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Inhalt

Die Scheinwerfer und Kameras sind auf Position. Der Moderator blickt noch einmal auf seine Notizen. Die letzten Werbesekunden laufen, noch 5, 4, 3, 2, 1 und die Reality-TV-Show beginnt. Ausgerechnet zum persischen Yalda-Fest der Wintersonnenwende. Zu Gast ist Maryam, eine junge, zum Tode verurteilte Frau. Mit ihr im Studio sitzt Mona, die für sie stets wie eine große Schwester war. Maryam lebte mit Monas Vater in einer Ehe auf Zeit. Angeblich hat sie ihn ermordet. Vor laufender Kamera und Millionen von Zuschauer*innen soll Maryam um Vergebung und ihr Leben flehen.

Kritik

Eine wegen Mordes an ihrem Ehemann verurteilte junge Frau entgeht der Todesstrafe, wenn des Getöteten Tochter ihr vergibt - vor laufenden Kameras. Klingt nach ätzender Mediensatire oder Gesellschaftskritik, ist aber bloß billiges Exploitation-Kino, so zynisch wie die handlungsausfüllende TV-Show. „Diese Art von Reality-Show existiert wirklich in meinem Land!“, behauptet Massoud Bakhshi (A Respectable Family) im Pressematerial seines theatralischen Melodrams, dessen Präsentation noch spekulativer ist als die Prämisse. Systemkritik oder Gesellschaftsanalyse interessieren nicht, nur Quote beziehungsweise Kasseneinnahmen.

Die von Misogynie, Klassismus und archaischen Traditionen definierten Sozialstrukturen, die einem reichen alten Geschäftsmann erlauben, sich die mittel- und praktisch rechtlose Angestellten-Tochter als Zeit-Frau zu kaufen, ist für den Regisseur und Drehbuchautor so selbstverständlich wie das Rechtskonzept von Blutgeld. Das können Angehörige Verurteilter an die des Opfers zahlen, um deren „Freude des Vergebens“ (so der Show-Titel) auf die Sprünge zu helfen. Genugtuung ist ja schön, aber nicht so schön wie eine Finanzspritze.

Besonders, wenn man verschuldet ist wie Mona (Behnaz Jafari, Drei Gesichter), der Schurkin des Schmierentheaters. Das sieht keinerlei Verantwortung bei den in der patriarchalischen Diktatur allmächtigen Männern, die alle um die verurteilte Maryam (Sadaf Asgari) bangen - am meisten der Show-Produzent. Seine Position spiegelt die Bakhshis, der in ihm sein Sprachrohr sieht. Spektakel wie dieses dienten der Rettung von Menschen wie der Verurteilten. Die darf für die Vermarktung ihrer Notlage noch dankbar sein, wie das Kinopublikum Bakhshi.


Fazit

Massoud Bakhshis kalkuliertes Rührstück ist so spekulativ wie die perverse Reality-Show, deren Verlauf die sensationsgierige Handlung verfolgt. Irans inhumanes Rechtssystem und staatlich sanktionierte Misogynie? Kein Problem, solange die Leute sich auf Mitgefühl besinnen. Das Blutgeld des pathetischen Plots übersetzt sich für Bakhshi in Kasseneinnahmen seines eigenen Exploitation-Formats. Groteskerweise läuft das im Berlinale Kinderprogramm, offenbar in der Annahme, niemand überprüfe hier die vom Regisseur behauptete Faktengrundlage. Die vermeintliche reale TV-Show? Gibt’s natürlich nicht.

Autor: Lida Bach

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