Inhalt
Izaquiel ist Reinigungskraft in Recife, einer brasilianischen Stadt, die von Flüssen und Mangroven durchzogen ist. Nachts wagt er sich auf der Suche nach heimlichen Begegnungen in die Mangrovenwälder. Seine Welt gerät aus den Fugen, als er Jeremias begegnet, einem rätselhaften und unwiderstehlichen Fischer.
Kritik
Das schleichende Grauen, das in Matheus Farias und Enock Carvalhos (Unbelievable) atmosphärisch dichtem Spielfilm-Debüt den titelgebenden Ort am Rand Recifes heimsucht, ist ein beklemmend realer Schrecken. Evangelikalismus und Bolsonarismus finden fruchtbaren Nährboden in Brasiliens verarmten Gemeinden, deren fehlende Ressourcen und ökonomische Abhängigkeit sie systematisch ausnutzen. Ebenso ausgeliefert sind die Körper marginalisierter Gruppen - wie die Leiche eines Mitglieds Recifes queerer Community, die sich im Schutz der Dunkelheit zu klandestinen Liaisons am Flussufer einfindet. Dort, wo des Nachts auch ein brutaler Killer umgeht.
Der dicht mit Mangroven bewachsene Schlüsselort markiert eine mehrfache Grenze in der symbolreichen Studie neo-faschistischer Radikalisierung und deren blutiger Konsequenzen. Krimi, Erotik-Thriller und duale Milieustudie verflechten sich zu einer systemkritischen Sektion zeitpolitischer Tendenzen und gesellschaftlicher Gegensätze. Deren markantester ist zwischen der vibrierenden queeren Szene und der klerikalen Organisation, für die der junge Protagonist als Reinigungskraft zu arbeiten beginnt. Schon am ersten Tag verlangt der charismatische Pastor Eurico (Robério Diógenes), dass Izaquiel (Caique Copque) seine Ringe und Ohrringe in der Kirche ablegt.
Von der ersten Begegnung der zentralen Figuren, die gegensätzliche Facetten Brasiliens Gesellschaft verkörpern, ist Euriocos latente Feindseligkeit gegenüber der LGBTQIA+ Gemeinschaft spürbar. Mit seinem soziopathischen Sohn erinnert er beklemmend an Brasiliens prominente populistische Dynastien, deren radikal reaktionärer Kurs Leben kostete. Die moralistische Hetze erkennt der parabolische Plot als Vorstufe einer gezielten Jagd auf queere Menschen, in denen Izaquiel eine Wahlfamilie findet. Der ebenso verführerische wie enigmatische Fischer Jeremias (Ítalo Martins, The Secret Agent) warnt ihn vor der lauernden Bedrohung, gegen die sich der junge Protagonist mit mystischen Kräften verbündet.
Fazit
Lust und Mordlust, Liebe und Hass, Diversität und Dogmatismus markieren die antagonistischen Positionen Matheus Farias und Enock Carvalhos suggestiven Spielfilm-Debüts. Dessen naturalistische Tagesszenen weichen phantasmagorischen Nachtaufnahmen, in denen die Grenze zwischen Geisterwelt und Realität durchlässig wird. In expressionistischer Bildsprache zeigen die professionellen und privaten Partner die blutigen Bruchstellen innerhalb einer Kultur zwischen mörderischem Moralismus und sexueller Selbstbefreiung. Der Cast aus Laien und professionellen Darstellenden katalysiert den komplexen Dualismus des Szenarios. Dessen visuell und dramatisch gleichermaßen ausdrucksstarke Inszenierung ergründet die sadistischen Abgründe pervertierten Pietismus.
Autor: Lida Bach