7.0

MB-Kritik

Eine Matrosengeschichte 2026

Horror, Romance, Drama, Fantasy

7.0

Egor Venned
Pilou Asbæk
Sofia Nolsøe Mikkelsen
Jóhannes Haukur Jóhannesson
Kjartan Hansen
Búi Dam
Nicolaj Falck

Inhalt

Baldur, ein junger Fischer, lebt eine gottesfürchtige Existenz in einem kleinen Dorf auf den Färöern. Der Alltag ist geprägt vom Kampf gegen die Natur, der unzählige Männer zum Opfer fielen, wie auch sein Vater schon. Während eines Sturms wird er von Helge aus den Fluten gerettet. Der dänische Matrose lebt daraufhin mit Baldur und seiner Mutter. Während diese in ihm einen potentiellen Ehemann für sich selbst sieht, bringt Helge auch in Baldur lange unterdrückte Gefühle an die Oberfläche. Doch als die beiden von einer Tragödie auseinandergerissen werden, entfesselt Baldurs Sehnsucht eine mystische Kraft aus dunkler Vorzeit.

Kritik

Im nebelverhangenem Küstengewässer der Färöern treffen die zwei grundverschiedenen Protagonisten von Eine Matrosengeschichte das erste Mal aufeinander.  Und gleich, wenn Helge (, Game of Thrones) nach dem über Bord seines kleinen Bootes gegangenen Baldur () taucht, und ihn aus den Fluten zieht, entsteht ein untrennbares Band zwischen ihren Figuren. Eine unwiderrufliche Körperlichkeit und Nähe, die allen Widerständen zum Trotz den roten Faden von s (Christian IV) atmosphärischem Spielfilm bildet.

Und das obwohl das ungleiche Duo aus dem gottesfürchtigen, wortkargen Fischer, der mit seiner Mutter (ebenfalls packend: , Limbo) schon immer auf den Färöern lebt und dem selbstbewussten, dänischen Matrosen, der auf einem Walfänger anheuern will, nur die erste Hälfte des Films wirklich gemeinsam zu sehen ist. Pilou Asbæk und Debütant Egor Venned reichen eine Handvoll Szenen, sowie eine stimmungsvolle und trotz normschöner Körper rohe Inszenierung, um eine glaubhafte Chemie zu entwickeln. Ihre Beziehung zehrt dabei vor allem vom Unausgesprochenem. 

Von dem, was zwischen den zwei Sprachen, dem Färöischen und dem Dänischen liegt, von dem, was die färöische Hauptfigur und auch der Film weniger in Worte fassen können, was auf andere Art und Weise sprichtwörtlich erst entfesselt werden muss. In der baumlose Küstenkulisse prallen indes die Kontraste nur so aufeinander: sinnliche Annäherungen auf archaische Landschaften, zärtliche Zweisamkeit auf eine abgeschiedene, tiefreligiöse Gemeinschaft, die rauen Aufnahmen der See auf Jacob Møllers (Copenhagen Does Not Exist) fast träumerische Unterwasserbilder. An manchen Stellen bewusst dick aufgetragen, musikalisch einnehmend begleitet und früh liebäugelnd mit dem ein oder anderem Horrorelement.

Skovsbøl und Rasmus Birchs historisches Märchen nach Karl Heinrich Ulrichs Kurzgeschichte Manor (1884), einer der ersten schwulen Liebesgeschichten der Moderne, erzählt nicht einfach nur vom Aufeinandertreffen, dem Näherkommen und dem Schicksal zweier Männer, sondern wächst zu einer eindringlichen historischen Gothic-Erzählung. Vor allem im letzten Drittel reichert Skovsbøl die rustikale Atmosphäre und die ohnehin ungemütliche Kulisse mit präzisem haptischem Horror an. Dann brodelt es unter der Haut, dann erbleichen die Augen, vertiefen sich Stimme und Eine Matrosengeschichte geht mit seiner queeren Vampirmotivik einen wirkungsvollen Schritt über jenen Punkt hinaus, an dem so viele queere Liebesgeschichten oder historische Tragödien enden.

Fazit

Der folkloristische Unterbau, die dichte Atmosphäre und ein tolles Hauptdarsteller-Duo verleihen der aufwühlenden Novellen-Adaption um Verlangen, Sichtbarkeit, Akzeptanz und Selbstakzeptanz eine intime wie soghafte Kraft. Die Sehnsüchte der Figuren muss Kasper 'Kalle' Skovsbøl in "Eine Matrosengeschichte" gar nicht ausformulieren, sie sprechen auf eindrückliche und unaufhaltsame Art und Weise selbst. Eine stimmungsvolle, queere Schauermär.

Autor: Paul Seidel
Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.