazu fehlt im Film weitestgehend. Nur hin und wieder gibt es kurze Andeutungen und Hinweise, etwa dass sie oft in Schulen ihr Nachtlager aufgeschlagen hat. Auf diese Antworten könnte man verzichten, wenn die eigentliche persönliche Geschichte dafür konsequent und überzeugend erzählt würde.
Leider leidet Same Sun aber auch unter einigen handwerklichen Mängeln, die nicht ohne Weiteres zu kompensieren sind. Manchmal fehlt es an einer Orientierung, wo sich Wiebke gerade befindet. An anderen Stellen wird das gezeigte Material dann mit einem Off-Kommentar erklärt. Doch ausgerechnet an einer ganz wesentlichen Stelle des Films fehlt diese Einordnung. Ihr Wegbegleiter Julien verabschiedet sich in der Elfenbeinküste. Dieser Abschied wird emotional aufgearbeitet und entsprechend in der Dokumentation verewigt. Doch bereits im übernächsten Land, Togo, ist Julien plötzlich wieder da. Warum? Wie kam es dazu? Was ist zwischenzeitlich passiert? Die Dokumentation verliert darüber kein Wort. Überhaupt scheint die Beziehung zu Julien äußerst schwierig zu sein. Der schweigsame Franzose meidet den Kontakt zu anderen Menschen weitestgehend, und dies färbt offenbar auch auf Wiebke ab. Obwohl Julien über weite Strecken mit Wiebke unterwegs ist, erfährt man kaum etwas über ihn. Er ist da und gleichzeitig irgendwie nicht, wie ein Schatten, der die Protagonistin nur verfolgt. Hier hätte man gern mehr über ihn und die gemeinsame Beziehung erfahren.
Auch stellt man sich immer wieder die Frage, wie die Filmaufnahmen überhaupt entstanden sind. Wenn Wiebke mal wieder betont, dass sie die weitere Strecke allein zurücklegt, tauchen plötzlich Aufnahmen auf, die eindeutig von einer anderen Person stammen müssen. Das ist natürlich nicht grundsätzlich problematisch. Eine kleine Einordnung dazu wäre aber sicherlich schön gewesen. Ansonsten muss man den Schnitt teilweise als misslungen ansehen, da Äußerungen und gezeigtes Bildmaterial nicht immer wirklich zusammenpassen. Ein weiteres erhebliches Problem der Dokumentation ist, dass das gezeigte Material oft nur wenige Erklärungen liefert und der Off-Kommentar manchmal willkürlich eingesetzt zu sein scheint. Immer dann, wenn man sich vielleicht eine Erklärung zu dem gerade Gezeigten gewünscht hätte, fehlt dieser Off-Kommentar. An anderer Stelle erklärt er wiederum Dinge, die sich eigentlich aus den Bildern selbst ergeben. Das sorgt dafür, dass Same Sun trotz einer außergewöhnlichen Reise immer wieder etwas unfertig wirkt. Dabei wäre das vorhandene Material eigentlich die perfekte Grundlage für eine spannende Dokumentation gewesen.
Fazit
Alles in allem ist „Same Sun – Mit dem Fahrrad durch Afrika“ eine Dokumentation über die innere Reise einer jungen Frau zu sich selbst. Der Weg ist das Ziel. Das, was am Wegesrand passiert, ist eher nebensächlich. Es gibt einige interessante und beeindruckende Bilder von der Reise, doch letztendlich hätte man sich noch mehr gewünscht, von diesem außergewöhnlichen Kontinent zu erfahren. „Same Sun“ ist eine interessante Dokumentation, die aber gerade nicht das liefert, was man von ihr eigentlich erwartet. Hinzu kommen noch einige handwerkliche Mängel wie ein teils unglücklicher Schnitt und fehlende Erklärungen zu wichtigen Ereignissen. Wer den afrikanischen Kontinent näher kennenlernen will, wird mit dieser Dokumentation nicht allzu viel Neues erfahren. Wer aber eine starke junge Frau sehen will, die die Enge der Familie überwinden und zu sich selbst finden möchte, der liegt mit „Same Sun“ eher richtig.
Kritik: Andy Mieland
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