Inhalt
Davide, ein Buchhändler in den Dreißigern, verbringt seine Tage damit, auf einem römischen Platz gebrauchte Bücher zu verkaufen. Seine treueste Kundin, Elsa, ist zugleich seine engste Verbündete: Sie versorgt ihn mit Büchern aus zweiter Hand und umgibt ihn mit Wärme und Zuneigung. Doch an einem Tag, der ganz gewöhnlich beginnt, ändert sich alles. Ein kleiner Junge aus Nordafrika wird Davide plötzlich anvertraut – als wäre er ein Paket, das mitten auf der Straße zugestellt worden wäre.
Kritik
“The story we’re telling you hasn’t actually happened yet.“, eröffnet eine Textzeile Gianni Amelios 15 Spielfilms und siebten Beitrags zu den Filmfestspielen von Venedig, w er bereits im letzten Jahr mit seinem Historiendrama Battleground zu Gast war. Dessen Hauptdarsteller Alessandro Borghi (Heads or Tails?) spielt auch den zentralen Charakter der von Amelio mit Davide Serino und Andrea Quetti geschriebenen Film-Fabel über die unscharfe Grenze zwischen Selbstlosigkeit und Selbstsucht. Mit beider Trennung hadert nicht nur der privilegierte Protagonist, der an einem Straßenstand gebrauchte Bücher verkauft, ohne eines gelesen zu haben.
So redet Davide (Borghi) unbewusst auch über sich, wenn er gegenüber seiner einzigen Stammkundin und Bücherlieferantin, Literaturprofessorin Elsa (Valeria Golino, Eine stürmische Affäre) klagt, dass niemand sich mehr für Bücher interessiere. Eines tristen, regnerischen Tages bittet ein junger Mann mit augenscheinlich migrantischem Hintergrund Davide, sich um einen kleinen Jungen in seiner Begleitung zu kümmern. Mangels Sprachkenntnisse können die drei nicht klar kommunizieren, dich fortan folgt der Junge Davide. „Like a puppy“, laut der Synopsis. Diese fragwürdige Formulierung verrät die dramaturgische Instrumentalisierung migrantischer Stereotypen, deren Melodramatik Entmenschlichung maskiert.
Der sentimentale Soundtrack und die diesige Farbpalette verstärken die deprimierende Stimmung der Ohnmacht des archetypischen Protagonisten, der zum Opfer seines eigenen Gutwillens wird. Als der namenlose Junge vor Davides Augen angefahren wird und am Folgetag stirbt, treiben Schuldgefühle ihn zu immer abstruseren Aktionen. Er beherbergt die junge Aminah (Beidja Yahiaoui), die obdachlos und schwanger ist, in seiner Wohnung. In der finden sich täglich mehr internationale Immigranten, die seinen Lebensraum wie selbstverständlich beanspruchen. Diese allegorische Angstvision aller AfDler konterkariert den hypokritischen Humanismus des manipulativen Moralstücks.
Fazit
Ähnlich seines hilflosen Hauptcharakters, dessen Hilfeleistungen in erster Linie sein eigenes Gewissen beruhigen sollen, interessiert sich Gianni Amelios surreales Sozialdrama weniger für geopolitische Krisen als den Nimbus zeitaktuellen Kunstkinos. So kreisen Luan Amelio Ujkajs Kamera und die Handlung beständig um die weißen westlichen Figuren, deren Gemütsverfassung relevanter scheint als existenzielle Notlagen der sozial marginalisierten Migrant*innen. Sie alle bleiben austauschbare, überwiegend anonyme Repräsentanten einer unkontrollierbaren Masse, denen naive Hilfsaktionen buchstäblich die Tür öffnen. Zufolge der perfiden Implikation schadet Empathie den Helfenden und schlimmstenfalls auch den Hilfsbedürftigen. Rechtspopulistische Rührseligkeit.
Autor: Lida Bach