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Kinematograph

Kritik von Kinematograph

Gesehen: Mai, 2011

Der Typ


"Frau und Erlauchte: sicher kränken wir oft Frauen-Schicksal das wir nicht begreifen.

Wir sind für euch die Immer-Noch-Nicht-Reifen für euer Leben, das, wenn wir es streifen

Ein Einhorn wird, ein scheues, weißesTier, das flüchtet...

Und sein Bangen ist groß,

Dass ihr es selber - wie schlank es entschwindet - nach vielem Traurig-Sein erst wiederfindet,

Noch immer schreckhaft, warm und atemlos."

(Rainer Maria Rilke)

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Es sind die Worte von Rainer Maria Rilke, mit denen Fabo (Stipe Erceg) in einer Bar versucht mit der Tresenfrau an schnellen Sex auf der Toilette zu kommen. Rücksichtslos, unverschämt arrogant, dabei aber gleichzeitig verletzlich poetisch selbsthassend wird der Typ an der Bar, den wir anschließend weiter durch die Frankfurter Nacht begleiten werden. Mitte 20 oder Anfang 30 mag dieser Kerl sein. Seine Mutter ist gestorben. Mehr erfährt der Betrachter nicht. Nichts über einen Beruf, nichts über seine Herkunft. Fabo sagt nur, "in letzter Zeit" laufe es nicht so richtig gut. Schnell entsteht der Eindruck: "In letzter Zeit" meint eigentlich sein ganzes Leben.

Patrick Tauss ist mit "Der Typ" ein kleines Meisterwerk gelungen. Prägnant und knapp verdichtet der Regisseur die Befindlichkeiten eines jungen wütenden Mannes, der irrlichternd durch die Nacht irrt. Die zugrundeliegende Dramaturgie des Films erzeugt den Eindruck, es gäbe keinen Anfang und kein Ende. Wir finden uns mitten im Geschehen. Durch das Fehlen einer Background-Story entsteht eine Präsenz, ein Hier und Jetzt, welches uns Zuschauerinnen und Zuschauer sehr achtsam werden lässt. Achtsam für die Figur des unbekannten Fabo, der uns so fremd und gleichzeitig so nah ist. Aber auch achtsam für die Gegenwart im Film und allen weiteren (fast) namenlosen Gestalten, die Fabo und uns begegnen.

Zurecht wurde der Film eine Diplomarbeit für die Filmakademie Baden-Württemberg auf der Berlinale 2004 in der Kategorie "Perspektive Deutsches Kino" offiziell "lobend erwähnt".  Die Geschichte wird flott transportiert, in dunklen, atmosphärischen Bildern. Und doch verweilt die Kamera im richtigen Moment lange genug auf den Gesichtern. Sie schafft Nähe und Wahrhaftigkeit zwischen Fabo und den Menschen, denen er begegnet. Denn neben Krawallmachern wie einen Alt-Nazi und einer Schlägertruppe, an denen sich Fabos Aggresssivität entzündet, trifft er auch auf die Guten, die Hilfsbereiten, die seine sensible Seite zum Vorschein bringen. Es sind diese überzeugenden Nachtgestalten, von denen der Film lebt. Figuren wie Horst, ein ramponierter gealterter Transvestit, der Fabo adoptieren möchte. Oder die Krankenschwester Svenja, die mit ihrer Herzenswärme und Ruhe einen echten, doch letztlich ungenutzten Rettungsanker verkörpert.

Noch vor seinen Durchbruch mit "Die Fetten Jahre Sind Vorbei", der ebenfalls im Jahr 2003 entstand, spielte Stipe Erceg die Hauptrolle in "Der Typ". Und der 1974 geborene Schauspieler gibt diesen manischen Grenzgänger mit starker physischer Präsenz. Allein das Gesicht der schwindsüchtige Blick, die markanten Wangenknochen scheint prädestiniert, um solch einen Selbstzerstörer darzustellen. Erceg zeigt Fabo als komplexen Charakter zwischen Wut, Trauer und hohem Nerv-Potenzial, aber auch mit Charme, Humor und Mitgefühl.

Wenn dann aus den Lautsprechern in der Bar, oder aus dem Off ein Chanson von Helmuth Brandenburg zu hören ist: "Du Schaust Mir Viel Zu Tief In Die Augen" , dann wird die nächtliche Großstadt-Poesie nochmals musikalisch unterstrichen.


Fazit:

Der Kurzspielfilm "Der Typ" ist die bemerkenswerte Abschlussarbeit des Regisseurs Patrick Tauss. Er erzählt darin die kompromisslose, selbstzerstörerische Reise eines jungen Mannes in die urbane Nacht Frankfurts. Die mit viel Selbsironie und einer gewissen melancholischen Meditation erzählte Großstadtgeschichte wid vor allem von dem großartigen, authentisch wirkenden Hauptdarsteller Stipe Erceg getragen. Die skurrilen Nebenfiguren und die vielen inszenatorischen Einfälle, machen den Kurzfilm zu einem außergewöhnlichen sinnlichen, wenn auch radikalen und schmerzhaften Drama. Gerne würde man nach Ende der 50 Minuten noch weiter mit Fabo durch die Nacht ziehen. Da überkommt einem beim Abspann doch etwas Wehmut.


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