MB-Kritik

Homesick 2026

Inhalt

Eine dänisch-koreanische Regisseurin erkundet ihr Leben als Adoptivkind und entdeckt eine Familiengeschichte voller Schatten, die sich von der Westküste Dänemarks bis in die Berge Südkoreas erstreckt.

Kritik

“Heimsuchung” bedeutet der dänische Originaltitel Taekyung Tanja Wol Sørensens (A Columbian Family) intimen Dokumentarfilms, der auf CPH:DOX seine Weltpremiere feierte und dort mit einer Special Mention hervorgehoben wurde. Die Suche nach einem zu Hause, von dem die koreanisch-dänische Regisseurin zu viele und kein richtiges hatte, klingt darin an, aber auch einen Unterton des Spukhaften, gleich den Geistern eines familiären Hintergrunds, der sich nicht greifen lässt, und eines anderen, der sie verfolgt. Präzise arrangiert und allegorisch ausdrucksstark blickt ihre filmische Spurensuche aus zutiefst persönlicher Perspektive auf das defekte koreanische Adoptionssystem. 

Dessen ausgestellte Erfolgsgeschichte demaskieren die beklemmenden Enthüllungen eines auf Profit ausgerichteten Apparats, der Kinder wie menschliche Ware ins Ausland verkaufte. Die Eignung der Adoptiveltern ist dabei nachrangig. Das erlebte Wol Sørensen schmerzlich an Alkoholismus, häuslicher Gewalt und psychischer Labilität in ihrem dänischen Elternhaus. Hinter dessen harmonischer Fassade erlebte sie eine traumatische Kindheit. Im beständigen Bewusstsein, anders zu sein als ihr Umfeld. Als ihre erste Adoptivmutter ihren unberechenbaren Partner verließ, zog sie zu ihrem neuen Partner. Der frühe Tod Sørensens Adoptivmutter zerbrach auch dieses Familiengefüge. 

Alte Fotos bebildern die Erzählungen Sørensens verbliebener dänischer Verwandter, die sie in symbolträchtiger Distanz sich und ihrem Filmteam gegenüber setzt. Jener an ein Verhör erinnernde Aufbau charakterisiert die Beziehung unterschwellig als bürokratisch statt emotional. Im kreativen Kontrast zu dieser unterkühlten Sachlichkeit stehen traumwandlerische Szenen, in denen die Regisseurin entlang der Küste wandern, mit drei anderen koreanischen Adoptierten durch tuchartige Gewänder verschlungen. Diese Schicksalsverbindung verankert den bewegenden Fall in einem übergreifenden Diskurs um kulturelle Entwurzelung, weiße Privilegien und institutionalisierte Ausbeutung, der das Individuum als Symptom internationaler Strukturen markiert.

Fazit

Frei von Sentimentalität und Selbstausstellung dekonstruiert Taekyung Tanja In Wol Sørensen das verklärte Bild transnationaler Adoption, die zum globalen Geschäft gewachsen ist. Leibliche Mütter haben darin keine Rechte. Babys werden als Waisen ausgegeben, um sie schneller zu verkaufen. So auch die Regisseurin, deren Frage nach der Definition von “Heim” unbeantwortet bleibt. Die analytische Aufarbeitung verweigert sich der obligatorischen Versöhnungsgesten zugunsten scharfer Kritik des narzisstischen Narratives von Rettung und Geborgenheit. Das Private wird zum Politischen in der hintergründigen Studie von Identität, Erinnerung und dualer Gewalt.

Autor: Lida Bach
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