Inhalt
Armony, ein einsamer Lastwagenfahrer Mitte 50, muss sich nach dem Verschwinden seiner Schwester um seine sechsjährige Nichte Carlotta kümmern. An seiner Seite stehen Pamela, eine ältere trans Frau, und Jenny, seine schwangere Nachbarin. Als der Sozialdienst droht, ihm das Mädchen wegzunehmen, kämpft Armony mit aller Kraft um die gesetzliche Vormundschaft.
Kritik
Es gibt Filme, bei denen vermittelt schon ein Blick auf die Synopsis das Gefühl, sie schon gesehen zu haben. Sogar mehrfach, im Fall von Dario Albertinis (Manuel) sanft-sentimentalen Familiendramas. Das erzählt einmal mehr von einem einsamen Einzelgänger, der durch die unerwartete Betreuung eines kleinen Kindes seine fürsorgliche Seite entdeckt und damit buchstäblich das Glück in sein Leben lässt. Der italienische Regisseur und sein Co-Drehbuchautor Simone Rancucci finden in diesem abgearbeiteten Stoff kaum eine neue Facette, aber dafür ein überdurchschnittlich gutes Ensemble.
Dessen Zentrum sind Valerio Mastandrea (Nonostante) als der titelgebende Trucker, der selbst mit 55 Jahren noch seinen alten Spitznamen und Glam-Ohrringe aus seiner Rockmusiker-Zeit nicht abgelegt hat. Sein rastloser Beruf legt nahe, dass er selbst nachdem der größte Teil seines Lebens vorbei ist nicht weiß, wo er hin will. Das ändert das ungeplante Auftauchen seiner jüngeren Schwester Iolanda (eine stets beeindruckende Asia Argento, Death Has no Master). Sie bittet ihn nach 25-jähriger Funkstille zum Geburtstag ihrer 6-jährigen Tochter Carlotta (Newcomerin Aurora Cherchi) und verschwindet erneut.
Armony hat plötzlich die Verantwortung für das aufgeweckte Mädchen, dem die Klassenlehrerin und Armonys schwangere Nachbarin Jenny (Clara Tramontano) überdurchschnittliche Intelligenz attestieren. Das bleibt indes reine Behauptung in dem vorhersehbaren Plot. Der widmet sich ganz den zärtlichen Szenen der improvisierten Familie, die das Onkel-Nichte-Duo mit der plötzlich alleinstehenden Jenny der großmütterlichen trans Frau Pamela (Pamela Schettino in einer letzten bittersüßen Rolle) bilden. Dass das Jugendamt dieses kleine Glück durch Einmischung gefährdet ist so klar wie der versöhnliche und realitätsferne Ausgang.
Fazit
Der Spitzname des Titelcharakters verweist indirekt auf die verklärende Naivität Dario Albertinis süßlicher Familiengeschichte. Nicht nur deren narrative Struktur, die ein Trio prototypischer Frauenfiguren um den unbedarften Protagonisten platziert, hat märchenhafte Züge. Emilio Maria Costas taucht das sentimentale Szenario in weiches Licht und matt-warme Farben, die das Air von Geborgenheit und Zuneigung verstärken. Armut und Marginalisierung sind visuell angedeutet, doch nie spürbar. Transphobie und Aporophobie verdrängt eine realitätsferne Idealisierung, nah an emotionaler Manipulation, die der überzeugende Cast nicht ausbalancieren kann.
Autor: Lida Bach