Bildnachweis: © Berlinale 2026

Eklat bei der Berlinale?: Filmschaffende werfen Festival Zensur im Gaza-Konflikt vor – Offener Brief sorgt für Aufsehen

von Sebastian Groß

Mehr als 80 aktuelle und ehemalige Teilnehmerinnen der Berlinale haben sich mit einem offenen Brief an das Filmfestival gewandt. Darin werfen sie der Veranstaltung vor, im Hinblick auf den Gaza-Krieg zu schweigen und Stimmen von Künstlerinnen, die sich öffentlich äußern, zu marginalisieren.

Offener Brief sorgt bei der Berlinale 2026 für politische Debatte

Zu den Unterzeichnerinnen zählen international bekannte Filmschaffende wie Tilda Swinton, Javier BardemTatiana Maslany, Peter Mullan, Mike Leigh, Lukas DhontAdèle Haenel, Brian CoxCarice Van Houten, Alia Shawkat und Adam McKay, um nur einige zu nennen. In dem Brief fordern sie von Institutionen der Filmbranche eine klare Haltung gegenüber der anhaltenden Gewalt im Gazastreifen. Man erwarte von kulturellen Einrichtungen, so heißt es sinngemäß, dass sie sich nicht mitschuldig machten, indem sie zu den Vorgängen schwiegen.

Die Veröffentlichung fällt in eine Phase, in der politische Fragen die 2026er-Ausgabe der Berlinale prägen. Für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgten Äußerungen von Jurypräsident Wim Wenders bei der Auftaktpressekonferenz. Auf Fragen zum Gaza-Krieg und zur Haltung der deutschen Bundesregierung, die das Festival maßgeblich finanziert, erklärte er, Filmschaffen sei „das Gegenteil von Politik“ und man solle sich aus politischen Debatten heraushalten. Nach teils heftiger Kritik veröffentlichte Festivalleiterin Tricia Tuttle eine Stellungnahme. Darin betonte sie, Künstler*innen könnten nicht verpflichtet werden, zu sämtlichen politischen Diskussionen rund um frühere oder aktuelle Entscheidungen eines Festivals Position zu beziehen.

Die Verfasserinnen des offenen Briefs widersprechen dieser Sichtweise ausdrücklich. Film und Politik ließen sich nicht voneinander trennen, argumentieren sie. Zudem verweisen sie auf eine wachsende internationale Bewegung innerhalb der Branche: Mehr als 5.000 Filmschaffende hätten sich demnach geweigert, mit israelischen Filmfirmen oder Institutionen zusammenzuarbeiten, denen sie eine Mitverantwortung zuschreiben. Abschließend fordern die Unterzeichnerinnen die Berlinale auf, sich klar gegen das Vorgehen Israels im Gazastreifen zu positionieren und jede Form der Unterstützung oder Abschirmung gegenüber Kritik zu beenden. Hier der offene Brief, den wir euch übersetzt haben.

Offener Brief an die Berlinale — 17. Februar 2026

Wir schreiben als Filmschaffende, allesamt aktuelle oder ehemalige Teilnehmerinnen der Berlinale, die von den Institutionen unserer Branche erwarten, dass sie sich nicht mitschuldig machen an der schrecklichen Gewalt, die weiterhin gegen Palästinenserinnen verübt wird. Mit Bestürzung nehmen wir zur Kenntnis, dass die Berlinale an der Zensur von Künstlerinnen beteiligt ist, die sich gegen den anhaltenden israelischen Völkermord an den Palästinenserinnen in Gaza und gegen die zentrale Rolle des deutschen Staates bei dessen Unterstützung aussprechen. Wie das Palestine Film Institute erklärte, habe das Festival „Filmemacher*innen überwacht und zugleich weiterhin mit der Bundespolizei bei deren Ermittlungen kooperiert“.

Im vergangenen Jahr berichteten Filmschaffende, die sich von der Berlinale-Bühne aus für palästinensisches Leben und Freiheit einsetzten, sie seien von leitenden Festivalprogrammiererinnen scharf gerügt worden. Berichten zufolge wurde gegen einen Filmemacherin polizeilich ermittelt, und die Festivalleitung stellte die bewegende, im Völkerrecht und in Solidarität begründete Rede fälschlicherweise als „diskriminierend“ dar. Wie eine weiterer Filmemacherin gegenüber Film Workers for Palestine über das letztjährige Festival sagte: „Es lag ein Gefühl von Paranoia in der Luft, davon, nicht geschützt zu sein und verfolgt zu werden – etwas, das ich auf einem Filmfestival noch nie zuvor erlebt habe.“ Wir stehen an der Seite unserer Kolleg*innen und weisen diese institutionelle Repression sowie den anti-palästinensischen Rassismus entschieden zurück.

Mit Nachdruck widersprechen wir der Aussage des Jurypräsidenten der Berlinale 2026, Wim Wenders, Filmemachen sei „das Gegenteil von Politik“. Beides lässt sich nicht voneinander trennen. Mit großer Sorge beobachten wir, dass die staatlich finanzierte Berlinale dazu beiträgt, das umzusetzen, was Irene Khan, UN-Sonderberichterstatterin für Meinungsfreiheit, jüngst als deutschen Missbrauch drakonischer Gesetzgebung verurteilte – nämlich „die Einschränkung von Fürsprache für palästinensische Rechte, die Abschreckung öffentlicher Beteiligung und die Verengung des Diskurses in Wissenschaft und Kunst“. Auch Ai Weiwei beschrieb dies kürzlich als ein Deutschland, das „tut, was es in den 1930er Jahren getan hat“ – und stimmte damit einem Interviewer zu, der von „dem gleichen faschistischen Impuls, nur mit einem anderen Ziel“ sprach. All dies geschieht zu einem Zeitpunkt, an dem neue erschütternde Details über 2.842 Palästinenserinnen bekannt werden, die durch den Einsatz international geächteter, in den USA hergestellter thermischer und thermobarischer Waffen durch israelische Streitkräfte „verdampft“ worden sein sollen. Trotz zahlreicher Hinweise auf eine genozidale Absicht Israels, systematische Gräueltaten und ethnische Säuberungen liefert Deutschland weiterhin Waffen, die in Gaza gegen Palästinenserinnen eingesetzt werden.

International zeichnet sich ein Wandel innerhalb der Filmbranche ab. Zahlreiche Festivals unterstützen inzwischen den kulturellen Boykott eines als Apartheidstaat bezeichneten Israels, darunter das International Documentary Festival Amsterdam, das weltweit größte Dokumentarfilmfestival, ebenso wie das BlackStar Film Festival in den USA und das Film Fest Gent, das größte Festival Belgiens. Mehr als 5.000 Filmschaffende, darunter prominente Persönlichkeiten aus Hollywood und der internationalen Filmszene, haben zudem erklärt, nicht mit israelischen Filmfirmen und Institutionen zusammenzuarbeiten, denen sie eine Mitverantwortung zuschreiben.

Dennoch hat die Berlinale bislang nicht einmal die Forderung ihrer eigenen Community erfüllt, eine Erklärung zu veröffentlichen, die das palästinensische Recht auf Leben, Würde und Freiheit bekräftigt, den fortdauernden israelischen Völkermord an den Palästinenserinnen verurteilt und zusichert, das Recht von Künstlerinnen zu wahren, sich ohne Einschränkungen für palästinensische Menschenrechte einzusetzen. Das ist das Mindeste, was sie tun kann – und tun sollte.

Wie das Palestine Film Institute erklärte, sei man „entsetzt über das institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinenserinnen und über ihre Weigerung, die Meinungs- und Redefreiheit von Filmschaffenden zu verteidigen“. So wie das Festival in der Vergangenheit klare Stellungnahmen zu Gräueltaten gegen Menschen im Iran und in der Ukraine abgegeben habe, fordern wir die Berlinale auf, ihrer moralischen Verantwortung gerecht zu werden, sich unmissverständlich gegen Israels Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen an den Palästinenserinnen zu positionieren und jede Beteiligung daran zu beenden, Israel vor Kritik und Forderungen nach Rechenschaftspflicht zu schützen.

Mehr zur Berlinale bei Moviebreak gibt es hier.

Diese Seite verwendet Cookies. Akzeptieren.