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Schauen wir Filme noch oder laufen sie nur nebenbei? Wie Streamingplattformen Drehbücher an eine abgelenkte Generation anpassen.

GoodGuyMikasch

Von GoodGuyMikasch in Schauen wir Filme noch oder laufen sie nur nebenbei? Wie Streamingplattformen Drehbücher an eine abgelenkte Generation anpassen.

Schauen wir Filme noch oder laufen sie nur nebenbei? Wie Streamingplattformen Drehbücher an eine abgelenkte Generation anpassen. Bildnachweis: © Netflix | Szene aus "Black Mirror"

Von Mike Kaminski

Wie Streamingplattformen Dramaturgie, Sehgewohnheiten und die Sprache des Films verändern

Es ist ein vertrautes Bild des modernen Medienalltags: Auf dem Fernseher läuft eine Serie, während gleichzeitig das Smartphone in der Hand liegt. Nachrichten werden beantwortet, Social-Media-Feeds durchscrollt, vielleicht wird noch schnell etwas gegoogelt. Der Film läuft weiter – aber oft nur noch am Rand der Aufmerksamkeit.

Was lange als beiläufige Gewohnheit des digitalen Zeitalters galt, beschäftigt inzwischen auch die Filmindustrie selbst. Denn wenn Zuschauer Filme und Serien zunehmend parallel zu anderen Tätigkeiten konsumieren, verändert das nicht nur das Sehverhalten, sondern möglicherweise auch die Art, wie Geschichten erzählt werden.

Streamingplattformen stehen vor einer neuen Realität: Ein Teil ihres Publikums schaut Inhalte nicht mehr mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Drehbücher reagieren darauf mit klareren Dialogen, früheren dramatischen Höhepunkten und stärker erklärender Dramaturgie. Damit stellt sich eine grundlegende Frage: Verändert das Streamingzeitalter nicht nur den Ort, an dem Filme gesehen werden – sondern auch die Sprache des Films selbst?

Second Screen: Ein Begriff aus dem Smartphone-Zeitalter

In der Medienforschung wird dieses Verhalten als Second-Screen-Nutzung bezeichnet. Der Begriff etablierte sich um das Jahr 2010, als Smartphones und Tablets zu festen Bestandteilen des Medienalltags wurden. Gemeint ist die parallele Nutzung eines zweiten Geräts, meist eines Smartphones, während ein Film oder eine Fernsehsendung läuft. In den frühen Jahren wurde diese Entwicklung teilweise sogar aktiv gefördert. Fernsehsender experimentierten mit Apps und Social-Media-Formaten, über die Zuschauer während einer Sendung zusätzliche Informationen abrufen oder sich online austauschen konnten.

Mit dem Aufstieg der Streamingplattformen hat sich die Rolle des Second Screens jedoch verändert. Das Smartphone dient heute oft weniger der Interaktion mit dem Programm selbst als vielmehr der parallelen Nutzung anderer digitaler Inhalte. In der Forschung wird dieses Verhalten als Media Multitasking beschrieben – also die gleichzeitige Nutzung mehrerer Medienquellen. Studien zur cross-media-Nutzung zeigen, dass ein großer Teil der Zuschauer während des Fernsehens oder Streamings gleichzeitig ein weiteres Gerät nutzt, häufig ein Smartphone oder Tablet.

Streaminginhalte konkurrieren damit nicht mehr nur mit anderen Filmen oder Serien, sondern mit sämtlichen digitalen Reizen gleichzeitig: Messenger-Apps, Social-Media-Feeds, Nachrichtenportale oder Online-Shopping. Aufmerksamkeit wird in dieser Umgebung zu einer Ressource, um die zahlreiche Plattformen parallel konkurrieren.

Was paralleler Medienkonsum mit Aufmerksamkeit macht

Medienpsychologische Studien zeigen, dass parallele Mediennutzung die Verarbeitung von Informationen messbar beeinflussen kann. Untersuchungen zur Media-Multitasking-Nutzung legen nahe, dass das gleichzeitige Konsumieren mehrerer Medien die kognitive Belastung erhöht und das Erinnerungsvermögen an Inhalte reduziert.

Wenn Aufmerksamkeit zwischen mehreren Aufgaben aufgeteilt wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass komplexe Informationen vollständig verarbeitet werden. Einige Studien deuten zudem darauf hin, dass intensive parallele Mediennutzung mit Veränderungen der Aufmerksamkeitssteuerung und einer geringeren Fähigkeit verbunden sein kann, sich über längere Zeit auf eine einzelne Aufgabe zu konzentrieren.

Medienforscher ordnen diese Entwicklungen häufig in einen größeren Kontext ein: die sogenannte Attention Economy – die menschliche Aufmerksamkeit in einer informationsüberfluteten Welt. In einer digitalen Medienlandschaft konkurrieren Inhalte nicht nur miteinander, sondern mit allen digitalen Reizen gleichzeitig. Plattformen analysieren daher sehr genau, an welchen Stellen Zuschauer pausieren, vorspulen oder Inhalte abbrechen. Diese Daten fließen wiederum in die Entwicklung neuer Formate ein.

Für Drehbücher im Streamingkontext hat das unmittelbare Konsequenzen. Wenn ein Teil des Publikums Informationen leichter verpasst, kann dies erklären, warum Geschichten zunehmend klarer, redundanter und stärker dialogorientiert erzählt werden.

Hollywood spricht offen über die Folgen

Dass diese Entwicklung auch innerhalb der Filmindustrie diskutiert wird, zeigte ein Gespräch im Podcast The Joe Rogan Experience, in dem Matt Damon und Ben Affleck über ihre Erfahrungen mit Streamingproduktionen sprachen.

Damon erklärte dort, dass Streamingplattformen zunehmend davon ausgehen, dass Zuschauer während eines Films gleichzeitig ihr Smartphone nutzen. Drehbücher würden deshalb teilweise so strukturiert, dass zentrale Handlungspunkte mehrfach im Dialog erwähnt werden. Wenn Zuschauer kurz abgelenkt sind, können sie so leichter wieder in die Geschichte einsteigen.

Auch dramaturgisch habe sich etwas verschoben. Während klassische Actionfilme traditionell ihre größten Höhepunkte für den dritten Akt aufheben, verlangen Streamingplattformen häufig eine besonders starke Szene bereits zu Beginn. Ziel ist es, Zuschauer möglichst früh an die Handlung zu binden, bevor ihre Aufmerksamkeit zu anderen Inhalten abwandert.

Serien als Beispiel für Second-Screen-Dramaturgie

Die Auswirkungen dieser Entwicklung lassen sich besonders gut an populären Streamingserien beobachten. Ein Beispiel ist die Netflix-Serie Stranger Things. Die Handlung der Serie ist komplex und umfasst zahlreiche Figuren sowie eine umfangreiche Mythologie rund um das sogenannte Upside Down. Gleichzeitig fällt auf, dass zentrale Informationen häufig im Dialog wiederholt oder von Figuren zusammengefasst werden. Regeln der Welt, Bedrohungen oder Zusammenhänge zwischen Ereignissen werden regelmäßig verbal erklärt. Dadurch bleibt die Handlung auch dann verständlich, wenn Zuschauer einzelne Details verpassen.

Ähnlich funktioniert auch die spanische Erfolgsserie Haus des Geldes (La Casa de Papel). Obwohl der Plot um einen minutiös geplanten Banküberfall komplex ist, arbeitet die Serie stark mit narrativen Wiederholungen. Rückblenden, Voice-over-Passagen und erklärende Dialoge sorgen dafür, dass der Plan des Professors immer wieder erläutert wird. Diese Struktur erleichtert es Zuschauern, auch nach einer Unterbrechung schnell wieder in die Handlung einzusteigen.

Solche Erzählstrategien sind nicht zwangsläufig ein Zeichen geringerer Qualität. Vielmehr spiegeln sie eine Anpassung an veränderte Nutzungsgewohnheiten wider.

Das Gegenmodell: Kino als konzentrierte Erfahrung

Während Streamingproduktionen zunehmend auf fragmentierte Aufmerksamkeit reagieren, verfolgen viele Kinoregisseure bewusst den entgegengesetzten Ansatz. Das Kino bleibt ein Raum, der darauf ausgelegt ist, die Aufmerksamkeit des Publikums zu bündeln und Ablenkungen weitgehend auszuschließen. Ein Regisseur, der diesen Unterschied immer wieder betont, ist Christopher Nolan. In Interviews hat Nolan mehrfach erklärt, dass er seine Filme gezielt für das Kino konzipiert und das Erlebnis der großen Leinwand als zentralen Bestandteil seiner Arbeit versteht.

Filme wie Oppenheimer oder Tenet verlangen vom Publikum ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Komplexe Erzählstrukturen, dichte Montage und visuelle Details setzen voraus, dass Zuschauer dem Film aktiv folgen. Selbst kurze Ablenkungen können dazu führen, dass wichtige Informationen übersehen werden. Diese Form des Erzählens steht im deutlichen Kontrast zu vielen Streamingproduktionen. Während Streamingfilme häufig darauf achten müssen, dass zentrale Informationen wiederholt oder explizit erklärt werden, können Kinofilme stärker auf visuelles Storytelling setzen. Auch technisch spielt das Kino eine besondere Rolle. Großformatige Bildformate, aufwendige Tonmischungen und immersive Bildgestaltung entfalten ihre volle Wirkung vor allem auf der großen Leinwand. Filme wie Oppenheimer wurden beispielsweise teilweise auf großformatigem IMAX-Filmmaterial gedreht, um die visuelle Wirkung im Kinosaal zu maximieren.

Darüber hinaus besitzt das Kino eine kulturelle Dimension, die über die reine Präsentation eines Films hinausgeht. Der gemeinsame Kinobesuch schafft eine kollektive Erfahrung: Zuschauer reagieren gemeinsam auf Spannung, Humor oder emotionale Momente. Diese Form des gemeinschaftlichen Erlebens unterscheidet sich deutlich vom individuellen Streamingkonsum im Wohnzimmer.

Kino und Streaming – zwei Formen des filmischen Erzählens

Die Entwicklung des Second-Screen-Konsums deutet darauf hin, dass sich die Filmkultur zunehmend in zwei unterschiedliche Richtungen bewegt. Streamingplattformen und Kinofilme entstehen heute unter unterschiedlichen Rezeptionsbedingungen – und diese Bedingungen beeinflussen zwangsläufig auch die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden.

Streaminginhalte müssen sich in einer Medienumgebung behaupten, in der Aufmerksamkeit ständig zwischen verschiedenen Geräten und Plattformen aufgeteilt wird. Serien und Filme werden daher häufig so gestaltet, dass sie auch bei fragmentierter Aufmerksamkeit verständlich bleiben. Das Kino hingegen bleibt ein Raum für konzentrierte und immersive Filmerfahrungen. Die große Leinwand, die Dunkelheit des Saals und die kollektive Zuschauererfahrung schaffen eine Umgebung, in der Filme weiterhin auf ungeteilte Aufmerksamkeit setzen können. Streamingplattformen reagieren auf reale Nutzungsgewohnheiten eines Publikums, dessen Aufmerksamkeit zunehmend zwischen verschiedenen digitalen Reizen aufgeteilt ist. Drehbücher passen sich diesen Bedingungen an – mit klareren Dialogen, früheren Höhepunkten und stärker erklärender Dramaturgie.

Vielleicht ist genau das die entscheidende Veränderung des Streamingzeitalters: Filme werden heute nicht mehr nur für eine Leinwand geschrieben, sondern für unterschiedliche Formen von Aufmerksamkeit.

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