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RestlessKid

Kritik von RestlessKid

Der Schlag in die Fresse oder: Der gemeine Mensch

"Ich habe bestimmt keine Rassen-, Standes- oder religiöse Vorurteile. Es genügt für mich, zu wissen, jemand ist ein Mensch - schlimmer kann er nicht sein." (Mark Twain)


Unglaublich, dass Boiling Point erst eine Freigabe ab 18 Jahren erhalten hat. Man hat diesen Film doch nicht etwa als Gewaltverherrlichung missverstanden!?
Sicher, der Film konzentriert sich darauf, zu zeigen, wie Menschen aufgrund eigener Schuld, aber auch schuldlos, „in die Fresse kriegen“.

Aber der Vorwurf der Gewaltverherrlichung, sollte dieser denn wirklich aufgekommen sein (ich will niemanden anschwärzen, aber die FSK begründet Freigaben ab 18 nun einmal nicht), ist unsinnig. Man wirft den Machern von Komödien, deren Witz auf Schadenfreude beruht, darauf, dass einer auf einer Bananenschale ausrutscht, auch keine Gewaltverherrlichung vor. (auf einer bananeschale auszurutschen kann mächtig wehtun).

Und Boiling Point ist kein blutrünstiger Actionfilm, vor dem wir unsere Kinder schützen müssten, sondern im Grunde eine eigentlich völlig normale Situationskomödie, nichts weiter. Nur hat Takeshi „Ich-schlag-dir-in-die-Fresse-“ Kitano die Bananenschale, auf der einer ausrutscht und worüber sich die anderen (auch du, du böser Zuschauer, du!) sich kranklachen und ihre Schenkel kaputt klopfen, durch eine Faust im Gesicht ersetzt. Oder durch eine Bierflasche auf dem Kopf. Oder eine Pistolenkugel im Kopf.

In der Schule lernen wir solche Dinge wie Höflichkeit, Empathie, Geduld, Verständnis und generell gute Umgangsformen. Wenn man jemanden anrempelt, beleidigt oder versehentlich verletzt, dann entschuldigt man sich höflich und erklärt vielleicht noch, wie es du dem Missgeschick kommen konnte. Zeigt sich das Gegenüber ebenso zivilisiert und anständig, akzeptiert es die Entschuldigung und die Sache ist gegessen. Vielleicht geht man dann sogar noch einen trinken oder (wenn es sich um Mann und Frau handelt) ins Bett (oder auf die Parkbank, auf den Rücksitz eines Autos, auf den Schreibtisch, in die Besenkammer oder sonst wohin).

Lehrbeispiel:

„Oh, entschuldigen Sie, dass ich Sie angerempelt habe. Ich habe mich heute an der Arbeit wohl etwas überarbeitet und war mit meinen Gedanken immer noch bei der Arbeit, zumal ich mein heutiges Pensum an Arbeit nicht geschafft habe und noch Arbeit mit nach Hause nehmen "wollte" (so sieht es mein Chef) bzw. "musste" (so sehe ich‘s). Und dann ist für morgen auch noch von Mehrarbeit die Rede. Ach, entschuldigen Sie vielmals meine Unachtsamkeit, aber die Arbeit!“

„Kein Problem, oh wertvoller Mitbürger unserer solidarischen Gemeinschaft! So was kann doch mal vorkommen. Sie gehen jetzt so schnell wie möglich nach Hause, nehmen ein langes, heißes Bad und vergessen die Arbeit und genießen den Rest des Tages.“

„Vielen Dank für Ihr Verständnis!“

„Kein Problem. Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen!“

„Danke, ebenfalls!“

Vorhang, Applaus.

In der Realität „da draußen“ (du weißt schon, wo der „gemeine“ Mensch einer Sache namens Arbeit hinterherhetzt; und Arbeit… du weißt schon: diese Sache, der (zu) viele Menschen mit Unlust nachgehen, die für (zu) viele Menschen die Zeit ist, in der es nichts zu lachen gibt, in der (zu) viele Menschen (zu) viele Tränen vergießen, vielleicht sogar die meisten Tränen in ihren (zu) kurzen Leben sinnlos wegheulen) lernt man vor allem, dass man sich diese Tugenden in den #!@?!&$! Stecken, schieben oder drücken kann.

Anstand ist da draußen, wo die Menschen rumferkeln, eine Fremdsprache. Gewalt ist die Hauptsprache. Arrogant ist der Mensch, asozial und gemein. Und sowieso sind immer die anderen schuld. Nahezu besessen von der eigenen Unfehlbarkeit und Wichtigkeit unserer Person, verpassen wir ungern eine Gelegenheit, um uns und unsere (scheinbaren) Fähigkeiten und unsere (scheinbare) Intelligenz über die der anderen zu stellen und die anderen zu erniedrigen, ihr Selbstbewusstsein zu zerstören und was uns sonst noch so einfällt (töten z.B.), fangen aber selbst an, wie kleine Kinder zu plärren, wenn wir umgekehrt von den anderen erniedrigt und gekränkt werden.

Beispielsituation I
Eine Frau kommt in die Karaoke-Bar, die ganz ansehnlich und sauber zu sein scheint und will die Toilette benutzen. Die Toilette scheint ein einem annehmbaren Zustand zu sein, aber dennoch den Maßstäben eines solchen Wohlstandsmädels (wer weiß, welche großbourgeoisen Verhältnisse sie sonst gewohnt ist) nicht gerecht zu werden. Statt den Barbesitzer direkt, aber diskret und höflich darauf anzusprechen, ob man die Toilette nicht doch etwas sauberer halten könnte, fällt sie mit der Tür ins Haus und meint, der Gestank der Toilette würde ihr die Luft zum Atmen nehmen.

Der Barbesitzer, mit einem Aschenbecher in der Hand: „Dann geh doch in die Büsche!“ Und schon landet die Hand mit dem Aschenbecher in dem Gesicht der Frau und sie sitzt am Boden, mit einer blutenden Nase und heult rum.

Vorhang, Applaus.

Ob das Verhalten des Barbesitzers richtig war, ist erst einmal Nebensache. Denn dass seine Faust (mit dem Aschenbecher) in ihrem Gesicht landet, ist doch eigentlich ihre Schuld. Wenn Sie den Mut zur Freundlichkeit gehabt hätte, wäre vielleicht eine vernünftige Diskussion entstanden und der Barbesitzer hätte sich die Kritik vielleicht zu Herzen genommen.

Jeder Mensch ist frei, auch im Sinne von: "Macht doch, was ihr wollt, aber heult hinterher nicht rum!" Boiling Point ist ein Film über diese Art von Freiheit. Ein Film über die Freiheit, die große Fresse haben zu dürfen und andere beleidigen und verletzen zu dürfen; aber auch über die Freiheit der Opfer, sich zu wehren. Natürlich kannst du einem Barbesitzer vorwerfen, dass seine Toilette stinkt, aber wenn dann seine Faust in deinem Gesicht landet, ist das in erste Linie erst einmal deine Schuld. Natürlich kannst du dich weigern, als Motorradfahrer einen Helm zu tragen; nur heul nicht rum, wenn du schon nach wenigen Metern einen Unfall baust und mit kaputter Fresse (und kaputtem Motorrad) auf der Straße hockst. Daran bist du in erster Linie selbst schuld. Es hätte auch anders kommen können.

Und natürlich darfst du dich als Geschäftsmann (bzw. wie man in Japan auch sagt: Yakuza) groß aufspielen, das Verständnis der Gesellschaft ist auf deiner Seite. Du hast Geld, du hast Prestige, du hast Einfluss, also hast du auch die Vorfahrt (um es mit Jean-Luc Godard zu sagen). Niemand wird dich dafür belangen, wenn du als „hard working“ Geschäftsmann (also: hard killing Yakuza), der wirtschaftlich und gesellschaftlich vollständig integriert ist, eine kleine, unbedeutende Tankstelle ausnehmen willst, weil der faule, unhöfliche (d. h. nicht arschkriechende) Hilfstankwart des Hilfstankwarts dir den Arm „gebrochen“ hat (eigentlich nur angeboxt, sodass noch nicht einmal ein blauer Fleck entstehen dürfte; aber mit der Wahrheit nehmt ihr es ja nicht so genau). Nur wundere dich nicht, wenn dieser unscheinbare Hilfstankwart des Hilfstankwarts zurückschlägt und plötzlich einen mit Benzin beladenen LKW in dein "Büro" (so nennt die Yakuza ja ihre Scheißhäuser) steuert und du stirbst.

„Etwas ist faul im Staate Japan und Takeshi Kitano traut sich, das auszusprechen“, urteilte Nippon TV über den Film. Stimmt.

Das Leben ist nicht fair. Auch so eine Sache, die wir so langsam in der Schule (des Lebens) lernen.Anhand von Masaki z.B. Eigentlich ist es doch ganz einfach: Im Leben gibt es keine Ziele, die man erreichen muss, sondern nur Möglichkeiten, die man nutzen kann. Werde dir bewusst, was du kannst und du weißt, was du willst. Werde dir bewusst, was du willst, und du weißt, wohin du willst. Schön gesagt, aber das Problem ist: Masaki weiß gar nichts. Er ist mittendrin in der Gesellschaft und doch ganz untendrunter; einer, der immer zum Schluss an der Reihe ist. Ein dysthymischer Charakter, der sich zwar bewusst ist, dass sein Leben nicht seinen Vorstellungen entspricht, der aber auch nicht die Kraft hat, daraus auszubrechen. Die typischen Folgen: sozialer Rückzug, Introversion. Seine soziale Kommunikation beschränkt sich wirklich nur auf das Notwendigste, d. h. seine Arbeit. Zwar ist Masaki auch in einer Baseballmannschaft integriert, aber die Tatsache, dass er kaum über die Regeln Bescheid weiß und die Mannschaft deswegen um einen Sieg bringt, zeugt davon, wie wenig Freude er auch an dieser Tätigkeit hat. Von erfüllenden Hobbies kann auch nicht die Rede sein. Er hat auch so etwas wie Freunde, aber ... reden wir nicht davon...

Es mag also sein, das Masaki ein richtiger Langweiler ist, ein Loser, wenn man so will. Aber er hat wenigstens Anstand, er ist ein guter Junge. Er ist weder arrogant, noch bösartig. Er stellt keine großen Ansprüche an das Leben. Er ist ein Slacker, der sich mit dem zufrieden gibt, was er hat, aber genau diese Lebenseinstellung wird immer stärker von Karrierismus und Fortschrittsgläubigkeit verdrängt (wovon ausgerechnet die wahren Asozialen, die Yakuzas, profitieren). Für Gemütlichkeit ist einfach kein Platz mehr.

Kitano ist allerdings kein Filmemacher, der die Menschen belehren will. Schon seine Arbeit als Komiker zeigt, dass er Spaß daran hat, den „gemeinen“ Menschen „liebevoll“ zu veralbern und lächerlich zu machen. Wie viele reuegeplagte Japaner es wohl gibt, die sich in Grund und Boden schämen, bei Takeshi’s Castle (Ja, genau dieser Takeshi ist das) mitgemacht zu haben und sich nun sagen: „Wenn ich diesem Kitano noch einmal begegnen sollte, dann..."?

Kitano ist zwar enttäuscht vom "gemeinen“ Mensch, macht aber das Beste daraus: Einen Film; eine Komödie. Ein Drama hat dieses menschliche Kasperletheater nicht verdient. Kitano gibt einen lakonischen und sparsam inszenierten, dafür aber brüllend komischen Blick frei auf die Unfähigkeit des Menschen, Konflikte vernünftig und friedlich zu lösen (wozu, nur mal nebenbei, eigentlich auch schon Kinder fähig sind) und stellt die Spezies des „gemeinen“ Menschen mit ihrer Arroganz und ihrem fehlenden Mitgefühl, was irgendwann zwangsläufig in Gewalt enden muss, bloß.

Eine besondere Stellung, nämlich als Dummies, bekommen die Yakuzas in seinen Filmen. In einem Kitano-Special, dass in der Sendung Tracks von arte gezeigt wurde, äußerte sich Kitano einmal sinngemäß so, dass er zwar Verständnis dafür hat, wenn jemand aus sozialer Not heraus zu den Yakuzas gehen will (lieber Yakuza als arm), er aber dennoch die Yakuza als Dreckskerle ansieht und dementsprechend geht er mit diesen auch in seinen Filmen um. Das meiste gibt es bei Kitano zu lachen, wenn die Yakuza „in die Fresse kriegen“.

Beispielsituation II:

Uehara sitzt mit Masaki, seinem Begleiter und seiner Begleiterin (Nutte oder Freundin; sooo viele Unterschiede gibt es da auch wieder nicht; für ihn, meine ich) und hört bzw. erduldet die Karaokevorstellung von Masakis Freund. Zwei Yakuzas aus Ueharas Klan treten ein, setzen sich und bestellen dasselbe wie immer (wahrscheinlich reichlich Alkohol).

Yakuza I kann es sich nicht verkneifen, Uehara anzumachen: „Uehara, wenn du genug geld für diese Bar hast, wie wäre es dann, wenn du deine Schulden zurückzahlen würdest.“

Beeindruckt und stolz auf sich (obwohl Eigenlob stinkt) belässt er es dabei. Uehara hingegen nimmt eine Bierflasche und zerdeppert sie auf dem Kopf von Yakuza II. Yakuza I will aufstehen, wird aber von Ueharas Begleitung mit drei (hörbaren) Schlägen ausgeknockt. Die Kamera bewegt sich zurück zu Uehara, der unbeeidruckt wieder Platz nimmt. Nach ein paar Sekunden nimmt Uehara eine weitere Bierflasche und zerdeppert sie erneut auf dem Kopf von Yakuza II. Yakuza I will erneut aufspringen, aber schon ist Ueharas Begleiter wieder zur Stelle und wieder sind drei gezielte Schläge zu hören und auch Yakuza I liegt wieder darnieder. (Wohlgemerkt, alles in einer einzigen Einstellung gefilmt: https://www.youtube.com/watch?v=tpoDlklVvjE)

Vorhang, Applaus.

Unser Mitleid hält sich in Grenzen. Sind ja nur Yakuzas. Genau wie Uehara. Kitano ist nämlich auch ein moralischer Filmemacher und lässt am Ende auch Uehara (nicht ganz so friedlich) entschlummern. Ein Yakuza ist ein Yakuza ist ein Yakuza ist … baka-yarō. Wie auch schon sein Vorgänger Violent Cop und sein Nachfolger Sonatine, oder seine jüngere Outrage-Trilogie endet Boiling Point mit der wohl einfachsten Lösung, sodzusagen als Schlusspointe: Alle sind tot.

Oder!? Und die Moral von der Geschicht? Steh auf und kämpfe, kleiner Mann!? Mhm, das wusste wohl Kitano auch nicht so recht. Ist aber egal, so konnte er uns ein zwar nicht ganz so originelles, aber stimmungsvolles Ende präsentieren und lässt den Zuschauer mit der Frage stehen, ob das Ganze tatsächlich geschehen ist oder doch nur eine Rachefantasie von Masaki war.

Ein Film, der trotz bzw. gerade wegen all der Banalität, der Brutalität und des Zynismus einen vielleicht übertriebenen, aber dennoch authentischen Einblick in das Wesen des gemeinen Menschen gibt.

Vorhang, Applaus

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