Bildnachweis: © Universal | Szene aus "Fast & Furious 8"

MB-Meinung: Vin Diesel nervt mit "Fast Forever" – und verspielt seinen größten Trumpf

von Sebastian Groß

Man muss einfach mögen. Wirklich. Der Mann kämpft seit Monaten mit einer Hingabe für Fast Forever, als hinge das Schicksal der Menschheit davon ab, ob Dominic Toretto noch ein letztes Mal "Family" sagen darf. Während hinter den Kulissen offenbar noch längst nicht alles in trockenen Tüchern ist und ein Kinostart im Frühjahr 2028 zunehmend optimistisch wirkt, befindet sich Diesel längst in der nächsten Werbephase.

Sein jüngster Instagram-Post ist dafür das perfekte Beispiel. Er habe das Drehbuch gelesen, erklärte der Schauspieler, und es sei das beste Script, das er seit Jahrzehnten in den Händen gehalten habe. Außerdem würde er deswegen noch immer weinen.

Nun gut. Diesel weint gefühlt auch, wenn jemand "Familie" sagt.

Vin Diesel verschätzt sich bei seiner Glaubwürdigkeit

Das Problem ist dabei längst nicht mehr die Aussage selbst. Natürlich würde niemand erwarten, dass der Produzent seines eigenen Milliarden-Franchises schreibt: "Ist ganz okay geworden. Mal sehen." Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, dass man ihm diese Lobeshymnen inzwischen einfach nicht mehr abkauft.

Lange wirkte Diesel wie der leidenschaftliche Hüter der Reihe, der alles für die Fans und seine große "Family" tut. Doch spätestens die vergangenen Jahre haben dieses Bild zunehmend bröckeln lassen. Hinter den Kulissen gab es immer wieder Berichte über Machtkämpfe, kreative Differenzen und persönliche Eitelkeiten. Dass Diesel als Produzent wirtschaftliche Interessen verfolgt, ist weder überraschend noch verwerflich. Fast & Furious ist sein Lebenswerk und gleichzeitig seine wichtigste Einnahmequelle. Trotzdem entstand immer häufiger der Eindruck, dass im Zweifel zuerst das eigene Ego und erst danach die Fans auf dem Beifahrersitz Platz nehmen dürfen.

Ganz unverständlich ist das allerdings auch nicht.

So eng wie Diesel mit Fast & Furious verbunden ist, ist Arnold Schwarzenegger bis heute mit Terminator oder Sylvester Stallone mit Rocky. Selbst bei einem Ensemble, das mittlerweile halb Hollywood umfasst, bleibt Diesel das Gesicht der Marke. Dass er sie mit aller Kraft verteidigt, gehört beinahe zur Jobbeschreibung.

Nur sollte man dabei nicht vergessen, dass übertriebene Eigenwerbung irgendwann ihren gegenteiligen Effekt erzielt.

Das Script könnte wirklich gut sein, aber es bleibt halt "Fast Forever"

Dabei spricht durchaus einiges dafür, dass Fast Forever tatsächlich besser werden könnte als viele erwarten. Das Drehbuch stammt von Michael Leslie. Dessen Vita ist deutlich vielseitiger, als manche vermuten würden. Er schrieb das Skript zur wenig erfolgreichen Neuverfilmung von Assassin's Creed, war aber ebenso an den neuen Die Tribute von Panem-Prequels beteiligt. Außerdem adaptierte er Macbeth aus dem Jahr 2015 und arbeitete an der jüngsten modernisierten Hamlet-Verfilmung mit Riz Ahmed. Das ist alles andere als die Filmografie eines Autors ohne Talent.

Vielleicht hat Diesel also tatsächlich ein starkes Drehbuch gelesen.

Vielleicht.

Nur leidet jede noch so euphorische Aussage darunter, dass Diesel seit Jahren beinahe jede Neuigkeit über Fast & Furious als weltbewegendes Ereignis verkauft. Irgendwann nutzt sich selbst die größte Begeisterung ab.

Echte Emotionen gab es leider nur wegen einer Tragödie

Das gilt leider auch für die emotionale Seite der Reihe. Fast & Furious behandelt Gefühle inzwischen genauso maßlos wie seine Action. Wo früher Straßenrennen stattfanden, fliegen heute Autos durchs Weltall. Und wo früher Freundschaften entstanden, werden heute Familienreden gehalten, als hätte jemand das Pathos auf Anschlag gedreht.

Die einzige Emotion, die sich wirklich unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt hat, entstand deshalb ausgerechnet außerhalb der Leinwand. Der Tod von Paul Walker machte den Abschied von Brian O'Conner in Fast & Furious 7 - Zeit für Vergeltung zu einem Moment, der ehrlich war, weil ihn niemand inszenieren musste.

Gerade deshalb missfallen auch Diesels wiederkehrende Andeutungen, Walker beziehungsweise Brian mithilfe digitaler Effekte für das Finale zurückzubringen. Sicher steckt dahinter der Wunsch, einem Freund noch einmal Tribut zu zollen. Doch genau darin liegt das Problem: Der Abschied funktionierte gerade wegen seiner Endgültigkeit. Eine digitale Rückkehr würde weniger wie eine liebevolle Hommage wirken als wie der Versuch, einen der emotionalsten Momente des gesamten Franchises noch einmal zu monetarisieren.

Und genau hier liegt das Dilemma von Diesel.

Zwischen Family und Ego: Wohin steuert Vin Diesel wirklich?

Niemand wird Diesel absprechen, dass ihm Fast & Furious am Herzen liegt. Wahrscheinlich liebt niemand diese Reihe mehr als er selbst. Gleichzeitig fällt es immer schwerer zu glauben, dass jede Entscheidung ausschließlich aus Liebe zur "Family" getroffen wird. Dafür war in den vergangenen Jahren zu oft erkennbar, dass wirtschaftliche Interessen und das eigene Vermächtnis mindestens genauso wichtig sind.

Und seien wir ehrlich: Der Autor dieser Zeilen dürfte kaum der Einzige sein, der das Gefühl hat, dass Diesel der kommerzielle Misserfolg des letzten Films gewaltig wurmt. Blöd nur, dass Fast X mit einem gigantischen Cliffhanger endet, Universal aber offenbar nicht mehr bereit ist, für den Abschluss erneut ein völlig ausuferndes Budget freizugeben. Stattdessen heißt es nun, Fast Forever solle wieder "back to the roots" gehen.

Nur wie soll das bitte aussehen? Dom Toretto rast mit seinem Sohn auf dem Beifahrersitz einer explodierenden Staumauer davon. Schnitt. Im nächsten Moment klaut er wieder DVD-Player von Lastwagen in Los Angeles? Ganz ehrlich: Das klingt fast schon wieder herrlich bescheuert – und irgendwie sogar ziemlich unterhaltsam. Es würde zumindest perfekt zu einer Reihe passen, deren Markenzeichen längst nicht mehr Realismus, sondern eskalierender Humbug ist.

Trotzdem gilt: Langweilig wird es mit Diesel nie. Selbst wenn Fast Forever am Ende später erscheint als geplant, wird er vermutlich schon vorher mindestens dreimal verkünden, das beste Drehbuch aller Zeiten gelesen zu haben. Und irgendwie gehört dieses herrlich überdimensionierte Selbstverständnis inzwischen genauso zu Fast & Furious wie Autos, Explosionen, Männer ohne Haupthaar und eiskalte Coronas.

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