Inhalt
Die Katastrophe von Fukushima, Stunde für Stunde erzählt von denjenigen, die zurückblieben, um eine Kernschmelze zu verhindern. Ein extrem intensives und packendes Epos vom Regisseur von „Antidote“.
Kritik
Der reißerische Nebentitel James Jones und Megumi Inmans aufwühlender Katastrophen-Chronik verweist exemplarisch auf den stilistischen Spagat der immersiven Inszenierung. Jene pendelt zwischen minutiöser Rekonstruktion des dreifachen Desasters, das Japan am 11. März 2011 heimsuchte, und einer cineastischen Dramatisierung der entscheidenden Stunden des Notfall-Teams vor Ort am Reaktor. Die erschütternde Rekonstruktion des historischen Traumas, das die Schatten von Hiroshima und Nagasaki heraufbeschwört, gewinnt ihre Relevanz als definierendes Zeitzeugnis durch die Stimmen der Arbeitskräfte, die unter Einsatz ihres Lebens eine nukleare Eskalation apokalyptischen Ausmaßes verhinderten.
Das Erbeben der Stärke 9.1 auf der Richterskala - das schwerste Erdbeben in Japans Geschichte und das viertstärkste aller je aufgezeichneten Erdbeben - und der dadurch ausgelöste Tsunami mit einer Flutwelle von über 10 Metern Höhe dienen als dramatischer Auftakt zum nuklearen Notfall im Handlungszentrum. Der Kühlkreislauf des Reaktors, der eine Kernschmelze verhindert, war durch das Beben beschädigt. Während das Land unter Schock stand und Rettungsmannschaften die zahllosen Verwundeten und Vermissten sowie über 20.000 Todesopfer zu bergen versuchten, kämpfte die Crew vor Ort gegen den GAU.
Ein solches nie dagewesenes Ereignis hätte die gesamte japanische Halbinsel verstrahlt. Im Wettlauf gegen die Zeit blieb den Mitarbeitern, die trotz der Todesgefahr im Reaktor geblieben waren, nur die Möglichkeit, die Brennstäbe manuell mit Wasser-Sprühern zu kühlen. Der von eisernem Pflichtgefühl befeuerte Heroismus der Arbeiter, die ihre Gedanken und Erlebnisse unsentimental in eigenen Worten schildern, wird zur emotionalen Leitlinie des packenden Protokolls. Die „Fukushima 50“ werden zugleich zur moralischen Stimme der aus ihren eigenen Foto- und Video-Aufnahmen erstellten Rekonstruktion.
Körnigkeit und Unschärfen der hektischen Original-Szenen verstärken deren fesselnde Direktheit. In Kombination mit einer chaotischen Original-Tonspur entsteht ein fast klaustrophobischer Erfahrungsraum. Bezeichnenderweise ist es indes diese cineastische Verdichtung, die kritische Fragen nach Sicherheitsmängeln, der Verantwortung des Energiekonzerns Tepco und politischen Versäumnissen verdrängt. Ähnlich schemenhaft bleibt die ethische Positionierung eines Szenarios, das die Aufopferung von Menschen im Dienste der Gesamtbevölkerung als selbstverständlich hinnimmt. Emotional eindringlich, doch systemkritisch unbefriedigend, interessiert sich Fukushima mehr für den Mythos globaler Katastrophen als deren Hintergründe.
Fazit
In nervenzerrender Echtzeit-Dramaturgie, präzise aus geschnitten von Rupert Houseman, rekapitulieren James Jones und Megumi Inman das schwerste nukleare Unglück in der Geschichte Japans als beklemmenden Reality-Thriller. Archivbilder der heranrollenden Flut und explodierenden Reaktoren schaffen eine Ästhetik der Unmittelbarkeit, näher am klassischen Katastrophen-Kino als dokumentarischer Analyse. Interviews mit Zeitzeug*innen deuten staatliche und industrielle Versäumnisse an, die nie ergründet werden. Anhaltende Debatten um technische Transparenz und Sicherheit bleiben Randnotizen eines visuellen Spektakels, das die ideale Blaupause für eine Kino-Adaption bietet, aber kaum Kontextualisierung.
Autor: Lida Bach