Bildnachweis:

Best of the Worst: Wofür Kotztüten, wenn es diese Filme gibt? - Teil 2

von Levin Günther

Nein, der Zug hat den Bahnhof schon vor langer Zeit verlassen: Uwe Boll ist keine Erwartungen schürende Knospe am Orchideenzweig, aus der irgendwann einmal eine majestätische Blume emporsteigen wird, seine Auffassung von echter Filmkunst hingegen bleibt ein Buch mit sieben Siegeln. Trotzdem hat sich der Doktor der Philosophie unlängst einen Namen und eine durchaus wahrnehmbare Fanbase aufbauen können: Wenn es schon nicht seine Filme sind, die wirklich auf Gegenliebe stoßen, dann ist es seine unverstellt-ehrliche Art in Interviews und Audiokommentaren, in denen er frei Schnauze ausspricht, was ihm gerade im Kopf herumschwirrt. Das hat natürlich durchaus etwas Sympathisches wie Amüsantes an sich, wenn ein Filmemacher so gar nicht auf den Mund gefallen ist und auch mal auf den Putz haut, anstatt permanent Höflichkeit und Etikette zu wahren, bringt aber auch den Negativeffekt mit sich, dass nicht wenig von dem, was Uwe Boll so von sich gibt, nur für ihn irgendwie intelligent erscheint. Oder anders gesagt: Uns Uwe erzählt dann und wann schon viel Unsinn.

Für Til Schweiger aber war es, nachdem Uwe Boll seinen Gehaltsvorstellungen endlich einwilligte, ein Grund, warum er sich dazu entschieden hat, mit dem in Wermelskirchen geborenen Allesdreher und Wenigkönner zusammenzuarbeiten: „Er ist eben ein gerader Junge!“. Und für die Verfilmung des Videospielhits „Far Cry“ - entwickelt vom deutschen Unternehmen Crytek -, haben der Chaosregisseur und der deutsche Superstar, der zuletzt mit „Honig im Kopf“ einen unverschämt erfolgreichen Film in die Kinos gebracht hat, mal wieder alles gegeben – Wenn schon Dilettantismus, dann auch mit voller Breitseite! Allerdings muss man sagen, dass „Far Cry“ höchstwahrscheinlich noch zu den „besseren“ Streifen zählt, die Uwe Boll unter seine Ägide genommen hat. Nicht zuletzt deswegen, weil sich Boll hier noch nicht als psychologisch-bewanderter Regisseur geriert, der glaubt, den Menschen in die Seele blicken zu können (wie beispielsweise im widerwärtigen Debakel „Siegburg“ mit Edward Furlong von 2009). Stattdessen gibt es mit „Far Cry“ über gut 90 Minuten kolportagehaften Trash auf die Mütze.

Und der lässt sich eigentlich recht locker weggucken: Irgendwo an der amerikanischen Westküste verdient sich Jack Craver (Schweiger) sein Geld als Bootsführer, der anstrengenden Touristen Wale zeigen soll, während zur gleichen Zeit auf einer von der Außenwelt abgeschirmten Militärinsel der sinistre Dr. Krieger (Udo Kier, „Breaking the Waves“) diabolisch hinter Monitoren lungert, durch klinische Laborkomplexe wandelt und genmanipulierte Soldaten, die mit einer Haut, 20 Mal so widerstandsfähig wie Carbon, und unbändigem Kampfgeist, entwickelt. Und als wäre das nicht schon Hobby genug, malt der Doktor natürlich noch Gemälde, während er sich dabei von klassischer Musik beschallen lässt – Wenn das nicht mal eine innovative Skizzierung des Antagonisten ist! Zu seinem Personal zählt auch Colonel Max Cardinal (Ralf „ich habe „Gladiator“ gedreht“ Moeller), der die finsteren Machenschaften eigentlich aufdecken wollte, allerdings von der russischen Kampfbratze Katia (Natalia Avelon, "Das wilde Leben“) erwischt wird. Und da kommt dann die zierliche Journalistin Valerie (Emmanuelle Vaugier, „Saw II“) ins Spiel.

Die nämlich arbeitete zusammen mit ihrem Onkel Max an jener Aufklärung und beansprucht selbstverständlich die Hilfe vom draufgängerischen Kik-Hemden-Fan Jack, der, noch selbstverständlicher, eine Vergangenheit als Elitekrieger in seinem Lebenslauf vorzuweisen hat – Glück gehabt! Der kann ihr nämlich nicht nur zeigen, wie man Handgranaten dazu bringt, „bum“ zu machen, sondern auch, wie man Frauen fachgemäß verführt: Der alte „kollektive Körperheizung“-Trumpf wird da mal ganz lässig ausgespielt, bei der man sich in Löffelchenstellung aneinanderreibt, nur richtig ohne Hose - kennt Jack halt noch von den Jungs in seiner Militärzeit. Tja, und nach dem flotten Schäferstündchen wird Valerie auch als Jacks Dudette akzeptiert, während die anderen Weiber im Film entweder nervige Touristinnen oder böse Amazonen darstellen. „Far Cry“ hätte – gerade auch mit einen Budget von 30 Millionen Dollar (!) - sicherlich das Zeug gehabt, noch als affiger B-Movie-Actioner im Geiste der 1980er Jahre durchzugehen, allerdings hätte es dafür schlichtweg einen anderen, kompetenteren Regisseur hinter der Kamera gebraucht.

Uwe Boll war in jenen Tagen vielleicht gut darin, Videospiellizenzen für billiges Geld zu erwerben und daraus Filme zu machen, die kommerziell nicht vollkommen untergegangen sind (wie heutzutage), aber wie man eine Action-Szene strukturell gekonnt aufzieht, gehörte definitiv nicht zu seinen Talenten: Die (seltenen) Verfolgungsjagden sind gewohnt zerschnitten, die (spärlichen) Fights ohne jede Dynamik abgefilmt, und ohnehin schnallt „Far Cry“ den Gürtel in Sachen Krawall von Minute zu Minute enger, bis es irgendwann nur noch für eine Möller'sche Hysterie auf Sparflamme reicht: Von ungesunder Albinoblässe gezeichnet darf Ralle nämlich dann auch mal ein paar Latten durch die Gegend schleudern und grunzend die Wangenmuskulatur strapazieren. Wahnsinn! Da lässt sich dann auch wieder der obligatorische Zwist erkennen, der Uwe Bolls Output seit jeher durchzieht: Das, was umgesetzt wurde, ist nicht einmal ansatzweise in der Form dazu, mit dem Augenkontakt aufzunehmen, was theoretisch im Rahmen des Möglichen gewesen wäre. Immerhin verärgert „Far Cry“ nicht (nur wenn man ihn mit der Vorlage vergleicht – dann aber richtig!), er ist einfach nur schlecht. 

Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.