Es gibt wohl angenehmere Orte, um seine Zeit zu verbringen, als den Magen eines Pottwals. In Whalefall wird genau dieses Szenario zur Realität und liefert die Grundlage für ein Survival-Drama, das weitestgehend erstaunlich gut funktioniert. Regisseur Brian Duffield (No One Will Save You) macht aus der ungewöhnlichen Idee ein atmosphärisch gelungenen Thrillride, der unter die Haut geht. Doch während der Kampf ums Überleben lange begeistert, geht dem Film ausgerechnet gegen Ende die Luft aus. Und das liegt nicht am Wal.
"Whalefall": Ein Survival-Thriller mit einer ziemlich ungewöhnlichen Idee
Duffield weiß genau, wie er aus der Prämisse Spannung herausholt. Dabei beschränkt sich Whalefall keineswegs auf den schleimigen Bauch des Meeressäugers. Zwischen Jays verzweifeltem Überlebenskampf unter Wasser und den Rückblenden auf seine Vergangenheit wechselt der Film immer wieder die Perspektive. Auch im Inneren des Wals gibt es genug zu entdecken, sodass das ungewöhnliche Setting nicht so schnell seinen Reiz verliert. Dass sich die Handlung dabei mitunter ziemlich schräg ausnimmt, ist kein Nachteil. Im Gegenteil: Wann bekommt man schon einen Film zu sehen, in dem ein Mensch gegen die Verdauung eines Wals ankämpfen muss?
Besonders beeindruckend ist, wie gut die Inszenierung trotz der begrenzten Möglichkeiten funktioniert. Die Unterwasseraufnahmen sind atmosphärisch, die verschiedenen Bereiche im Inneren des Tieres sorgen für Abwechslung. Zwar lässt sich erahnen, dass manche Effekte bei besserer Beleuchtung weniger überzeugend aussehen würden, doch Duffield versteht es, solche Schwächen geschickt zu kaschieren. Die Dunkelheit wird zum Verbündeten des Films. Dazu kommt die beklemmende Vorstellung, den unberechenbaren Gefahren des Meeres ausgeliefert zu sein. Wer beim Blick auf die offene See schon ein ungutes Gefühl bekommt, dürfte hier mehr als einmal schlucken.
"Resident Evil"-Darsteller überzeugt selbst im Magen eines Pottwals
Ein wesentlicher Grund dafür, dass der Überlebenskampf so gut funktioniert, ist Austin Abrams. Als Jay verkörpert der Resident Evil-Star keinen unbesiegbaren Helden, sondern einen ziemlich normalen jungen Mann, dem die Situation sichtlich zusetzt. Seine Verzweiflung wirkt glaubwürdig, sein Wille, irgendwie aus dieser Hölle herauszukommen, ebenso. Abrams bringt eine angenehme Bodenständigkeit mit, die der Geschichte guttut. Man fiebert mit ihm mit, statt bloß darauf zu warten, welche Gefahr sich der Film als Nächstes einfallen lässt.
Josh Brolin darf derweil als Jays verstorbenen Vater auftreten, dessen schwieriges Verhältnis zu seinem Sohn in Rückblenden beleuchtet wird. Als raubeiniger Seebär mit Bart und Tattoos passt er zwar ins Bild, wirkt aber auch wie eine allzu offensichtliche Besetzung. Brolin strahlt derart viel Badass-Attitüde aus, dass es schwerfällt, in ihm ein wahre Vaterfigur zu sehen. Noch problematischer ist allerdings, wie vorhersehbar die Erinnerungen eingesetzt werden. Jay steht vor einem Hindernis, und prompt erinnert er sich an eine Lektion seines Vaters, die ihm bei der Lösung hilft. Irgendwann entsteht beinahe der Eindruck, der Mann hätte seinen Sohn gezielt auf den Tag vorbereitet, an dem er von einem Wal verschluckt wird.
Die Rückblenden sind zwar wichtig, um Jays Vergangenheit und seinen inneren Konflikt verständlich zu machen. Allerdings nehmen sie zu viel Raum ein und bremsen den mitreißenden und teilweise intensiven Überlebenskampf aus. Gerade in der ersten Hälfte zeigt Whalefall, wie viel Spannung sich aus seiner ungewöhnlichen Situation gewinnen lässt. Umso ärgerlicher ist es, wenn die Geschichte sich später selbst im Weg steht.
Das spirituelle Finale kostet "Whalefall" wichtige Punkte
Im letzten Drittel schlägt der Film eine Richtung ein, mit der nicht jeder etwas anfangen dürfte. Die Verbindung zwischen Jay und seinem verstorbenen Vater wird zunehmend spirituell aufgeladen. Zwar lässt sich das als Ausdruck von Jays Einbildung und seinem Bedürfnis nach einem inneren Abschluss verstehen, doch die Inszenierung trägt stellenweise derart dick auf, dass es beinahe kitschig wird. Statt sich auf den Überlebenskampf zu konzentrieren, verliert sich Whalefall in einer emotionalen Überhöhung, die nicht recht zum ansonsten angenehm handfesten Genreansatz passen will.
Auch eine Verfolgungsjagd zwischen dem Pottwal und einer Herde Orcas ist sehenswert umgesetzt, wirkt erzählerisch aber wie ein Ausflug in eine andere Richtung. Die Sequenz beeindruckt optisch, fügt sich jedoch nicht organisch in den bisherigen Verlauf ein. Insgesamt scheint der Film nun stärker darauf bedacht, sein vorbestimmtes Ende zu erreichen, als die Spannung konsequent weiterzuentwickeln.
Das ist schade, denn Whalefall hätte das Zeug dazu, über seine gesamte knappe Laufzeit (ohne Abspann unter 90 Minuten) hinweg zu begeistern. Die ungewöhnliche Prämisse, die atmosphärische Inszenierung und das starke Sounddesign machen den Film zu einem echten Kinoerlebnis. Dass die spirituelle Note im Finale einen Teil der anfänglichen Euphorie zunichtemacht, ändert wenig daran, dass Duffield hier einen eigenständigen und sehenswerten Survival-Thriller abliefert. Wer mit dem emotionalen Überschwang etwas anfangen kann, dürfte sogar noch glücklicher aus dem Kino kommen.