Bildnachweis: Szene aus MobLand | © Paramount+

Vom Venom zum Mic: Tom Hardy rappt – und sein Hip-Hop-Alter-Ego Frankie Pulitzer meint es ziemlich ernst

von Mike Kaminski

Von Mike Kaminski

Tom Hardy ist vieles. Oscar-nominierter Schauspieler. Mad Max. Venom. Bane. Der Mann, der sich für seine Rollen gerne körperlich transformiert und mindestens ebenso gerne Stimmen entwickelt, bei denen man gelegentlich Untertitel gebrauchen könnte. Was Hardy bislang eher selten mit seiner öffentlichen Person in Verbindung brachte: Er ist auch Rapper.

Und nein, das ist weder ein Scherz noch der verzweifelte Versuch eines Hollywoodstars, sich mit knapp 50 noch schnell eine zweite Karriere zusammenzubasteln.

Unter dem Namen Frankie Pulitzer hat Hardy gemeinsam mit der Hip-Hop-Formation Czarface am 28. August das Album Czarface Meets Frankie Pulitzer veröffentlicht. 15 Tracks, rund 47 Minuten Laufzeit und Gastauftritte von Busta Rhymes, Method Man, El-P und Kendra Morris. Namen, bei denen spätestens klar wird: Hier hat niemand Tom Hardy aus Gefälligkeit für drei Takte ans Mikrofon gelassen. Die wesentlich überraschendere Erkenntnis lautet ohnehin: Hardy rappt nicht plötzlich.

Er macht das schon seit Jahrzehnten.

Bevor Tom Hardy Tom Hardy wurde

Lange bevor Hardy mit Bronson, Inception, The Dark Knight Rises, Mad Max: Fury Road oder The Revenant zu einem der markantesten Schauspieler seiner Generation wurde, wollte er Musik machen. Genauer gesagt: Hip-Hop.

Bereits als Teenager begann Hardy zu rappen und hatte nach eigener Aussage sogar einen Plattenvertrag. Rückblickend betrachtete er seine damaligen Ambitionen allerdings mit einer gehörigen Portion Selbstironie. Gegenüber BBC Newsbeat erklärte er 2011 selbstironisch, dass ein Jugendlicher aus einer angenehmen britischen Mittelklassegegend damals nicht unbedingt dem Bild entsprach, das sich besonders gut als Rapper vermarkten ließ. Außerdem, so Hardys wenig schmeichelhafte Selbsteinschätzung, sei er schlicht nicht besonders gut gewesen.

Ganz so beiläufig war seine Beschäftigung mit Hip-Hop allerdings nicht. Hardy erzählte damals auch, dass er mit den Grammy-prämierten Produzenten Warren Riker und Gordon Williams gearbeitet und jede Menge Material aufgenommen hatte, das nie veröffentlicht worden sei.

„I've got albums, man“, sagte er damals.

Er sollte recht behalten. Einen Teil davon bekam die Öffentlichkeit schließlich 2018 zu hören. Gemeinsam mit seinem Freund Edward Tracy, dem später BAFTA-prämierten Autor und Regisseur, hatte Hardy 1999 ein Mixtape aufgenommen. Tracy produzierte als Eddie Too Tall, Hardy rappte unter dem herrlich zeittypischen Namen Tommy No. 1.

Der noch schönere Titel des Projekts: Falling on Your Arse in 1999.

18 unfertige Tracks, aufgenommen in einem Schlafzimmer, die fast zwei Jahrzehnte irgendwo in der sprichwörtlichen Schublade lagen. Tracy stellte das Material schließlich ins Netz und lieferte damit den Beweis, dass Hardys Rap-Vergangenheit deutlich mehr war als eine Anekdote aus seiner Jugend. Die Karriereentscheidung fiel bekanntlich trotzdem zugunsten der Schauspielerei aus.

Was rückblickend vermutlich niemand bedauert.

Aus Tommy No. 1 wird Frankie Pulitzer

Damit hätte die Geschichte enden können. Eine sympathische Fußnote in Hardys Biografie: Bevor er Hollywoodstar wurde, wollte der Mann eben Rapper werden.

Nur hatte Hardy Hip-Hop offenbar nie wirklich hinter sich gelassen.

Jahre später tauchte ein Rapper namens Frankie Pulitzer im Umfeld von Czarface auf. Bereits 2021 war Hardy unter diesem Namen auf der Good Guys, Bad Guys-EP der Gruppe zu hören. Mit der Zeit entwickelte sich daraus eine Zusammenarbeit, die inzwischen weit über einen prominenten Gastauftritt hinausgeht. Und genau an dieser Stelle wird die Sache interessanter als die übliche Meldung über einen Schauspieler, der nebenbei Musik macht.

Denn Czarface ist kein beliebig zusammengestelltes Produzententeam, das einem Hollywoodstar ein paar Beats verkauft. Hinter der 2013 gegründeten Formation stecken Inspectah Deck, 7L und Esoteric. Inspectah Deck gehört zum legendären Wu-Tang Clan, dessen Debüt Enter the Wu-Tang (36 Chambers) zu den einflussreichsten Hip-Hop-Alben der 1990er gehört. 7L und Esoteric wiederum sind seit Jahrzehnten feste Größen des amerikanischen Underground-Hip-Hop.

Czarface verbindet klassischen, stark an den 1990ern orientierten Boom-Bap mit einer geradezu hemmungslosen Begeisterung für Comics, Science-Fiction und Popkultur. Schon die Kunstfigur Czarface funktioniert wie ein überzeichneter Comic-Superheld beziehungsweise Superschurke. Die Cover sehen gerne aus wie verschollene Hefte aus irgendeinem Marvel-Paralleluniversum, während sich die Texte großzügig aus Comics, Filmen und Nerdkultur bedienen.

Wer Tom Hardys Filmografie kennt, dürfte langsam verstehen, warum das ziemlich gut zusammenpasst.

Czarface haben außerdem bereits komplette Kollaborationsalben mit MF DOOM und Ghostface Killah veröffentlicht. Gerade MF DOOM ist in diesem Zusammenhang eine interessante Referenz: maskierter Rap-Superschurke, Comic-Ästhetik, komplexe Reime und eine der großen Kultfiguren des alternativen Hip-Hop. Ein Kosmos also, in dem ein Schauspieler, der Bane und Venom gespielt hat und sich nun selbst hinter einem Alter Ego versteckt, beinahe verdächtig selbstverständlich wirkt. Für Czarface Meets Frankie Pulitzer wird Hardy sogar Teil der dazugehörigen Comic-Lore. In der offiziellen Mythologie des Albums wird Frankie Pulitzer auch als „FacePuller“ bezeichnet und zu einer hybriden menschlich-außerirdischen Entität stilisiert.

Natürlich wird er das... Einfach Tom Hardy ans Mikrofon zu stellen wäre schließlich viel zu gewöhnlich gewesen.

Venom, Method Man und ein ziemlich langer Anlauf

Auch die Zusammenarbeit selbst begann nicht erst mit dem neuen Album.

Bereits seit 2021 ist Frankie Pulitzer im Czarface-Umfeld unterwegs. Besonders deutlich verschmolzen Hardys zwei Welten schließlich bei „Knull & Void“, auf dem er gemeinsam mit Czarface und Method Man zu hören ist.

Der Track landete passenderweise im Abspann von Venom: The Last Dance.

Damit trafen Hardys beide Karrieren endgültig aufeinander: Eddie Brock verlässt die Leinwand und wenig später rappt der Schauspieler unter einem Pseudonym weiter. Nun folgt mit Czarface Meets Frankie Pulitzer das komplette Album. Und die Gästeliste ist, um im Jargon zu bleiben, Dope.

Method Man ist nicht nur Mitglied des Wu-Tang Clan, sondern seit mehr als drei Jahrzehnten eine der bekanntesten Stimmen des New Yorker Hip-Hop. Busta Rhymes gehört mit seiner enorm rhythmischen und technischen Delivery ebenfalls zu den prägenden MCs seiner Generation. Und El-P, Produzent und eine Hälfte von Run the Jewels, zählt zu den wichtigsten Namen des amerikanischen Alternative- und Underground-Hip-Hop der vergangenen Jahrzehnte. Hinzu kommt Sängerin Kendra Morris, die schon seit Jahren mit dem Czarface-Kosmos verbunden ist.

Hardy bewegt sich hier also nicht in einer geschützten Prominenten-Blase. Er stellt sich neben Musiker, deren Karrieren teilweise länger laufen als seine eigene Filmografie.

Natürlich rappt Tom Hardy über Filme

Dass dabei Hardys eigentliches Metier nicht weit entfernt ist, dürfte kaum überraschen.

Das Album ist vollgestopft mit Film-, Comic- und Popkulturreferenzen. Nicolas Cage und Martin Scorseses Bringing Out the Dead werden ebenso verarbeitet wie Willem Dafoes Green Goblin, Doctor Doom, Hundstage, Titanic, The Matrix und Stephen Kings Cujo und Misery. Selbst Kathy Bates bekommt eine – sagen wir: ausgesprochen unzüchtige – Erwähnung.

Hardy bewegt sich damit genau in jener Welt, die Czarface seit Jahren kultivieren: Hip-Hop als riesiger popkultureller Spielplatz, auf dem Comics, Filme, Science-Fiction und klassische Rap-Prahlerei munter durcheinanderfliegen. Den vielleicht schönsten Brückenschlag zwischen Schauspieler und Rapper liefert allerdings „Grim-Visaged War“. Dort holt Hardy kurzerhand jene Stimme hervor, mit der er als Bane in Christopher Nolans The Dark Knight Rises Batman das Leben schwer machte, und rezitiert Shakespeare.

Ausgerechnet „Now is the winter of our discontent“ aus Richard III.

Wenn Venoms Stimme plötzlich mitrappt

Noch interessanter wird die Verbindung zwischen Hardys Schauspiel- und Hip-Hop-Karriere bei zwei Gästen des Albums. Denn Busta Rhymes und Method Man haben indirekt bereits an einer seiner bekanntesten Figuren mitgewirkt. Als Hardy nach der Entstehung von Venoms Stimme gefragt wurde, nannte er mehrere musikalische Einflüsse: Busta Rhymes, Method Man und Redman, dazu James Brown und ein wenig Richard Burton.

Wer Venoms tiefes Grollen kennt und anschließend Busta Rhymes oder Method Man hört, dürfte zumindest verstehen, wo Hardy gedanklich unterwegs war. Jahre später steht er nun mit zwei dieser Inspirationen selbst auf einem Album. Busta Rhymes ist auf „Raw Forever“ zu hören, Method Man auf „Mad Technology“.

Kein Schauspieler, der plötzlich Rapper sein möchte

Vielleicht ist genau das der entscheidende Unterschied.

Bei Czarface Meets Frankie Pulitzer geht es weniger darum, dass ein berühmter Schauspieler plötzlich beschlossen hat, auch einmal ein Album aufzunehmen. Die interessantere Geschichte ist, dass Tom Hardy offenbar nie aufgehört hat, Hip-Hop zu lieben. Der 14-jährige Teenager, der unbedingt rappen wollte, verschwand nicht, als Hardy Schauspieler wurde. Er landete nur für eine ziemlich lange Zeit hinter Max Rockatansky, Eddie Brock, Alfie Solomons, Charles Bronson und Bane.

1999 nahm Tommy No. 1 seine Songs noch in einem Schlafzimmer auf. Fast drei Jahrzehnte später steht Frankie Pulitzer neben einem Mitglied des Wu-Tang Clan und bekommt Busta Rhymes, Method Man und El-P auf ein gemeinsames Album. Und irgendwo dazwischen wurde er eben noch nebenbei zu einem der bekanntesten Schauspieler seiner Generation.

Tom Hardy ist also nicht plötzlich Rapper geworden.

Wir haben nur ziemlich lange gebraucht, um es mitzubekommen.

Das Album Czarface Meets Frankie Pulitzer ist am 28. August 2026 erschienen und digital sowie auf CD und Vinyl erhältlich.

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