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Quelle: themoviedb.org
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Inhalt

36 Jahre verbrachten Alfred Chestnut, Ransom Watkins und Andrew Stewart aufgrund einer Kette rechtsstaatlichen Versagens unschuldig im Gefängnis. Doch auch nachdem der Fall Ende der 2010er neu aufgewickelt wird und die drei Männer freigesprochen werden, verbleiben eine Unzahl an Fragen.

Kritik


Im Jahr 1983 wurde der vierzehnjährige DeWitt Duckett an der Harlem Park Junior High School in West Baltimore von einem Jugendlichen erschossen, dem Vernehmen nach aus dem einzigen Grund, dass DeWitt seine Blausilberne Collegejacke nicht seinem ebenfalls jugendlichen Mörder aushändigen wollte. Dieser kurze Moment auf dem Schulflur führte zu einer der großen Rechtsskandale der jüngeren US-Geschichte, infolge dessen die drei damaligen Highschool-Schüler Alfred Chestnut, Ransom Watkins und Andrew Stewart zu unrecht verhaftet und mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe belegt wurden. Erst 2019, 36 Jahre später, als der Fall neu untersucht wurde und zutage brachte, in welchem Umfang Beweise ignoriert und angebliche Zeugen zu Falschaussagen gedrängt wurden, konnten die drei, mittlerweile als die “Harlem Park Three” bekannt, das Gefängnis als Freigesprochene verlassen. Im darauffolgenden Jahr verklagten sie dann die Polizeibehörde von Baltimore und einigten sich mit dieser schließlich auf einen Rekordvergleich in Höhe von 48 Millionen US-Dollar.

Studien gehen davon aus, dass 4-6% der derzeit Inhaftierten in US-amerikanischen Gefängnissen zu Unrecht eine Strafe absitzen. Hinzu kommt die Todesstrafe, die bundesweit noch immer nicht abgeschafft wurde. Allein im Jahr 2023 gab es 153 Entlastungen, 84% betrafen schwarze Amerikanerïnnen. Es ist ein Phänomen, das hinreichend dokumentiert ist und aus dem sich mittlerweile auch in filmischer Hinsicht ein eigenes Subgenre des True-Crime gebildet hat, bei der der Rechtsapparat selbst als Täter in Erscheinung tritt. Hier kommt Regisseurin Dawn Porter ins Spiel, die sich im Laufe ihrer Karriere bereits zahlreicher Themen rund um das amerikanische Rechtssystem und seine mannigfachen Unzulänglichkeiten angenommen hat, seien es die zunehmenden Beschneidungen der weiblichen Selbstbestimmungsrechte in Trapped, die oft ungewürdigte Arbeit der Pflichtverteidigerïnnen in Gideon’sArmy oder die umfangreiche Analyse der zunehmenden Politisierung des amerikanischen Supreme Courts in der Dokuserie Deadlocked.

Zum Großteil liegt diesen Themen immer auch das Anliegen zugrunde, auf den systemischen Rassismus aufmerksam zu machen, der sich insbesondere in den institutionellen Armen der rechtsprechenden und rechtvollziehenden Gewalt manifestiert. Auch in WhenaWitnessRecants, der HBO-Dokumentation, die ihren Titel der Überschrift eines New-Yorker-Artikels aus dem Jahr 2021 entnimmt, spielt dies eine Rolle, wenngleich sich im Laufe der Spielzeit der titelgebende Zeuge, Ron Bishop, zunehmend ins Zentrum der Narration drängt. Am Ende einer aberwitzigen Entwicklung steht Bishop als derjenige, dessen Falschaussagen einst erst die folgenschwere Fehlverurteilung der Harlem Park Three besiegelte, und sie 36 Jahre später, durch die Einforderung des archivierten, hoffnungslos löchrigen Polizeibericht und dessen Weiterleitung an die gegenwärtige Staatskanzlei, ebenso wieder auf freien Fuß setzt.

Soweit die Ausgangslage, von der man meinen sollte, sie böte genug Stoff für eine filmische Aufarbeitung. Doch weit gefehlt. Nachdem Porter die Eröffnungsszene in einer leeren Lagerhalle ansetzt, in deren Zentrum alsbald Ta-Nehisi Coates auf dem für Dokumentationen so berüchtigten ‘Talking Heads’-Stuhl direkt vor der Kamera Platz nimmt, erfahren wir aus dem Mund des gefeierten Autors von kurzen Einblicken in seine Kindheit in West Baltimore, jener Gegend der “Charm City”, die man seinerzeit schlicht Sandtown zu nennen pflegte. Wie die Gewalt, der er damals, als Kind, begegnete, noch keine wirkliche Bedeutung jenseits einer ästhetischen Wahrnehmung zukam. Diese Rückschau, für sich genommen, ist von gewisser Qualität und verweist auf die luzide Stimme, mit der Ta-Nehisi Coates immer wieder als politischer und gesellschaftlicher Kommentator in die Öffentlichkeit stößt. Allein, was genau ihn, davon abgesehen, mit diesem Fall verbindet, und warum er den Film, der doch eigentlich von Ron Bishop und den Harlem Park Three handelt, eine erzählerische Rahmung gibt, bleibt, wie so viele andere narratologische wie formale Entscheidungen Dawn Porters, unklar.

Die Animationen etwa, die wiederholt für Reenactment-Szenen bemüht werden, wirken gänzlich fehlgeleitet. Einmal abgesehen vom generischen Graphic-Novel-Stil (in den Credits wird ein Zeichner gelistet, allerdings würde es kaum weiter verwundern, stellte sich dieser in der Recherche als AI-Agent heraus), verhalten sich die unbeweglichen, schwarzweißen Panel, in die während der Reenactment-Szenen hineingezoomt wird, wie ein Fremdkörper im Verhältnis zum Rest des Gezeigten. Hinzu kommt, dass die Überblendung der Interviews durch die unpersönliche Qualität der zweidimensionalen Bilder sowohl den Verlust von Spezifität als auch Eindringlichkeit herbeiführt.

Und dann ist noch kein Wort über die fortwährend auf sich aufmerksam machenden Streicher verloren, mit denen Porter versucht, den dramaturgischen Bogen ihrer Narration zu betonen. Dabei wäre es angesichts des Endpunkts, auf den Porter zusteuert, durchaus möglich gewesen, sich ganz der Bizarrerie hinzugeben, die sich angesichts des neu-aufgerollten Falles der Harlem Park Three zunehmend einschleicht. Dann nämlich, als sich Ron Bishops Rolle kristallisiert und er, angesichts der Freilassung Alfred Chestnut, Ransom Watkins und Andrew Stewart, auf ein erstmaliges Wiedersehen nach fast vierzig Jahren pocht. Wie der Geschichte als ganzer, wird Porter allerdings auch diesem so ungeheurem Moment nicht gerecht. Vieles liegt hier am Ende unwiederbringlich in Trümmern, doch ein solches Bild taugt bekanntlich nicht für eine Mainstream-Dokumentation, weshalb als Hoffnungssymbol einmal mehr der Nachwuchs und all die Hoffnung, die man in ihn hineinprojizieren kann, herhalten muss. Dass Ta-Nehisi Coates den Schlusspunkt damit setzt, zu betonen, dass das Mindeste, was man tun könne, sei, den Harlem Park Three ihre Geschichte zu lassen, fügt sich ins Bild dieses über weite Strecken unglücklich erzählten Dokumentarfilms.


Fazit

Die Realität erweist sich schlicht als eine Nummer zu groß in Dawn Porters When a Witness Recants. Zu widersprüchlich, zu umfangreich, zu entsetzlich ist das Gezeigte, als dass man die Ereignisse in das Korsett generischer Musikuntermalung, uninspirierter Reenactment-Animationen und konventioneller Narration zwängen könnte.

Kritik: Patrick Fey

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