Bildnachweis: © Nintendo

AR-Videospiel "Mario Kart Live: Home Circuit" im Test

von Sebastian Stumbek

Nintendo zeigt sich immer wieder kreativ und experimentierfreudig in der Umsetzung neuer Ideen, die über das reine Spielen an der Konsole hinausgehen. Im Frühjahr 2019 vereinte man mit Labo beispielsweise Spiel- und Bastelspaß in einem, indem Pappe und Software in Symbiose gebracht wurden. Im selben Jahr bekamen Switch-Besitzer mit Ring Fit Adventure zudem die Möglichkeit, sich vor ihrem Fernseher sportlich zu betätigen, indem ihre körperliche Leistung auf unterhaltsame Weise in ein buntes Adventure-Game übertragen wurde. Mario Kart Live: Home Circuit, das seit dem 16. Oktober 2020 im Handel erhältlich ist, ist ebenfalls ein ungewöhnliches und zugleich spannendes Projekt, das Augmented Reality, Spielzeugautos und ein Switch-Spiel vereint. Wie genau das funktioniert, haben wir ausprobiert. 

Um Mario Kart Live: Home Circuit spielen zu können, wird zunächst ein Starter Kit benötigt, welches es für derzeit rund 105 € in zwei Ausführungen gibt, einmal als Mario- und einmal als Luigi-Variante. Im Set enthalten sind jeweils ein ferngesteuertes Spielzeugkart mit eingebauter Kamera, vier Streckenmarkierungstore aus Pappe, zwei Richtungspfeile aus Pappe sowie ein USB-C-Ladekabel zum Aufladen des Karts an der ebenfalls benötigten Switch-Konsole (eine Ladung reicht für etwa 90 Minuten reine Fahrtzeit bzw. für einige Stunden, wenn man die Zeit zwischen den Races einrechnet). Die zum Spielen dazugehörige Software gibt es kostenlos im eShop als Download. Dann ist man als Einzelspieler fertig gerüstet und kann sofort loslegen. Sollten im Multiplayer weitere Personen mitspielen wollen, was insgesamt für vier möglich ist, benötigt jeder einzelne Teilnehmer eine eigene Switch sowie ein eigenes Starter Kit. Das kann innerhalb einer Familie ordentlich auf den Geldbeutel gehen. 

Das Setup fällt angenehm einfach aus: Wir starten die Software auf der Konsole und verbinden unser Kart mittels eingescanntem QR-Code über die eingebaute Kamera. Ein gut verständliches Tutorial macht uns schnell mit der Steuerung vertraut. Danach geht es zum spannenden Teil über, dem Streckenbau, der in der Wohnung erfolgt. Hierzu werden die vier Tore nach Belieben im Raum platziert, um die Eckpunkte der Strecke zu definieren, die wir danach mit dem Kart einmal abfahren, damit das System daraus eine Route errechnet. Gegen ein paar KI-gesteuerte Koopalinge können wir den erstellten Kurs dann auch sogleich austesten. Während unser Kart über den Fußboden flitzt, verfolgen wir das Geschehen gleichzeitig auf dem Bildschirm.

Spielen lässt sich Mario Kart Live: Home Circuit in diversen Modi. Im Grand Prix werden drei Rennen gefahren, am Ende gewinnt derjenige, der die meisten Punkte durch gute Platzierungen gesammelt hat. Im Time Trial geht es darum, Bestzeiten zu knacken und dabei gegen Geisterfahrer anzutreten, während wir im Custom Race ein Einzelrennen mit eigenen Vorgaben fahren. All das lässt sich in vier Schwierigkeitsgraden angehen, die sich sogar auch auf die Geschwindigkeit unseres physischen Karts auswirken. Schade: Nur Koopalinge sind als KI-Gegner an Bord, hier wäre etwas mehr Varianz sehr angenehm. Der angebotene Multiplayer-Modus funktioniert aus nachvollziehbaren Gründen übrigens nur lokal, Online-Matches gibt es hier keine. 

Die Kamera erkennt die Umgebung insgesamt recht gut, nur zu helles, direkt einstrahlendes Sonnenlicht sollte man vermeiden, da es sonst zu Störungen in der Erkennung kommen kann. Wichtig ist natürlich, über ausreichend Platz in der Wohnung zu verfügen, sonst stößt man beim Streckenbau schnell an seine Grenzen. In kleinen, engen, vollgestellten Räumen wird man womöglich weniger Spaß haben. Zu weitläufig sollte die Bahn allerdings auch nicht ausfallen, da bei zu großer Entfernung zwischen Konsole und Kart, etwa ab 4 Metern, die Verbindung hakt. Fürs Zimmer sollte das in der Regel reichen, quer durch die ganze Wohnung aber funktioniert dann nicht mehr. Fahren lassen sich die Karts auf verschiedenen Bodenbelägen, sowohl Parkett, Laminat, Kacheln als auch flache Teppichböden sind allesamt akzeptabel, sollten idealerweise aber sauber sein, damit sich kein Dreck in den Kart-Reifen verfangen kann. Auf allzu großen Steigungen durch hohe Kanten oder platzierte Rampen sollte man verzichten, um sich nicht zu verfangen oder das Kart beim Fall zu beschädigen. Es macht für den normalen Gebrauch aber einen recht robusten Eindruck. 

Um die Fahrt in unseren Räumlichkeiten aufregender zu gestalten, setzt die Software allerlei Spielereien und Grafikfilter ein, die das Treiben gewohnt bunt gestalten. So sammeln wir diverse virtuelle Items wie Bananen oder Panzer ein, die wir gegen unsere Gegner einsetzen können, weichen Feuerballstäben aus, umfahren herumspukende Geister oder werden von Sandstürmen von der Bahn gefegt. Auf dem Bildschirm ist also eine ganze Menge los. Auch unser echtes Kart reagiert dementsprechend passend, indem es beispielsweise bei einem Abschuss stoppt oder zur Seite gelenkt wird - coole Idee. 

In Kombination mit echten Hindernissen, die wir im Raum nach Belieben verteilen können, lassen sich insgesamt herrlich abgedrehte Strecken fahren. Die spielerischen Ansprüche sollten aber geringer gesetzt werden als bei einem Mario Kart 8 Deluxe: Klar, das AR-Prinzip ist eine witzige, neuartige Idee, die für einigen Spaß sorgt und dazu anregt, verrückte Dinge auszuprobieren, das Fahrgefühl ist beim "echten" Racing-Game aber ausgereifter und die gebotenen Inhalte und die sich daraus ergebende Abwechslung sind dort ebenfalls höher. Das alles macht sich vor allem auf längere Sicht bemerkbar.

Um über längere Zeit dennoch zu motivieren, lassen sich in Mario Kart Live: Home Circuit nach und nach zahlreiche Dinge wie Skins, neue Designs für unser virtuelles Kart oder neue Modi für unseren Kursbau-Modus freischalten. Nichts Weltbewegendes, aber ein netter Zusatz als Anreiz für individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und um fleissig die auf den Strecken verteilten Münzen zu sammeln. Ob neben Luigi und Mario irgendwann auch andere Fahrer angeboten werden, ist noch nicht bekannt. Die Chancen stehen aber sicherlich nicht schlecht, wenn sich das Ganze als Erfolg erweist.

Fazit

"Mario Kart Live: Home Circuit" setzt eine kreative Idee weitestgehend kompetent um und sorgt so für ordentlichen Aufbau- und Racing-Spaß in der Wohnung, der sich schnell und leicht umsetzen lässt. Vorausgesetzt, es ist genügend Platz vorhanden, sonst kann die räumliche Begrenzung schnell den Spaß verderben. Mit einigen kleinen technischen Einschränkungen wie der knappen Reichweite zwischen Kart und Konsole muss man ebenfalls vorliebnehmen. Dass sich Nintendo aber stets an neuen spannenden Dingen wie diesem Spielzeug-AR-Videospiel-Mix ausprobiert, ist zweifelsohne eine feine Sache, die Interessierte ruhig ausprobieren sollten.

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