3.0

MB-Kritik

Chéri, ich komme! - Die Erfindung der Lust 2026

3.0

Alexandra Lamy
François Cluzet
Mitty Hazanavicius
Delphine Baril
François-Xavier Demaison
Reem Kherici
Kyan Khojandi
Camille Aumont Carnel
François Bureloup
Huguette Lacheau

Inhalt

Fanny und Tom sind seit über 20 Jahren glücklich verheiratet. Tom, ein Ingenieur mit Perfektionismus-Passion, tüftelt am liebsten an Erfindungen. Doch weder seine im Dunkeln leuchtenden Hausschuhe noch das Kreditkartenglücksrad haben es zum Prototypen geschafft. Die Familienkasse ist leer, das Haus samt geliebter Werkstatt soll verkauft werden. Es könnte insgesamt besser laufen, als ihm eines Tages Fanny ein Geheimnis anvertraut: sie hatte noch nie in ihrem Leben einen Orgasmus. Inspiriert von ihrer extrem engagierten Sexualtherapeutin will sie das nun dringend ändern und entsprechend ins Training einsteigen. Tom ist schockiert, doch was folgt, ist keine Krise, sondern ein Pakt. Der Ingenieur nimmt die Sache selbstverständlich persönlich – und wörtlich. Er will ein Gerät entwickeln, das die weibliche Lust zelebriert. Doch dafür braucht er seine Frau, die die Richtung vorgibt. Was als absurde Idee beginnt, wird zu einer abenteuerlichen Expedition zweier Komplizen im Auftrag der Libido: Fanny und Tom forschen, lachen, scheitern, streiten, flüchten vor der Polizei, klauen ihrer Tochter den gesamten Drogenvorrat und entdecken einander und ihre Liebe völlig neu. Gemeinsam entwickeln sie ein Objekt, das Geschichte schreiben wird.

Kritik

Die Idee hinter Chéri, ich komme! - Die Erfindung der Lust weckt zunächst Neugier. Im Mittelpunkt steht die – lose auf wahren Begebenheiten basierende – Entstehung des Womanizers, eines Sexspielzeugs, das mithilfe von Luftdruckimpulsen stimuliert und als Wegbereiter einer heute weltweit erfolgreichen Produktkategorie gilt. Kombiniert wird diese Geschichte mit einem Ehepaar, das nach zwanzig gemeinsamen Jahren feststellen muss, dass die Ehefrau noch nie einen Orgasmus erlebt hat. Daraus hätte sich eine ebenso witzige wie kluge Auseinandersetzung mit weiblicher Sexualität, Scham und festgefahrenen Beziehungsmustern entwickeln können. Genau diesen Weg schlägt der Film jedoch nur selten ein.

Statt die ungewöhnliche Ausgangslage auszureizen, setzt Regisseurin  (Paris um jeden Preis) fast ausschließlich auf konventionellen Klamauk. Der Humor entsteht überwiegend dadurch, dass Begriffe wie „Penis“ oder „Vulva“ ausgesprochen werden oder peinliche Situationen möglichst vorhersehbar eskalieren. Das wirkt weniger frech als erstaunlich aus der Zeit gefallen. Viele Pointen sind schon lange im Voraus erkennbar und erinnern eher an Komödien aus den frühen 2000er-Jahren als an einen Film, der sich mit einem überraschend aktuellen Thema beschäftigt.

Vielversprechender Ansatz, oberflächliche Umsetzung

Gerade deshalb fällt auf, wie viele interessante Gedanken das Drehbuch nur kurz streift. Dass Fanny () nach Jahrzehnten Ehe noch nie einen Orgasmus erlebt hat, wäre ein idealer Ausgangspunkt, um über Kommunikation in Beziehungen, gesellschaftliche Tabus oder den Umgang mit weiblicher Lust zu sprechen. Stattdessen kratzt der Film all diese Aspekte lediglich an der Oberfläche und kehrt immer wieder zu vorhersehbaren Gags zurück. Das ist umso bedauerlicher, weil die Geschichte deutlich mehr Tiefe zugelassen hätte.

Dabei blitzt gelegentlich auf, was möglich gewesen wäre. Eine Szene beim Gynäkologen verweist darauf, dass anatomische Modelle des weiblichen Körpers jahrzehntelang nicht einmal die Klitoris vollständig darstellten, weil weibliche Lust medizinisch kaum Beachtung fand. Das ist ein spannender Gedanke, der jedoch sofort wieder verpufft, weil der Film lieber den nächsten Kalauer hinterherschickt. So öffnen sich immer wieder Türen für interessante Beobachtungen, die das Drehbuch unmittelbar wieder schließt.

Auch abseits des Humors bleibt vieles erstaunlich beliebig. Die finanzielle Schieflage des Ehepaars wird mehrfach erwähnt, spielt aber kaum eine glaubhafte Rolle. Das großzügige Haus mit Pool vermittelt eher gehobenen Wohlstand als existenzielle Sorgen. Ebenso einfallslos präsentiert sich die Inszenierung. Zeitlupen, Montagen und einige hektische Einlagen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film visuell kaum eigene Akzente setzt. Selbst die Entwicklung des titelgebenden Sexspielzeugs wird ohne nennenswerten erzählerischen Einfallsreichtum abgehandelt.

Sympathische Hauptdarstellerin, schwaches Fundament

Darstellerisch setzt vor allem Alexandra Lamy (Louise und die Schule der Freiheit)  die wenigen positiven Akzente. Sie verleiht ihrer Figur Charme und Glaubwürdigkeit und trägt viele Szenen nahezu allein.  (Ziemlich beste Freunde) bleibt dagegen überraschend blass, während die Nebenfiguren kaum mehr sind als Stichwortgeber für den nächsten Witz. Das eigentliche Problem liegt jedoch weniger bei den Schauspielenden als beim Drehbuch, das seinen Figuren kaum Gelegenheit gibt, sich zu entfalten.

Die wahre Geschichte hinter einem der bekanntesten Sexspielzeuge der Welt und eine Ehekrise mit ernsthaftem Kern hätten die Grundlage für eine moderne Komödie bilden können, die Unterhaltung und gesellschaftliche Beobachtung miteinander verbindet. Stattdessen verlässt sich der Film auf überholte Gags und verschenkt seine spannendsten Ideen. Gerade deshalb fällt die Enttäuschung größer aus, als es die zunächst so reizvolle Prämisse vermuten lässt.

Fazit

„Chéri, ich komme!“ besitzt eine faszinierende Ausgangslage, findet jedoch nie die erzählerische Form, die ihr gerecht wird. Statt weibliche Lust, Beziehungsmuster und gesellschaftliche Tabus klug zu beleuchten, verliert sich die Komödie in austauschbarem Klamauk – und verschenkt damit ihre spannendsten Möglichkeiten.

Autor: Sebastian Groß
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