Regisseur Takashi Yamazaki kann einem fast ein wenig leidtun. Mit Godzilla Minus One gelang ihm nicht nur ein weltweiter Erfolg, sondern auch das Kunststück, die legendäre Riesenechse zu einem globalen Filmereignis zu machen, ohne sie kulturell zu verraten. Hollywood versucht sich seit Jahren daran, das Monster als Publikumsmagneten zu etablieren. Doch natürlich (oder gottseidank?) war es eine japanische Produktion, die bewies, wie zeitlos, effektiv und zugleich vielschichtig die Riesenechse sein kann. Der Oscar für die besten visuellen Effekte war der verdiente Lohn. Nun steht Yamazaki mit der Fortsetzung vor einer schwierigen Aufgabe: Er muss die Erwartungen erfüllen, die sein Vorgänger erst geweckt hat. Godzilla Minus Zero gelingt das zumindest teilweise. Die Monsteraction ist erneut beeindruckend, doch diesmal steht sie einem Film gegenüber, der sich mit seiner eigenen Dramaturgie gelegentlich selbst im Weg steht.
Zwischen Drama und Monsterterror
Wir schreiben das Jahr 1949. Japan kämpft noch immer mit den Folgen des Krieges und der Zerstörung, die Godzilla hinterlassen hat. Der ehemalige Kamikaze-Pilot Shikishima (Ryunosuke Kamiki) hat mit Noriko (Minami Hamabe) eine Familie gegründet und eine Tochter adoptiert. Doch die mühsam gewonnene Ruhe währt nicht lange: Eine neue Kaiju-Bedrohung versetzt das Land in Angst, während sich auch Godzilla erneut aus dem Ozean erhebt. Bald wird klar, dass die Menschheit einmal mehr vor einer Katastrophe steht, die ihre bisherigen Möglichkeiten übersteigt.
Wie schon im Vorgänger verbindet Yamazaki das Monsterkino mit den historischen Traumata Japans. Godzilla ist dabei weit mehr als eine gigantische Echse, die Städte verwüstet. Seit dem Original von 1954 steht die Figur auch für die Schrecken atomarer Zerstörung und für die Folgen menschlicher Hybris. Godzilla Minus One machte diese Verbindung eindringlich spürbar, indem er das Schicksal seiner Figuren mit den Wunden eines Landes verknüpfte, das gerade erst eine verheerende Niederlage hinter sich hatte.
Auch Godzilla Minus Zero greift diese Motive auf und erinnert daran, dass die Vergangenheit nicht einfach verschwindet, nur weil der Alltag langsam zurückkehrt. Wenn der Film die Gewalt des Krieges und die Zerstörung durch gewaltige Kräfte aufeinanderprallen lässt, besitzt das durchaus Wucht. Die Bilder sind kurz aber drastisch, die Inszenierung scheut sich nicht vor Konsequenzen. Gleichzeitig bleibt Yamazaki dem klassischen Kaiju-Film treu. Er muss das Genre nicht neu erfinden, um wirkungsvolle Unterhaltung zu liefern. Entscheidend ist vielmehr, wie geschickt er bekannte Elemente miteinander verbindet.
Wenn Godzilla die Leinwand übernimmt
Seine größten Stärken zeigt der Film immer dann, wenn die gigantischen Kreaturen tatsächlich aufeinandertreffen oder mit allerlei übernatürlichen Zampano ganze Landstriche mitsamt Städten vernichten. Die Effekte sind hervorragend, die Zerstörung besitzt ein spürbares Gewicht und die Monster wirken nicht wie digitale Spielfiguren, die lediglich vor einer Kulisse herumtoben. Wenn Godzilla zuschlägt, bebt die Leinwand. Die Bilder sind laut, wuchtig und von einer erfreulichen Kompromisslosigkeit geprägt. Gerade im Kino entfaltet diese Inszenierung ihre volle Wirkung. Hier wird deutlich, weshalb Yamazaki für seine Arbeit an Godzilla Minus One mit einem Oscar ausgezeichnet wurde.
Die Action gehört zweifellos zu den Höhepunkten von Godzilla Minus Zero. Umso bedauerlicher ist es, dass sie bei einer Laufzeit von 135 Minuten vergleichsweise wenig Raum bekommt. Der Auftakt weckt die Hoffnung auf einen Film, der seine monströsen Konfrontationen zum Herzstück macht. Danach rückt Godzilla jedoch immer wieder in den Hintergrund. Stattdessen dominieren besorgte Gesichter, erklärende Dialoge und ausgedehnte emotionale Szenen. Die Figuren reagieren auf die Bedrohung, diskutieren mögliche Lösungen und leiden unter den Konsequenzen. Das ist grundsätzlich nachvollziehbar, schließlich braucht auch ein Monsterfilm Menschen, um seine Katastrophe greifbar zu machen. Doch Yamazaki übertreibt es mitunter.
Mehr Melodramatik als Monster
Vor allem die melodramatischen Passagen nehmen erstaunlich viel Platz ein. Der Film möchte, dass das Publikum mit seinen Figuren mitfiebert, ihre Ängste teilt und ihre persönlichen Opfer ernst nimmt. Das funktioniert durchaus, solange die emotionalen Momente organisch aus der Handlung entstehen. Doch Godzilla Minus Zero betont seine Gefühle häufig so nachdrücklich, dass kaum noch Raum für Zwischentöne bleibt. Manche Szenen wirken, als müsse der Film seine emotionale Bedeutung unbedingt unterstreichen, anstatt darauf zu vertrauen, dass die Bilder und Figuren für sich sprechen.
Dabei hätte es der Fortsetzung gutgetan, sich stärker auf ihre wesentlichen Elemente zu konzentrieren. Die menschlichen Schicksale und die symbolische Ebene gehören untrennbar zum Godzilla-Mythos. Sie verlieren aber an Wirkung, wenn sie sich zu oft wiederholen oder die eigentliche Bedrohung aus dem Blick gerät. Auch die Entwicklung der Monster folgt weitgehend vertrauten Mustern. Große Überraschungen sollte man deshalb nicht erwarten. Das ist kein grundsätzliches Problem, denn ein Godzilla-Film muss das Genre nicht jedes Mal neu definieren. Hier allerdings verstärkt die vorhersehbare Dramaturgie den Eindruck, dass Yamazaki seinem Vorgänger vor allem dessen bewährte Zutaten entgegensetzt, ohne sie entscheidend weiterzuentwickeln.
Godzilla Minus Zero ist ein Film mit zwei sehr unterschiedlichen Gesichtern. Seine Monsteraction ist spektakulär, technisch beeindruckend und wie geschaffen für die große Leinwand. Gleichzeitig verliert sich die Fortsetzung zu häufig in einem überbordenden Melodram, das den Rhythmus ausbremst und die besten Qualitäten des Films unnötig in den Hintergrund drängt. Fans des Vorgängers dürften trotzdem auf ihre Kosten kommen, denn wenn Godzilla tatsächlich loslegt, ist das großes Monsterkino. Nur hätte es davon gerne deutlich mehr sein dürfen. Denn bei aller Liebe zu menschlichen Schicksalen gilt hier: Die Riesenechse ist nicht das Problem. Es ist die Zeit, die der Film ohne sie verbringt.