Gesehen im Programm des Film Festivals Cologne 2026
Kida Khodr Ramadan hat Präsenz. Das hat der Schauspieler spätestens mit der Gangsterserie 4 Blocks eindrucksvoll bewiesen, die weit über die deutschen Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgte. In den vergangenen Jahren versuchte sich Ramadan zunehmend auch hinter der Kamera zu etablieren. Mit Parallel legt er nun sein neuestes Regiewerk vor. Das Berliner Kiez-Drama klingt auf dem Papier durchaus interessant, erzählt allerdings eine Geschichte, die bereits reichlich vertraut wirkt. Das wäre grundsätzlich kein Problem, wenn Ramadan daraus einen überzeugenden Film gemacht hätte. Doch Parallel entpuppt sich als bemerkenswert missglücktes Unterfangen, das an nahezu allen entscheidenden Stellen ins Stolpern gerät.
Dabei gibt es durchaus Aspekte, die für den Film sprechen. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in Berlin-Neukölln, wodurch Parallel zumindest atmosphärisch eine überzeugende Authentizität entwickelt. Die raue Umgebung, die verwackelte Kamera und das unmittelbare Straßenflair vermitteln ein glaubwürdiges Bild des Kiezes. Auch einzelne Darsteller*innen können in kurzen Momenten durchaus überzeugen. Besonders Jeanette Hain (Luden) gelingt es, ihr Talent gelegentlich aufblitzen zu lassen. Nur leider reicht das längst nicht aus, um die zahlreichen Schwächen des Films auszugleichen.
Kida Ramadan inszeniert vor allem Kida Ramadan
Im Mittelpunkt steht der junge Moshe (Shadi Eck), der eigentlich Schauspieler werden möchte, sich jedoch mit einem wenig erfüllenden Kellnerjob über Wasser hält. Als er dabei auf den Gangsterboss Khalil und dessen Crew trifft, nimmt sein Leben eine neue Richtung. Khalil wird von Ramadan verkörpert, der hier nicht nur Regie führt und Co-Autor war, sondern auch eine zentrale Rolle übernimmt. Das Problem dabei: Man bekommt zunehmend das Gefühl, dass Ramadan vor allem daran interessiert ist, sich selbst möglichst eindrucksvoll in Szene zu setzen.
Khalil soll Mentor, Gangsterboss und unnahbare Respektsperson zugleich sein. Tatsächlich bleibt die Figur jedoch derart dürftig gezeichnet, dass ihre vermeintliche Wirkung kaum nachvollziehbar ist. Immer wieder serviert sie Moshe vermeintlich tiefgründige Lebensweisheiten, die dieser bereitwillig aufsaugt. Was als charakterliche Entwicklung gedacht sein dürfte, wirkt häufig wie eine Aneinanderreihung unfreiwillig komischer Dialoge. Dass bei der Weltpremiere auf dem Filmfestival Cologne vereinzelt gelacht wurde, obwohl der Film eigentlich ernst genommen werden möchte, überrascht deshalb wenig.
Auch Moshe selbst funktioniert kaum als glaubwürdige Figur. So authentisch Neukölln als Schauplatz erscheint, so künstlich wirken die Menschen, die sich darin bewegen. Shadi Eck (Liebesdings) scheint mit seiner Rolle stellenweise schlicht überfordert. Ähnliches gilt für Clara Vogt (Wilma will mehr), die Moshes Freundin verkörpert und ebenfalls kaum Sicherheit im Spiel vermittelt. Moshes Entwicklung vom Schauspielaspiranten zum Gangstergehilfen vollzieht sich zudem derart hastig, dass seine Entscheidungen nur schwer nachzuvollziehen sind. Es fehlt an einer überzeugenden Charakterzeichnung, die diese Wandlung nachvollziehbar machen könnte.
Zwischen Sozialdrama und Gangsterfilm verloren
Besonders das Finale hinterlässt einen schalen Eindruck. Ohne zu viel vorwegzunehmen: Parallel präsentiert kurz vor Schluss eine Wendung, die das zuvor Erzählte noch einmal in einem anderen Licht erscheinen lassen soll. Dabei wird eine interessante Frage aufgeworfen, die sich mit der Grenze zwischen Wirklichkeit und Vorstellung beschäftigt. Wie viel von dem vermeintlich glamourösen Gangsterleben ist tatsächlich Realität und wie viel entspringt den eigenen Sehnsüchten und den Bildern, die man sich davon gemacht hat? Ein reizvoller Ansatz, der allerdings deutlich besser hätte vorbereitet werden müssen. So wirkt die Auflösung weniger wie ein konsequenter erzählerischer Kniff als wie eine nachträglich angefügte Drehbuchidee, die zahlreiche zuvor etablierte Entwicklungen infrage stellt, ohne ihnen eine überzeugende neue Bedeutung zu geben.
Dabei versucht Parallel durchaus, die Schattenseiten der kriminellen Unterwelt sichtbar zu machen. Gewalt, Abhängigkeit und die vermeintliche Verlockung eines Lebens außerhalb gesellschaftlicher Regeln sollen keineswegs verklärt werden. Gleichzeitig schielt Ramadan aber immer wieder auf die raue Faszination des Gangsterkinos. Der Film möchte ein ernsthaftes Sozialdrama erzählen und zugleich als Genrefilm funktionieren. Beides gelingt ihm nicht. Die Inszenierung findet keine klare Haltung zwischen diesen Ansprüchen und verliert sich in einer Geschichte, deren dramaturgische Konstruktion zunehmend beliebig erscheint.
Das ist besonders schade, denn das deutsche Kino bräuchte durchaus mehr Filme wie Parallel: Geschichten, die sich mit der Lebensrealität auf der Straße beschäftigen und dabei auch Genreelemente aufgreifen. Nur eben in einer deutlich überzeugenderen Umsetzung. Wer wissen möchte, wie deutsches Gangsterkino funktionieren kann, sollte sich stattdessen Schock von Denis Moschitto und Daniel Rakete Siegel ansehen. Ein Film, der sich anfühlt, als wäre er mit einer klaren künstlerischen Vision und ohne übermäßig narzisstische Ambitionen entstanden. Denn in Parallel beweist Kida Ramadan vor allem, wie gerne Kida Ramadan Kida Ramadan beim Coolsein zusieht. Hoch lebe König Kida! Der Hofnarr zieht sich zurück.